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Panorama Ein Ort zwischen Trauer und Wut: „Ich hoffe, dass sie jetzt den Richtigen haben“
Nachrichten Panorama Ein Ort zwischen Trauer und Wut: „Ich hoffe, dass sie jetzt den Richtigen haben“
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17:58 17.06.2019
Der Tatort in Wolfhagen-Istha: Nach Hinweisen auf einen rechtsextremen Hintergrund übernimmt der Generalbundesanwalt die Ermittlungen im Fall Walter Lübcke. Quelle: dpa
Wolfhagen-Istha

Sie sind vorsichtig geworden in Istha, man spürt das an den Blicken. Sommerliche Geschäftigkeit liegt an diesem Mittag über dem Ort, eine Mischung aus Rasenmäherbrummen und Vogelzwitschern hängt in der Luft, aber jeden Fremden beäugen sie jetzt genau, das haben sie gelernt. Journalisten, Polizisten und wer weiß wer noch, es konnte in den letzten Tagen ja jeder sein. Aber die Vorsicht bemerkt man auch an der Art, wie sie über die Nachricht sprechen, die an diesem Tag natürlich längst alle kennen. „Ich halte nichts von Vorverurteilungen“, sagt Harry Mütze, während er am Holztor seiner Garage lehnt. „Ich kann nur hoffen, dass sie jetzt den Richtigen haben.“

„Der Walter“ – ein „Dorfjunge“ von 66 Jahren

Istha, 850 Einwohner, Ortsteil von Wolfhagen, hat es in den letzten Wochen zu einer erschütternden Berühmtheit gebracht. Bis dahin gab es hier, sagt Mütze, der stellvertretende Ortsvorsteher, beides nicht: keine Verbrechen und keinen Extremismus. Vor zwei Wochen, am 2. Juni, wurde hier, auf der Terrasse seines Hauses am Rand des Ortes, Walter Lübcke erschossen. Lübcke war Regierungspräsident, aber für die Menschen in Istha war er vor allem „der Walter“, ein „Dorfjunge“, wie sie hier sagen, von 66 Jahren. Seitdem trauern sie um ihn. Und fragen sich, wer es war. Dass es ein Rechtsextremist sein könnte, sagt Mütze, das hatten sie natürlich selbst schon vermutet, wegen der Klarheit, mit der „ihr“ Walter da schon mal Position bezog.

Aber dann verdächtigte die Polizei den jungen Sanitäter, der eigentlich hatte helfen wollen, und da schien nun gar nichts mehr sicher. Mütze kennt ihn, natürlich. „Der hat an dem falschen Verdacht noch immer schwer zu knapsen.“ Und jetzt also die Festnahme.

„Für den ganzen Ort wäre das eine Riesenerleichterung, wenn es diesmal der Richtige wäre“, sagt Mütze. „Und vor allem für die Familie.“

Gerald Warnke ist nicht überrascht

Auch in Kassel, wo der Tatverdächtige in der rechten Szene aktiv gewesen sein soll, treibt der Fall die Menschen um. Ein politischer Mord steht im Raum. Überrascht? Ist Gerald Warnke nicht. Im Gegenteil. Leider könnten sich all seine Befürchtungen bewahrheitet haben, wenn sich der Verdacht gegen den festgenommenen Stephan E. bewahrheitet.

Warnke, 67, Linken-Mitglied, Lehrer, beobachtet seit knapp vier Jahrzehnten die rechte Szene in Kassel, zuletzt im April hat er zudem die Gedenkveranstaltung für das Kasseler NSU-Opfer Halit Yozgat organisiert. Den jetzt Verdächtigen kannte er nicht gut. Mehr weiß er dagegen über Stanley R., der im Landkreis Kassel lebt und ein wichtiger Akteur der Neonazi-Gruppe Combat 18 sein soll – zu der wiederum der jetzt Verdächtige auch Kontakt gehabt haben soll.

„Nach dem gleichen Muster“ wie der NSU

Warnke sagt, die Gefährlichkeit der Neonazi-Gruppen sei im Raum Kassel bekannt gewesen, ein Verbot hätten die Behörden aber trotz Durchsuchungen immer abgelehnt. „Dass ein Anschlag so schnell kommt, hat uns total geschockt“, sagt er. Dass er überhaupt kam, überrascht ihn nicht. „Ich konnte nicht glauben, dass sie so schnell wieder nach dem gleichen Muster zuschlagen.“ Nach dem gleichen Muster, das heißt: wie der NSU. Daran ist, an diesem Tag noch, vieles Spekulation. Nur dass sie aus Sicht des Kasseler NSU-Beobachters Gerald Warnke leider gerade sehr nahe liegt.

Aber neben all den Verdächtigungen und den Debatten um die Folgen ist es in Istha eben vor auch noch die Trauer, die diesen Ort beherrscht. Man spürt das bei Harald Hensel. Hensel war Lübckes Nachbar, er wohnt auf dem Hof direkt nebenan. Manchmal haben sie zusammen ein Bier getrunken, auf der Terrasse, auf der Lübcke erschossen wurde und wo jetzt noch immer Polizisten patrouillieren und alles absuchen. „Wenn ich rüberschaue, dann sehe ich ihn noch immer da sitzen“, sagt Hensel, ein kräftiger Mann in brauner Latzhose.

„Wer sowas schreibt, ist ein Feigling, ein Menschenfeind“

In den letzten Wochen ist auch seine Welt gründlich erschüttert worden. Zum Beispiel, als er las, was Menschen nach dem Tod seines Nachbarn Hasserfülltes, Hämisches schrieben. Hensel sagt, er habe alles, oder zumindest viel davon gelesen. „Wer sowas schreibt, ist ein Feigling, ein Menschenfeind“, sagt er. Und das, wo Walter Lübcke, wie er ihn kannte, doch das genaue Gegenteil war.

Harald Hensel hofft jetzt, was alle hoffen: Dass diesmal der Täter wirklich gefunden ist. „Es wird Zeit, dass wir hier ein bisschen zur Ruhe kommen“, sagt er. Und so, wie er dabei klingt, ahnt er selbst, dass das wohl noch eine ganze Weile dauern wird.

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Von Thorsten Fuchs/RND

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