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Panorama Wie Conchita (wieder) zum Kerl wurde
Nachrichten Panorama Wie Conchita (wieder) zum Kerl wurde
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16:55 14.11.2018
Toleranz gegenüber Andershaarigen: 2014 wurde Conchita alias Tom Neuwirth beim Eurovision Song Contest zur europäischen Toleranzikone. Inzwischen tritt er wieder als Mann in Erscheinung. Quelle: dpa
Hannover, Viereinhalb Jahre liegt sein großer Triumph zurück: 2014 gewann der Wiener Tom Neuwirth als bärtige Kunstfigur Conchita Wurst den Eurovision Song Contest 2014. Jetzt hat er mit den Wiener Philharmonikern ein neues Album mit Evergreens aufgenommen („From Vienna with Love“) – und eine wichtige Entdeckung gemacht: sich selbst. Ein Gespräch über Frauen, Männer, Vielschichtigkeit und Speckröllchen

Es ist der 10. Mai 2014 um 21.53 Uhr in Kopenhagen: Die zarte Figur im Meerjungfrauen-Glitzerkleid schimmert gülden im Lichtkegel, umtänzelt von Sternschnuppen. Es ist der Moment, in dem der Gastwirtssohn Tom Neuwirth aus Oberösterreich zur paneuropäischen Toleranzikone wird. „Aus den Trümmern deiner zerbrochenen Welt formtest du aus Geröll eine Perle“, singt Conchita Wurst in „Rise Like A Phoenix“. Es ist die Geschichte ihres Lebens. Große Geige, großes Pathos, Leid und Hoffnung der ganzen Welt.

In 180 Sekunden wird aus dem gemobbten Außenseiter im Schutz seiner Maske die schillernde Wanderpredigerin einer besseren Welt, in der das Andere, das Originelle und Mutige nicht bekämpft, sondern gefeiert wird. Sieg beim Eurovision Song Contest. Eine Frau mit Bart? Ja Herrgott, findet Europa an diesem Abend – warum denn nicht? Toleranz gegenüber Andershaarigen! The Wiener takes it all. „Diese Nacht steht für Liebe, Toleranz und Respekt“, ruft die bärtige Diva. Und staunt hinterher backstage, frisch abgepudert nach einer durchschluchzten Nacht: „Mein Leben ist ein Musical.“

Eine irritierende Kunstperson mit viel Herz

Viereinhalb Jahre ist das jetzt her. Eine halbe Ewigkeit im Leben einer gefeierten, irritierenden, fragilen, zwischen den Geschlechtern changierenden Kunstperson mit viel Herz und noch mehr Lipgloss. Und wer heute nach Neuwirth forscht, erlebt eine Überraschung: Der Bart ist noch dran. Der Rest aber ist kein Zwischenwesen mehr, sondern ein Mann. Der zweitandrogynste Tom der deutschsprachigen Öffentlichkeit nach Tom Kaulitz von Tokio Hotel gibt sich als Kerl. Bei Instagram feiert er im maskulinen Piratenlook samt Jack-Sparrow-Kajalstrich seine Bauchmuskeln. Mal wasserstoffblond. Mal im Muskelshirt. Mal mit kurzen Haaren. Den klobigen Nachnamen „Wurst“ hatte er schon 2015 abgestreift.

„Ich habe mich gefragt: Bin ich das noch?“, sagte Neuwirth dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND). „Und es hat sich gezeigt: Ich bin nicht mehr der Drag Artist im goldenen Kleid. Conchita ist ein Teil meines Charakters. Sie ist sehr eloquent, gewählt, diplomatisch und geduldig. Das kann ich schon sein, aber in vielerlei Hinsicht bin ich das auch nicht.“ Die Diva ist also tot – es lebe Tom Neuwirth? Nicht ganz. „Noch gibt es Conchita, aber schließe nicht aus, auch mal unter meinem richtigen Namen aufzutreten.“

