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Panorama Warum wir so leicht nostalgisch werden
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10:00 04.08.2019
Früher, das bedeutet Geborgenheit und Vertrautheit. Dass wir heute eine besonders nostalgische Gesellschaft sind, liegt vor allem an der Gegenwart. Und der Furcht vor der Zukunft. Werbeexperten stürzen sich auf diese Vergangenheitsliebe. Quelle: il67/iStock
Hannover

Woodstock. Wer wäre nicht gern dabei gewesen? All die grandiosen Musiker, die Bands, das Aufbruchgefühl. Schlamm? Schlampereien? Schlimme hygienische Zustände? Alles egal. Kein Konzert, kein Festival wird so glorifiziert wie das „Woodstock Music & Art Fair presents An Aquarius Exhibition – 3 Days of Peace & Music“ – kurz Woodstock.

Die Geschichte dieses historischen Musikevents im August 1969 wurde oft erzählt. In Berichten, Büchern, Filmen. Dass das Festival gar nicht im US-amerikanischen Woodstock und auch nicht in der Nähe stattfand, sondern 70 Kilometer weit entfernt in Bethel. Dass Joe Cockers Stern dort aufging, dass der Auftritt von Janis Joplin zu den schlechtesten ihrer Karriere gehörte.

Dass das Konzert Höhepunkt und zugleich Ende der großen Hippiebewegung war. Dass Jimi Hendrix am Ende der viereinhalb Tage – sein Auftritt begann am Montagmorgen um 9 Uhr – die US-Nationalhymne dermaßen dekonstruierte, dass das Land nicht mehr wusste, wie viele Sternlein stehen am stolzen Nationalhimmel. Dass Woodstock der Beginn einer neuen Zeit war.

Das Vergangene wird immer attraktiver

Alles Vergangenheit. Alles vorbei. Eigentlich. Denn heute darf nicht mehr ruhen, was einmal war. Vor allem nicht, wenn es so erfolgreich, so aufgeladen, so historisch ist wie Woodstock. Aber nicht nur für dieses epochemachende Musikevent gilt: Das Vergangene wird immer attraktiver. Wir leben in einem Zeitalter der Nostalgie.

Monatelang hatte einer der damaligen Initiatoren, Michael Lang, mit Verbündeten daran gearbeitet, exakt 50 Jahre später ein Woodstock 2019 auf die Beine zu stellen. Nun, knapp zwei Wochen vor dem anvisierten Start am 16. August, steht zwar fest: Das Revival muss abgesagt werden – zu viele Musiker wie der Rapper Jay-Z, Carlos Santana und Miley Cyrus, die eigentlich auftreten wollten, waren abgesprungen. Zudem gestaltete sich die Suche nach einem Ort als schwierig.

Aber die Idee, dieses Großereignis in die Gegenwart zu holen, steht für einen größeren Trend. Sicher, Michael Lang wollte den Namen Woodstock auch benutzen, weil der aus ökonomischer Sicht eine unglaublich anziehende Wirkung hat. Doch von Anfang an war klar: Lang wollte die Vergangenheit, vor allem den Geist der friedvollen, revolutionären Hippiezeit wiederbeleben.

Im Früher nach Rezepten für das Bestehen im Heute suchen

Der Stadt Vernon, die sich erfolgreich dagegen gewehrt hatte, das Woodstock-Revival zu beherbergen, sagten die Veranstalter: Man bedauere, dass die Unterstützer in Vernon „der einzigartigen Chance beraubt wurden, die Wiedergeburt einer kulturellen Friedensbewegung mitzuerleben, die die Welt im Jahr 1969 verändert hat und die die Welt wieder braucht“.

Wiedergeburt – als könne man auf Knopfdruck den Spirit einer längst vergangenen Zeit eins zu eins in die Gegenwart transportieren. Als müsse man nur die Geister der Vergangenheit beschwören, um die Trumps dieser Welt von ihren Thronen zu schubsen.

Doch warum soll ein Ereignis wie Woodstock eigentlich überhaupt wiederholt werden? Was soll eine solche Reise in die Vergangenheit? Der Wunsch passt in unser Zeitalter, in dem Menschen fast aller Altersschichten gern zurückblicken, die guten alten Zeiten beschwören und im Früher nach Rezepten für das Bestehen im Heute und das Gestalten des Morgen suchen.

Nostalgische Gedanken können das Körpergefühl beeinflussen

Die Vergangenheit ist schwer in Mode. Turnschuhe wie der „Stan Smith“ von Adidas oder das Comeback von Marken wie Ellesse und Fila stehen genauso für eine Retrowelle wie Serienerfolge wie „Mad Men“ (spielt in den Sechzigerjahren). Motorola hat in diesem Jahr angekündigt, sein Klapphandy Razr im Retrostil neu aufzulegen.

Selbst die strikt in die Zukunft weisende Computerspielbranche bringt Retrokonsolen von Atari oder Nintendo auf den Markt. Die Frankfurter Altstadt wird rekonstruiert, genauso wie das Stadtschloss in Berlin. Das Vinyl erlebt eine Renaissance wie der Werbespot der Allianz-Versicherung, Sie wissen schon, der mit dem Unfall in Italien. Es gibt Menschen, denen im Kino die Tränen in die Augen schossen, als die Tomaten auf der Leinwand aus dem italienischen Laster purzelten wie damals in der Kindheit in den Achtzigern.

Erinnerungen können sehr warme Emotionen wecken. Und nicht nur im Wortsinn. Es gibt Studien, die zeigen, dass nostalgische Gedanken das Körpergefühl beeinflussen: Wir fühlen uns in kalten Räumen wärmer, wenn wir schöne Erinnerungen an früher hegen.

