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Panorama Nazi-Terror in Braunschweig geplant?
Nachrichten Panorama Nazi-Terror in Braunschweig geplant?
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06:16 29.09.2012
Ein Gedenkstein erinnert in Dortmund an den 2006 von der rechtsextremen Terrorzelle NSU ermordeten Mehmet Kubasik. Womöglich planten die Neonazis auch Anschläge in Braunschweig.
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VON VERA KÖNIG

HANNOVER. Mit einem blauen Stift eingetragen sind dort verschiedene Punkte in der Innenstadt. Als die Adressen von Moscheen, türkischen und iranischen Restaurants und Geschäften hat der türkische Generalkonsul Tunca Özcuhadar sie auf Bitte der NP identifiziert. Vielleicht ist es nur Zufall, dass es in Braunschweig kein Bombenattentat oder eine gezielte Hinrichtung wie in anderen Städten gab. Allein die Vorstellung, dass das hätte passieren können, lässt Özcuhadar schaudern. „Dass es diesen Kartenausschnitt gibt, habe ich nicht gewusst“, sagt der Diplomat.

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Der Fund ist brisant. Weil er auf Tatvorbereitungen des Killer-Trios schließen lässt. Denn in der Wohnung, die die Rechtsterroristin Beate Zschäpe im November 2011 nach dem Tod ihrer Gesinnungsgefährten Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt in die Luft gesprengt hatte, fand sich auch ein Kartenausschnitt aus Nürnberg. Handschriftlich vermerkten die Neonazis darauf die Adressen dreier Asylheime, des Büros der Deutschen Kommunistischen Partei (DKP) Nürnberg, einer Kneipe und zweier Imbisse. Der eine trägt die Nummer 7 und kennzeichnet den Dönerstand an der Scharrerstraße – und damit den Tatort eines Mordes.

Am 9. Juni 2005 wurde Ismail Yaşar dort vom „Nationalsozialistischen Untergrund“ mit fünf gezielten Schüssen in Kopf und Herz an seinem Dönerstand hingerichtet. Die Täter, so haben die späteren Ermittlungen ergeben, waren Mundlos und Böhnhardt. Die Polizei aber erkannte die Zusammenhänge damals nicht: Zeugen hatten zwei sich auffällig verhaltende Männer mit Fahrrädern in der Nähe des Tatorts beobachtet. Zuerst hatten diese eine Karte studiert und später ihre Räder in einen dunklen Lieferwagen mit abgetönten Scheiben geladen. Die angefertigten Phantombilder führten nicht auf die richtige Spur. Oder genauer, die richtige Spur sah die Polizei nicht.

Denn einer der gesuchten Radfahrer, so ihre Erkenntnis, habe durchaus Ähnlichkeit mit einem Beteiligten am Nagelbombenattentat vom 9. Juni 2004. In der Köln-Mülheimer Keupstraße, bekannt als Zentrum des türkischen Geschäftslebens, hatten zwei Unbekannte mit einer ferngezündeten Nagelbombe 22 Menschen verletzt, vier davon schwer. Ein Friseursalon wurde verwüstet, mehrere Geschäfte und parkende Autos wurden durch die Explosion und herumfliegende Nägel erheblich beschädigt. Die Bombe, eine mit Schwarzpulver und zehn Zentimeter langen Tischlernägeln gefüllte Drei-Kilo-Gasflasche, war auf dem Gepäckträger eines Fahrrads montiert worden, das vor dem Friseurladen stand. Eine Überwachungskamera hatte einen Mann mit einer Baseballkappe gefilmt, der kurz vor dem Anschlag mit einem Fahrrad in der Keupstraße unterwegs gewesen war. Nach dem Mord an Yaşar richtete das Bundeskriminalamt zwar die „SoKo Bosporus“ ein, doch die Ermittler gingen damals vor allem von der Möglichkeit aus, „dass die Opfer in Verbindung mit türkischen Drogenhändlern aus den Niederlanden standen“.

Dabei hätte die Polizei Beate Zschäpe, Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt schon kurz nach dem Mord an Yaşar in Niedersachsen festnehmen können. Nach den drei Terroristen – noch nicht als brutale Mörder ausgemacht, aber untergetaucht – wurde wegen eines Sprengstoffanschlags längst gesucht. Was Zschäpe und ihre Freunde nicht davon abhielt, einen Campingplatz in Gifhorn anzusteuern. „Einer meiner Pächter feierte dort die Hochzeit mit einer Frau aus Ostdeutschland“, berichtet der Campingplatzbesitzer der NP. Zum Fest waren deren Verwandte und Freunde angereist, darunter offenbar auch die drei aus der Zwickauer Terrorzelle. Spätabends grölten sie Nazilieder. Der Platzwart rief die Polizei. „Die hat gesagt, ich soll mich nicht so anstellen“, erzählt der Campingplatzbesitzer. Nicht mal die Personalien seien überprüft worden. Er verwies das Trio vom Platz. Glück, dass dem mutigen Mann nichts passierte.

Generalkonsul Özcuhadar ist nach wie vor besorgt: „Nachdem die NSU-Morde öffentlich bekannt geworden waren, haben wir sowohl auf Bundes- als auch auf Länderebene bei den jeweils zuständigen Innenministern darum gebeten, notwendige Maßnahmen zum Schutz der türkischen Bevölkerung sowie deren Vereinen und Einrichtungen zu ergreifen. Die Innenminister und auch die zuständigen Sicherheitsbehörden haben zugesichert, dass sie alles tun werden, um Sicherheit und Schutz zu gewährleisten.“

Doch noch immer kommt es zu Übergriffen, meist von Neonazis: „Um nur zwei aktuelle Beispiele zu nennen: In der vergangenen Woche gab es islamfeindliche Schmierereien an der Ditib-Moschee in Göttingen, und einer benachbarten Gemeinde wurde ein abgehackter Schweinekopf mit eingeritztem Hakenkreuz vor die Tür geworfen.“ Auch die Ditib-Moschee in Braunschweig hatte der NSU mit einem Kreuz markiert.