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Niedersachsen Wulff eröffnet in Lüneburg den „Tag des offenen Denkmals“
Nachrichten Niedersachsen Wulff eröffnet in Lüneburg den „Tag des offenen Denkmals“
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19:46 12.09.2010
Von Dirk Schmaler
Schwerstarbeit im geöffneten Denkmal: Bundespräsident Christian Wulff bedient in Lüneburg einen historischen Hafenkran.
Schwerstarbeit im geöffneten Denkmal: Bundespräsident Christian Wulff bedient in Lüneburg einen historischen Hafenkran. Quelle: dpa
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Eigentlich kennt er das alles. Christian Wulff steht auf dem Lüneburger Marktplatz, schüttelt Hände und dirigiert die niedersächsische Kulturministerin Johanna Wanka für ein Foto vor das historische Rathaus mit der prächtigen Barockfassade. „Wir stellen uns so hin, das ist doch ein schöner Hintergrund – oder?“, fragt er eisern lächelnd erst seine einstige Ministerin, dann die vielen Fotografen und Kameraleute. Hektisches Klicken ist die Antwort.

Der langjährige Ministerpräsident Niedersachsens ist in seiner siebenjährigen Amtszeit viele Male mit Delegationen durch die Hansestadt gelaufen. Und doch war es gestern etwas Besonderes. Denn erstmals nach seiner Wahl zum Bundespräsidenten Ende Juni kehrt Wulff als Staatsoberhaupt in offizieller Mission zurück nach Niedersachsen. Er eröffnet in Lüneburg den bundesweiten Tag des offenen Denkmals. Frau Bettina und Sohn Linus hat er auch mitgebracht. Bundesweit stehen rund 7500 Baudenkmäler für Besucher offen. Die Wulffs besuchen in der Hansestadt einige davon.

„Denkmalschutz – da sollte man sich nichts vormachen – wird auch weiterhin ein fortwährender Kampf sein: gegen den Zahn der Zeit, gegen Unkenntnis und leere Kassen“, sagt Wulff in seiner Rede auf dem Marktplatz. Er spricht sich dafür aus, Denkmäler zu erhalten, weil sie „Teil unserer Kulturnation“ seien. Gleichzeitig warnt er jedoch auch davor, das Vergangene zu idealisieren. „Kulturen sind nie etwas Statisches“, gerade durch Migration habe es immer wieder Wandlungen in der Kultur gegeben. „Vielleicht schärft das auch unser Verständnis für die heutigen Wandlungsprozesse in unserem Land.“

Wulff lobt den jahrzehntelangen Einsatz vieler Lüneburger für die Erhaltung der Altstadt. „Gerade in den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg war das alles andere als selbstverständlich“, sagt der Bundespräsident. Noch mehr Lob für die Hansestadt hat der Vorstandsvorsitzende der Deutschen Stiftung Denkmalschutz mitgebracht. Gottfried Kiesow fordert auf der Bühne Wanka auf, sich für die Aufnahme der Stadt in die Welterbeliste der Unesco einzusetzen.

Lüneburg sei als Hansestadt geschichtlich von großer Bedeutung. Außerdem habe keine Stadt mehr gotische Giebelhäuser, sagte er – und erntet viel Applaus. Die angesprochene Ministerin guckt freundlich ob der starken Worte, zeigt sich jedoch auf Anfrage eher skeptisch. „Vor 15 Jahren hätte es noch gute Chancen gegeben, aber heute ist es fast unmöglich, eine deutsche Innenstadt auf die Liste zu bekommen.“ Allerdings werde sie sich mit ihren Länderkollegen über den Vorschlag unterhalten.

Beim Rundgang durch die Stadt lassen sich die Wulffs einen alten Kran zeigen, der im Wasserviertel restauriert wurde, und sie schlendern mit großem Tross durch die Gassen mit den mittelalterlichen Häusern. Das Staatsoberhaupt fühlt sich sichtlich wohl an diesem sonnigen Vormittag – weit weg von Berlin, von Thilo Sarrazin samt seiner angeblich vom Bundespräsidialamt beförderten Pensionsansprüche. Und seine Frau Bettina genießt den Auftritt auch. Sie lässt sich immer wieder fotografieren, wer sich nicht traut, bekommt sogar eine Extraaufforderung: „Ein Bild nur mit mir ist doch langweilig, kommen Sie doch auch selbst noch mit drauf“, ruft die First Lady einer älteren Frau mit einer Kamera zu und nimmt sie in den Arm. Sie lässt die Lüneburger bereitwillig in die Kinderkarre schauen, in der der zweijährige Sohn Linus mit großen Augen den Rummel verfolgt. Mehr als einmal ist die 36-Jährige so sehr von Bürgern umringt, dass sie ihren Mann aus den Augen verliert.

Zurück im Rathaus trägt sich Wulff am Mittag in der Gerichtslaube aus dem 14. Jahrhundert in das Goldene Buch der Stadt ein. Auch das kennt er schon. Nur eben nicht als Bundespräsident.