Tom Neuwirth alias Conchita

Tom Neuwirth wurde 1988 in Gmunden in Oberösterreich als Sohn der Gastwirte Helga und Siegfried Neuwirth geboren. Er wuchs in Bad Mitterndorf auf. 2006 nahm er an der dritten Staffel der TV-Castingshow Starmania des ORF teil und wurde Zweiter hinter Nadine Beiler wurde. 2011 schloss er eine Ausbildung an der Grazer Modeschule ab. 2014 gewann er in der Rolle der bärtigen Diva Conchita Wurst den Eurovision Song Contest in Kopenhagen. Im April 2018 gab er bekannt, dass er seit vielen Jahren HIV-positiv sei – er kam damit dem Zwangs-Outing durch einen früheren Freund zuvor, der ihn erpressen wollte. Inzwischen tritt er wieder häufiger als Mann in Erscheinung.

„Ich bin sehr von meinen Gefühlen gesteuert“

Blick zurück: Seit dem ESC lieh der 29-Jährige einer Zeichentrick-Schneeeule seine Stimme. Er traf für die arte-Reihe „Durch die Nacht mit…“ den Modeschöpfer Jean Paul Gaultier. Man aß Käsekrainer mit Schwarzbrot und Gurke, besuchte einen schwitzenden Poledancer, der beide ganz wuschig machte, und hauchte kichernd und naturbeschwipst Nichtigkeiten in die Pariser Luft („Wir lieben uns“). Es folgte: eine Therapie. Und mit ihr die Erkenntnis, dass diese steife „Präsidentengattin“ (Neuwirth über Conchita) nicht mehr viel mit ihm zu tun hatte. „Ich bin sehr von meinen Gefühlen gesteuert“, sagt er. Und er müsse sich eben „zur Gänze spüren“.

Seit drei Jahren trainierte er, sagt er. Und beim Krafttraining habe er dann plötzlich „im Spiegel einen Menschen gesehen, den ich noch nicht kannte: Mich.“ Es amüsiere ihn, „wenn Menschen glauben, es stecke ein Plan dahinter. Es ist einfach passiert.“ Plötzlich ein Kerl.

Mit den Wiener Symphonikern hat er nun ein James-Bond-artiges Album mit Evergreens aufgenommen. Auf „From Vienna with love“ singt er mit feinem Schmelz Hildegard Knefs unverwüstliches „Für mich soll’s rote Rosen regnen“, Eric Carmens „All By Myself“ und natürlich seinen ESC-Hit: „Rise Like A Phoenix“ – stimmig und pompös. Es ist ein Herzensprojekt. „Als zwölfjähriger Bub stand ich auf dem Dachboden und habe ,Colours Of The Wind‘ geschmettert – und jetzt singe ich das plötzlich mit einem ganzen Orchester.“

Zehn von elf Konzerten wurden abgesagt

Es sollte ein glamouröser Neustart werden, doch es kommt nun anders: Zehn von elf Konzerten in Deutschland hat der Veranstalter Meistersinger in dieser Woche kurzfristig abgesagt. Nur beim Jazzfestival in Dresden am 18. November wird Conchita auftreten. Gründe? Unbekannt. Von schleppendem Kartenverkauf wird gemunkelt. „So eine kurzfristige Absage fühlt sich an, als würde einem der Boden unter den Füßen weggezogen“, sagt Neuwirth. Dafür habe er jetzt mehr Zeit für Album Nummer drei. „Ich bin sehr lösungsorientiert.“

Erst im Frühjahr hatte er sich von einem „Damoklesschwert“ befreit: Er teilte öffentlich mit, HIV-positiv zu sein – bevor es ein Exfreund tat, der ihn zu erpressen versuchte. „Ich gebe niemandem das Recht, mir Angst zu machen“, schrieb er damals. Etwas verunsichert klang er zuletzt, wie auf der Suche. Das passiert schon mal, dass ein Künstler zwischen Kunstfigur und wahrem Ich verloren geht. „Ich bin es müde, Elvis Presley zu sein“, sagte Elvis Presley mal. „Sissi hing an mir wie ein Klotz am Bein“, sagte auch Romy Schneider. „Sie lächelte selig, wenn ich Lust hatte zu weinen. Sie pappte an mir wie Grießbrei.“

