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Panorama Für 99 Euro! Landgasthof zu versteigern
Nachrichten Panorama Für 99 Euro! Landgasthof zu versteigern
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13:50 26.06.2009
Reinhard Bairischer vor seinem Landgasthof Schwanen in Hettingen.
Reinhard Bairischer vor seinem Landgasthof Schwanen in Hettingen. Quelle: ddp
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Dann soll das Anwesen von Reinhard Bairischer in Hettingen auf der Schwäbischen Alb als Schnäppchen verlost werden. Der Wirt bietet seinen Gasthof aus dem 15. Jahrhundert im Internet an, per Mausklick gibt es das Los für knapp hundert Euro. Da dieses Geschäft in Deutschland verboten ist, wickelt Bairischer es über Österreich ab. Erst im Februar war die Internet-Verlosung einer Villa im nordrhein-westfälischen Witten gerichtlich untersagt worden.

Vor 17 Jahren kaufte der Wirt den Gasthof als „reine Dorfkneipe“ und steckte 400 000 Mark in die Renovierung. Heute bietet er „frische gutbürgerliche Küche“, ein schattiges Plätzchen im Biergarten und Fremdenzimmer an. Ursprünglich hatte der Familienvater gehofft, seine Kinder würden eines Tages mit an den Kochtöpfen stehen und die Geschäfte irgendwann übernehmen. Doch die drei schlugen beruflich völlig andere Wege ein. Jetzt ist den Eltern das Anwesen zu groß. Sie wollen sich woanders etwas Kleineres aufbauen.

Zwei Jahre lang hat der Wirt versucht, das Anwesen für eine Viertelmillion Euro loszuwerden. Interessenten gab es mehrere, denn der einzige Gasthof in dem Ort mit knapp 1000 Einwohnern läuft gut. „Es ist immer am Geld gescheitert“, bedauert Bairischer. Eines Tages vor dem Fernseher, bei einem Bericht über die Internet-Verlosung einer Villa in Österreich, kam dem Gastronomen die Lösung: „So etwas muss doch bei uns auch möglich sein“, dachte er sich - und fügt heute hinzu: „Ist es aber nicht.“

„Die Verlosung ist Glücksspiel“, sagt ein Sprecher des zuständigen Regierungspräsidiums Karlsruhe. Und Glücksspiel im Internet ist verboten. Grund sei der Schutz vor Spielsucht und vor „kriminellen Begleiterscheinungen“. So könne man etwa nicht kontrollieren, ob ein Minderjähriger ein Los erwirbt. Zudem würde schnell ein blühender Schwarzmarkt entstehen, wenn die Verlosung von Immobilien erlaubt wäre, ist der Sprecher überzeugt. „Da können Sie auch etwas versteigern, was es vielleicht gar nicht gibt.“

Weiter sei völlig unklar, welche Kosten auf den künftigen Besitzer zukämen, etwa im Falle des Gasthofs die Betriebskosten. Obwohl Bairischer das Geschäft über Österreich abwickelt, will das Regierungspräsidium dagegen vorgehen. „Dieses Glücksspiel findet auch in Deutschland statt“, sagt der Sprecher. Auch von Computern in Deutschland aus könne man Lose für das Anwesen auf deutschem Boden kaufen.

Bairischer ärgert sich über die Bedenken. Das Gesetz, findet er, „zielt eigentlich auf eine andere Gruppe ab“, etwa Sportwettenanbieter, die „Abzocke“ betrieben. Für Fälle wie den seinen, findet der Gastronom, müsste man Ausnahmen schaffen. Neben den rechtlichen Hürden muss er noch eine weitere nehmen: Mindestens 3900 Lose müssen verkauft werden, damit die Verlosung zustande kommt. Dann geht Baierischer nach Abzug aller Steuern und Gebühren angesichts bestehender „Verbindlichkeiten“ ohne Verlust aus dem Geschäft. Insgesamt stehen 7500 Lose zum Verkauf.

Wie viele schon verkauft sind, weiß er nicht. „Das ist eine spannende Geschichte“, sagt er und räumt ein, dass diese Phase der Unklarheit „nicht ganz spurlos“ an ihm und seiner Frau vorbeigeht. Laut dem offiziellen Gutachten eines Architekten ist das Anwesen 750 000 Euro wert. Aber „man muss ja heutzutage realistisch sein“, betont der derzeitige Besitzer. „Ich bringe es ja noch nicht mal für 250 000 Euro los.“

Kommt die Verlosung zustande, will der Gastronom einen Neuanfang wagen, vielleicht an der Ostsee oder am Bodensee. „Ich war schon immer wanderlustig“, sagt der Wirt und berichtet von Aufenthalten in der Schweiz und in Norwegen. So glücklich wie er wären seine Gäste offenbar nicht über den Erfolg des Geschäfts. Die waren laut Bairischer gar nicht begeistert von der Verlosung, „weil die ihren Wirt nicht verlieren wollen“. Hettingen fiebert dem Verlosungsende entgegen. ddp

26.06.2009
26.06.2009