Immer noch ganz oben: Bis heute gehört Woodstock zu den Musikfestivals mit den meisten Besuchern. Quelle: RND

Dazu kommen gefühlte Wahrheiten: Früher war alles übersichtlicher, die Menschen verhielten sich freundlicher und zuvorkommender, Alltag und Beruf waren weniger hektisch. Früher, das bedeutet Geborgenheit und Vertrautheit. Kein Smartphone lenkte ab, kein Internet verstärkte Meinungen, wir telefonierten mit Festnetz und Schnur. So war das damals. Schön, oder?

Werbeexperten stürzen sich auf diese Vergangenheitsliebe. In den USA haben Firmen mittlerweile „Nostalgia Marketing“-Abteilungen. In einer Handreichung mit Tipps für diesen PR-Bereich heißt es: „In einer Welt, die sich mit rasender Geschwindigkeit zu entwickeln scheint, ist das Eintauchen in die Nostalgie wie das Einhüllen in eine bequeme Decke der ,guten alten Tage’, in denen die Dinge einfacher waren.“

Die Sehnsucht nach dem Vergangenen hat, wie sollte es anders sein, also auch eine ökonomische Note. Luc Boltanski und Arnaud Esquerre nennen die Vergangenheit in ihrem Buch „Bereicherung. Eine Kritik der Ware“ gar den „Fluchtpunkt einer neuen Form des Kapitalismus“.

„Nostalgiekapitalismus“ lebt vom Mehrwert des Historischen

Da Massenware mittlerweile fast ausschließlich außerhalb Europas hergestellt wird, so ihre Beobachtung, konzentrieren sich Firmen auf dem alten Kontinent auf teure Produkte, die möglichst authentisch von Tradition und Vergangenheit erzählen. Dieser „Nostalgiekapitalismus“ lebt vom Mehrwert, den das Historische erzeugt. Past sells.

Wer sich mit der Nostalgie beschäftigt, landet früher oder später bei Odysseus. Nach zehn Jahren Trojanischem Krieg sollte es noch zehn weitere Jahre dauern, bis der Krieger zu seiner Frau Penelope und seinem Königshof auf Ithaka zurückkehren konnte. Sieben dieser zehn Jahre lebte er bei der Nymphe Kalypso, die ihm sogar Unsterblichkeit anbot, wenn er bei ihr bliebe.

Doch er sehnte sich nach seiner Rückkehr – griechisch „nostos“ – und fühlte bei diesen Gedanken und der zwischenzeitlichen Aussichtslosigkeit Schmerz – griechisch „algos“. Nostalgie bedeutet also so etwas wie „Schmerz beim Denken an Heimkehr“.

„Der Gedanke an die Zukunft löst heute Angst aus“

Dass wir heute eine besonders nostalgische Gesellschaft sind, liegt vor allem an der Gegenwart. Und der Furcht vor der Zukunft. „Der Gedanke an die Zukunft löst heute Angst aus, da wir das Vertrauen an unsere kollektive Fähigkeit verloren haben, mögliche Exzesse zu verhindern und das Morgen weniger furcheinflößend und abstoßend und dafür ,nutzerfreundlich’ machen“, schrieb der vor zwei Jahren gestorbene Soziologe Zygmunt Bauman in seinem Buch „Retrotopia“.

Heute erscheint alles möglich und die Zukunft offen wie nie, aber der einzelne Mensch hat große Probleme, sich in einer sich rasant verändernden und erneuernden Welt zu verorten. Und er sieht Schwierigkeiten, handlungsfähig zu bleiben. Diese Unsicherheit ist einer der Nährböden der Nostalgie.

Die Vergangenheit bietet da vielen Halt. Das, was kommt, ist unbekannt, das Gewesene hingegen bekannt, vertraut, verständlich. Man glaubt zu wissen, was geschieht, wenn man wiederholt, was war. Doch die Erinnerung, so betont die Psychologin Julia Shaw, schlägt uns oft genug ein Schnippchen.

Ein Mythos lässt sich nicht wiederholen

In Studien zeigten Forscher, „dass Menschen überschätzen, wie sehr sie sich bei ihrer Europareise, ihrem Drei-Wochen-Fahrradtrip durch Kalifornien oder beim Feiern des Erntedankfestes vergnügt hatten“. In der Regel begleiten auch Selbstzweifel, Enttäuschungen und andere negative Gefühle eine solche Reise. Doch diese werden schon bald nach dem Ereignis ausgeblendet. „Wenn wir aber das Schlechte vergessen, das Gute hingegen in bester Erinnerung behalten, folgt daraus nahezu logisch die Sehnsucht nach der vermeintlich großartigen Vergangenheit“, so Shaw.

Die Sehnsucht nach einem Woodstock der Gegenwart scheint bei vielen immer noch groß zu sein – egal, ob die Menschen damals dabei waren oder das Ereignis nur aus Erzählungen kennen. Doch bei aller Nostalgie lässt sich wohl kaum bestreiten: Ein Mythos lässt sich nicht wiederholen.

Oder wie es Bosse in seinem – ebenfalls nostalgisch angehauchten – Song „Schönste Zeit“ singt: „Was wir nicht können, / ist irgendwas wiederholen, / kein Augenblick kein Moment / kann sich je wiederholen. / Was wir nicht können, / ist irgendwas wiederholen / wir können nicht zurück / und warum sollten wir auch?“

Von Kristian Teetz

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