Menü
Neue Presse | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Panorama „Notleidende Banken“ ist Unwort des Jahres
Nachrichten Panorama „Notleidende Banken“ ist Unwort des Jahres
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
14:54 20.01.2009
"Notleidende Banken": Die Skyline von Frankfurt am Main.
"Notleidende Banken": Die Skyline von Frankfurt am Main. Quelle: ddp
Anzeige

Allerdings sei es diesmal nicht gelungen, den Schöpfer des Unworts auszumachen, ergänzte Schlosser. Als weitere „unwortverdächtige“ Ausdrücke des vergangenen Jahres nannte die Jury „Rentnerdemokratie“ und „Karlsruhe-Touristen“.

Die Banken, die mit ihrer Finanzpolitik die Krise herbeigeführt hätten, würden mit der Formulierung „notleidend“ rundweg zu Opfern stilisiert, erläuterte Schlosser. Tatsächlich sei es aber der Steuerzahler, der die Milliardenkredite mittragen müsse. Gleichzeitig gerieten ganze Volkswirtschaften in arge Bedrängnis.

Auch der Ausdruck „Finanzkrise“, den die Gesellschaft für deutsche Sprache im Dezember zum Wort des Jahres 2008 kürte, habe sich mehrfach unter den Einsendungen zum Unwort des Jahres gefunden, sagte Schlosser. Diskursiv sei aber nur die Verwendung des Wortteils „Krise“, da der Ausdruck heute verharmlosend auch für „Krieg“ im Sprachgebrauch sei. Häufig vorgeschlagen wurden laut Schlosser außerdem „Bonuszahlungen“, „Anlagenberater“ oder „Finanzprodukt“.
Diesen Wörtern fehle aber ein diffamierendes, sinnverfälschendes Potenzial, das auch die Menschenwürde verletzen könne. Das aber seien die entscheidenden Kriterien für das Unwort, erläuterte der Jury-Sprecher. Dass mit Bonuszahlungen auch Missbrauch betrieben werden könne, mache den bloßen Gebrauch des Worts nicht fragwürdig. Das gelte auch für den ebenso häufig wie „notleidende Banken“ eingesandten Ausdruck „Nacktscanner“, da allein der Gebrauch des Geräts bedenklich sei.
Das Wort „Rentnerdemokratie“ habe Alt-Bundespräsident Roman Herzog, der selbst „satte Altersbezüge“ erhalte, nach der jüngsten 1,1-prozentigen Rentenerhöhung geprägt, sagte Schlosser. Er habe damit eine Situation beschreiben wollen, in der - so Herzogs Worte - „die Alten die Jungen ausplündern“. Die vom Polizeigewerkschafter Rainer Wendt geprägte Formulierung „Karlsruhe-Touristen“ diffamiere Politiker wie Gerhart Baum und Burkhard Hirsch, die wegen Zweifeln an der Verfassungstreue von Gesetzen vor das Bundesverfassungsgericht gegangen seien.
Die zehn häufigsten vorgeschlagenen Unwörter waren in diesem Jahr neben den „notleidenden Banken“ nach Angaben der Jury Nacktscanner, bildungsferne Familien, Finanzkrise, Migrationshintergrund, Rettungspaket, Ypsilanti, Verschmutzungsrechte, Public Viewing und morbiditätsorientierter Risikostrukturausgleich.
Das „Unwort des Jahres“ wurde zum 18. Mal gekürt. Die Auswahl trifft eine sechsköpfige Jury aus Sprachwissenschaftlern, die ihre Mitglieder selbst benennt. Gerügt werden „Unwörter“, welche die „Erfordernisse sozialen Miteinanders verfehlen“. Jeder ist zu Vorschlägen aufgefordert. Für das „Unwort des Jahres 2008“ erreichten die Jury nach eigenen Angaben 1129 unterschiedliche Vorschläge. Unwort des Jahres 2007 war „Herdprämie“.
Vor dem Hintergrund, dass dieses Mal „Ypsilanti“ zu den häufigsten Einsendungen gehörte, vermerkte Schlosser kritisch, dass Eigennamen keine Unwörter sein könnten. ddp