„Man kann es nicht allen recht machen“

Das klassische Tief nach dem Triumph? Lena Meyer-Landrut hat es erlebt, der norwegische ESC-Sieger Alexander Rybak hat es erlebt. Irgendwann schlug er gegen die Studiowand, bis die Hände bluteten. Sendepause. Depression. Neuaufbau. Neuwirth hat die Krise hinter sich. „Zu Beginn habe ich mich verleitet gefühlt, es allen recht zu machen. Das kann man aber nicht.“

Sieben Jahre ist es her, dass er „Conchita“ gebar. Alle Wurstwitze sind gemacht. Möglich, dass er nicht nur sich selbst, sondern auch sein Publikum überfordert hat. Dass es Zeit für etwas Neues war. Aber es ist immer ein Risiko, eine Ikone langsam sterben zu lassen. „Es ist nicht vorbei“, sagt er. „Ich habe noch etwas zu sagen.“ Es klingt zuversichtlich.

DAS INTERVIEW

Herr Neuwirth – Ihr Sieg beim Eurovision Song Contest liegt vier Jahre zurück, ihr Debütalbum „Conchita“ erschien 2015. Nun ist ihr neues Album „From Vienna With Love“ erschienen. Wie kam es dazu?

Dieses Album ist ein Stück weit passiert. Ich habe zum ersten Mal mit den Wiener Symphonikern zusammengearbeitet, als ich 2017 die Wiener Festwochen eröffnet habe. Und diese Euphorie und die Gunst der Stunde habe ich genutzt, um die Symphoniker zu fragen, ob wir gemeinsam etwas machen wollen. Daraus ist dieses wunderschöne Album entstanden – mit vielen Songs, die ich mir schon ein Leben lang anhöre. Es sind Lieder, die ich mir ausgesucht habe, um gewisse Momente musikalisch zu untermalen. Als zwölfjähriger Bub stand ich auf dem Dachboden und habe „Colours Of The Wind“ geschmettert – und jetzt singe ich das plötzlich mit einem ganzen Orchester.

Wie ist denn aktuell Ihr Verhältnis zu Ihrer Kunstfigur Conchita? Ist sie eine Freundin? Eine anstrengende Verwandte? Oder einfach eine Person aus der Vergangenheit?

Conchita ist ein Teil meines Charakters, dem ich sprichwörtlich ein Gesicht gegeben habe. Ich habe in den letzten Monaten viel darüber reflektiert und mich gefragt: Bin ich das denn noch? Und es hat sich gezeigt: Ich bin nicht mehr der Drag Artist im goldenen Kleid, nicht mehr die Präsidentengattin, wie ich Conchita nenne – voller Liebe! Ich habe erkannt, dass ich anscheinend öfter in Schwarzweiß-Kategorien denke, als ich dachte. Ein Teil von Conchita wird nie verschwinden, denn das bin ja auch ich – aber eben nur zu einem gewissen Teil. Conchita ist sehr eloquent, sehr gewählt und diplomatisch und ruhig und sehr geduldig. Und das kann ich schon sein, aber in vielerlei Hinsicht bin ich das auch nicht. Ich habe für mich verstanden, dass ich mich zur Gänze spüren muss. Ich muss mich vollständig ausleben können, um das, was ich in mir habe, auch zur Gänze ausschöpfen zu können. Es ist eine Weiterentwicklung, die nichts ausschließt oder beendet, die aber etwas Neues hinzufügt.

Bedeutet dass, dass Sie früher oder später auch unter Ihrem Namen Tom Neuwirth auftreten werden?

Ich weiß es noch nicht. Ich habe keine Ahnung, wie ich in zwei Wochen aussehen werde. Ich bin sehr von meinen Gefühlen gesteuert und ein sehr intuitiver Mensch. Ich tue immer, was ich für den Moment als richtig empfinde. Das ist natürlich nicht immer das Klügste, aber so bin ich nun mal gestrickt (lacht). Ich schließe nicht aus, auch mal unter meinem richtigen Namen aktiv zu sein, aber noch gibt es Conchita. Und es fühlt sich nicht so an, als würde ich das so schnell sein lassen.

