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Niedersachsen Abflug nach Mallorca – und Langeoog auf dem Trockenen
Nachrichten Niedersachsen

Wut auf der Insel: Mallorca öffnet, Langeoog auf dem Trockenen

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19:00 30.03.2021
Langeoog im Lockdown: Bereits das zweite Osterfest ohne Touristen, Insulaner sind verzweifelt
Langeoog im Lockdown: Bereits das zweite Osterfest ohne Touristen, Insulaner sind verzweifelt Quelle: Rückerl Petra
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Langeoog

Ostern steht vor der Tür und die Insel füllt sich. Geschätzt 3500 neue Gäste wurden auf Langeoog gezählt, so viele haben die Insulaner lange nicht gesehen. Abstand halten die Besucher nicht, geschweige denn, dass sie Masken tragen. Die Nonnengänse wissen vermutlich auch nicht, was Corona überhaupt sein soll. Oder ein Lockdown.

Sie sind nicht die einzigen, die die fast menschenleere Natur jenseits des 1800-Einwohner-Dorfes zurückerobern. Der gepflasterte Radweg Richtung Ostende ist Gänseland: Zickige Nilgänse und balzende Graugänse haben die Straße für sich entdeckt. Klebende Riesenkötel an den Fahrradreifen sind unwillkommene Mitbringsel. Strandlerchen in Zweierbeziehungen machen Flugstunden am Straßenrand, Goldregenpfeifer im Riesenschwarm fliegen Kunstwerke über den Pferde- und Gallowayrinderweiden. Und auch der Loeffler ist aus Afrika heimgekehrt und steuert die Salzwiesen am Watt im Tiefflug an. Gegenüber am Melkhörn brüten Silber- und Heringsmöwen.

Ach ja. Ein paar Zweitwohnungsbesitzer und wenige Tagesgäste sind am Hauptstrand auszumachen. Die Weite und Leere der Strände hat etwas Bedrückendes. Vor allem für jene, die hier – und vom Tourismus – leben.

Alles frei: Exklusiver Blick für einzelne Besucher und Insulaner. Quelle: Rückerl

Stillstand auf Langeoog

Die Insulaner sind es gewohnt, mit der Natur zurecht zu kommen. Mit den Gezeiten, mit den Stürmen und dem eiskalten Nebel im Winter, mit dem Wind, der von Frühjahr bis Herbst vergessen lässt, wie sehr die Sonne auf der Haut knallen kann. Sie wissen, wie sie Heerscharen von Touristen unterbringen und versorgen können. Mit der Pandemie zu leben, ist etwas anderes. Oder mit den – mittlerweile auch von eigentlich gutwilligen Bürgern nun kopfschüttelnd registrierten – Maßnahmen der Politik aus Berlin und Hannover.

„Wir haben alles mitgemacht, aber langsam reicht es.“ Claudia (50) und Bernd Frech (52) aus Stuttgart leben seit 2014 auf Langeoog, haben vier Kinder im Alter von 13 bis 25 großzogen und betreiben einen beliebten Weinhandel mit Vinothek und Biergarten sowie einen Alpakawolle-Laden. Dann kam der Stillstand. Die Familie ist auf ganzer Linie von der Pandemie und ihren Folgen betroffen, nicht nur durch finanzielle Einbußen. Das geht auch aufs Gemüt.

Langeoog im Lockdown, bereits das zweite Osterfest ohne Touristen, Insulaner sind verzweifelt Quelle: Rückerl Petra

Bernd Frech in der Weinperle: Langeoog im Lockdown, bereits das zweite Osterfest ohne Touristen, Insulaner sind verzweifelt Quelle: Rückerl Petra

Keine Schule für Kinder

„Im ersten Lockdown durften uns unsere großen Kinder vom Festland nicht besuchen, unsere jüngste Tochter Smilla durfte lange nicht in die Inselschule gehen“, berichtet Claudia Frech. Im aktuellen Lockdown „von Mitte Dezember bis Mitte März war die 13-Jährige nicht dort, obwohl wir keinen einzigen Corona-Fall auf der Insel hatten“. Hoteliers hätten ihre große Räume für den Präsenzunterricht angeboten, das sei von der Schulleitung abgelehnt worden. Andere Bitten, Forderungen und Vorschläge der Eltern während aller Lockdowns seien im Kultusministerium in Hannover auf taube Ohren gestoßen.

Frech schüttelt den Kopf: „Ab Mitte Mai durften Touristen kommen, aber unsere Kinder nicht zur Schule gehen, nicht einmal draußen bei schönem Wetter durften sie gemeinsam unterrichtet werden.“ Smillas 17-jährige Schwester Greta, die seit September die Helene-Lange-Schule in Hannover besucht, lernte gerade noch kurz ein paar Mitschüler kennen, bevor es auch bei ihr hieß: Homeschooling! Und: Frechs betagte und zum Teil demenziell erkrankte Eltern im Schwabenland haben die beiden seit einem Jahr nicht gesehen.

Silke Hancke: Langeoog im Lockdown, bereits das zweite Osterfest ohne Touristen, Insulaner sind verzweifelt Quelle: Rückerl Petra

Auch Silke Hancke, die den Fahrradverleih „Dat Langeooger Radhus“ am Bahnhof betreibt, schaut nicht besonders glücklich aufs Osterfest. Und auch nicht zurück auf das Corona-Jahr. Zwei Mitarbeiter konnte sie nicht halten, ins Geschäft wurde diesen Winter nicht investiert, ihre Ersparnisse sind dennoch aufgefressen. Und nun auch noch das zweite ausfallende Oster-Geschäft. „Jetzt wird es wirklich eng“, sagt die 57-Jährige.

Langeoog im Lockdown, bereits das zweite Osterfest ohne Touristen, Insulaner sind verzweifelt Quelle: Rückerl Petra

Kein Corona-Fall seit Wochen

Was die Langeooger neben den Existenzsorgen so umtreibt, ist die Gleichsetzung und Gleichbehandlung mit Gebieten wie der Landeshauptstadt, die seit Wochen über dem 100-er Inzidenzwert liegt. „Wir haben seit vier Monaten nicht einen Corona-Fall gehabt“, sagt Wattführer Gerhard Siebels (74) im breitesten Ostfriesenplatt. Trotzdem seien Schulen, Restaurants und Bistros dicht, trotzdem dürften sich die Insulaner nur aus zwei Haushalten und dies in begrenzter Anzahl treffen. „Wir wollen auch mal wieder essen gehen“, so Siebels. „Wenigstens für uns könnten die doch öffnen.“ Schließlich gebe es mittlerweile Schnelltests, die eine zusätzliche Sicherheit für Insulaner – und natürlich auch Urlauber – brächten.

Wattführer Gerhard Siebels: Langeoog im Lockdown, bereits das zweite Osterfest ohne Touristen, Insulaner sind verzweifelt Quelle: Rückerl Petra

„Wenn jeder Besucher vorher getestet wird, dann könnten doch wenigstens Ferienwohnungen belegt und Restaurants unter den bereits geübten Auflagen geöffnet werden“, meint Malerin und Fotokünstlerin Marlies Eggers, die endlich wieder Kunstkurse auf Langeoog geben möchte. So sehr wie die 63-Jährige es schätzt, ungestört in der Natur zu sein, „so sehr habe ich langsam das Gefühl von eingesperrt sein“.

Marlies Eggers: Langeoog im Lockdown, bereits das zweite Osterfest ohne Touristen, Insulaner sind verzweifelt Quelle: Rückerl Petra

Gerhard Siebels weiß zu berichten, dass in Norddeich, wo die Fähren nach Juist und Norderney ablegen, bereits Teststationen eingerichtet sind. „Das macht die Schiffsgesellschaft Frisia.“ Das sei aber auf freiwilliger Basis, wirft Bürgermeisterin Heike Horn ein. „Wir wollen das verpflichtend, also eine gesetzliche Regelung.“ Wer die Insel betrete, müsse dann den Nachweis eines negativen Tests vorweisen. „Das können wir als Kommunen aber nicht anordnen, das muss vom Land runtergebrochen werden auf die Landkreise“, so die parteilose Politikerin.