Conchita ist als Frau mit Bart zu einer europäischen Toleranzikone geworden. In letzter Zeit treten Sie deutlich maskuliner in Erscheinung, etwa mit Sixpack-Fotos bei Instagram. Warum?

Auch das ist einfach passiert. Es amüsiert mich immer, wenn Menschen glauben, es stecke ein Plan dahinter – oder wenn jemand sagt, wie „klug ich das alles durchdacht hätte“. Nein! Ich habe gar nicht darüber nachgedacht. Dass mein Auftreten maskuliner wirkt, hat damit zu tun, dass ich seit drei Jahren Kraftsport mache. Und zwar aus einem sehr narzisstischen Grund heraus: weil ich an meinem Bauch etwas entdeckt habe, was ich nicht kannte.

Lassen Sie mich raten: Speck?

Richtig! Das kannte ich so noch nicht. Und das wollte ich nicht akzeptieren. Und dabei habe ich gespürt, welche Vorteile man hat, wenn man sich bewegt, gesund ist und Kraft hat. Das hat auch beim Singen Vorteile mit sich gebracht. Meine Stimme ist kräftiger geworden, ich bin kontrollierter. Natürlich verändert sich mit so einem Workout auch der Körper. Und plötzlich habe ich einen anderen Menschen im Spiegel gesehen, den ich noch nicht kannte. Und jetzt feiere ich das, was gerade ist.

Sie hatten eine Tour durch Deutschland geplant. Die meisten dieser Konzerte hat der Veranstalter kurzfristig abgesagt. Was war der Grund? Und wird es Nachholtermine geben?

Die Gründe sind sehr komplex. Eine solche Tour vorzubereiten ist ja auch ein ziemlicher Aufwand. Ich bin immer sehr dankbar, dass ich mich auf das konzentrieren kann, was ich am besten kann, nämlich mit meiner Band zu proben, Stücke neu und frisch zu arrangieren. Da fühlt sich so eine kurzfristige Absage an, als würde einem der Boden unter den Füßen weggezogen. Ich hoffe aber sehr, dass diese Termine schnell nachgeholt werden. Ich hatte mich darauf gefreut, meine Fans hatten sich darauf gefreut. Und vielleicht hole ich die Konzerte schon mit einem neuen Album nach.

Das ist schon in Arbeit?

Das ist schon in Arbeit. Und jetzt, wo diese Termine leider ausgefallen sind, habe ich als sehr lösungsorientierter Mensch gesagt: Okay – wenn das nicht stattfindet, gehe ich dafür jeden verfügbaren Moment ins Studio, um das Album noch schneller fertig zu machen. Um den Menschen auch zu zeigen: Es ist nicht vorbei. Ich habe noch etwas zu sagen.

Ist es auch eine Bürde, als Ikone zu gelten? Ist es manchmal anstrengend, sich den Erwartungen von Fans und Bewunderern, die alle möglichen Dinge auf Sie projizieren, dauernd als würdig zu erweisen?

Es ist eine Herausforderung, zu verstehen, dass ich niemandem verpflichtet bin. Die Erwartungen, die man an mich hat, gehen mich ja eigentlich nichts an. Das, was andere in mich hineininterpretieren, kommt von diesen Menschen. Es ist natürlich schön, dass es alles in allem doch eher ein positives Bild ist, das man mit mir verbindet. Aber ich wehre mich immer dagegen, in irgendeiner Weise instrumentalisiert zu werden. Denn ich tue ja nur das, was ich für richtig halte – und es ist natürlich möglich, dass das für viele Menschen eben nicht das Richtige ist. Zu Beginn habe ich mich verleitet gefühlt, es allen recht zu machen. Das kann man aber nicht. Ich habe aber gelernt, mich abzugrenzen – und verstanden, was für mich wichtig ist. Und das werde ich immer sagen. Aber es gibt auch viele Dinge, zu denen habe ich keine Meinung. Ich bin gut darin geworden zu sagen: „Ja, das ist sicher auch ein Problem – aber es gibt zum Glück Menschen, die dieser Thematik näher sind. Ich bin nicht allwissend.

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