Sie und ihre Insel-Kollegen haben ihre Hausaufgaben bereits gemacht. „Die ostfriesischen Inseln haben ein Konzept erarbeitet und vorgelegt“, so Horn. Die sich um die Insulaner sorgt, nicht nur weil viele „nun auch in finanzielle Schwierigkeiten kommen“. Legale Mallorca-Trips zu Ostern während Langeoog quasi auf dem Trockenen sitzt, das führe zu „Unverständnis, Bestürzung, Traurigkeit, aber auch Entsetzen und Wut, das hat sich uns allen nicht erschlossen“.

Strandversorger: Langeoog im Lockdown, bereits das zweite Osterfest ohne Touristen, Insulaner sind verzweifelt Quelle: Rückerl Petra

Marlies Eggers fehlen die Galeriebesuche und Treffen mit Künstlern auch außerhalb der Insel – zum Glück hat sich das Hamburger Künstlerpaar Swaantje Güntzel und Jan Philip Scheibe angemeldet. Scheibe (48) ist vorbeigekommen, um seine Wort-Licht-Installation auf den Planken des Dünenüberwegs zum Hauptstrand zu erneuern - das Lieblingsobjekt vieler Touristen und Insulaner war zuvor Opfer der Gästetritte und eines heimischen Treckers geworden.

Künstler Jan Philip Scheibe hat seine Wort-Licht-Installation auf Langeoog erneuert. Quelle: Jan Philip Scheibe

Der Wortlaut der alten und neuen Installation: „Wenn die Flut geht sind meine Schritte die Ersten im Sand“. Für die einen ein wunderschönes Kunstobjekt. Für alle, die die Insel lieben und darauf warten, wiederkommen zu dürfen: Ein Versprechen!

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Tourismusverband entsetzt: „Ein rabenschwarzer Tag“

Nach dem von Bund und Ländern beschlossenen Oster-Lockdown ist die Enttäuschung auch in der Tourismusbranche an der niedersächsischen Nordseeküste groß. „Es ist ein rabenschwarzer Tag“, sagte die Geschäftsführerin des Tourismusverbandes Nordsee, Sonja Janßen.

Besonders enttäuscht sei der Verband, dass es nicht gelungen sei, mit einer von Touristikern, Kreisen und Gastgewerbe vorgelegten Vier-Säulen-Strategie, be-stehend aus Impfen, Testen, digitaler Nachverfolgung und Hygieneregeln auf eine Öffnungsperspektive hinzuwirken. „Diese Konzepte wurden offensichtlich gar nicht wahrgenommen“, sagte Janßen.

Dabei sei bereits im vergangenen Frühjahr gezeigt worden, dass eine schrittweise Öffnung des Individualtourismus etwa für Campingurlaube und Reisen in Ferienhäuser kein größeres Infektionsrisiko darstelle. „Es war nicht erkennbar, dass sich daraus eine weitere Infektionswelle ergeben hatte“, sagte Janßen. Mit den Beschlüssen sei der Osterurlaub an der Küste nun „praktisch gestorben“.

Göran Sell, Geschäftsführer der Marketinggesellschaft der Ostfriesischen Inseln, kritisierte, dass es bei den Bund-Länder-Gesprächen nicht gelungen sei, den Widerspruch aufzulösen Fernreisen auf die Balearen zu ermöglichen, doch Inselurlaube in Deutschland zeitgleich zu untersagen.

In der vergangenen Woche hatten die Ostfriesischen Inseln vorgeschlagen, als Modellregion zu fungieren. Sie möchten erproben, wie mit Corona-Tests bei der Anreise und während des Inselaufenthalts Urlaube an der Nordseeküste doch möglich seien könnten. Sell betonte, die Inseln stünden dafür weiterhin bereit.

Von Petra Rückerl