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Niedersachsen Wulff als Ehrengast bei der Schaffermahlzeit begrüßt
Nachrichten Niedersachsen Wulff als Ehrengast bei der Schaffermahlzeit begrüßt
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21:02 12.02.2010
Von Michael B. Berger
Zu Tisch bitte: Fünf Stunden wird beim 466. Bremer Schaffermahls im illuminierten Festsaal des Rathauses nach strengen Ritualen gegessen. Quelle: dpa
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„Backbord, Steuerbord, Mittschiffs“, prosten sich die in Frack oder Kapitänsuniform gekleideten Männer zu und schwenken die uralten silbernen Humpen. Das dickflüssige Braunbier, das hier herumgereicht wird, ist eigens für den Anlass gebraut, zwar garantiert alkoholfrei, aber gut gegen die alte Seefahrerkrankheit, den Skorbut. Die obere Halle des Alten Rathauses zu Bremen ist an diesem Freitag festlich illuminiert – zum 466. Mal. Denn so alt ist die Bremer Schaffermahlzeit, auf der dieses Mal Niedersachsens Ministerpräsident Christian Wulff der Ehrengast ist.

Das „älteste Brudermahl der Welt“ nennen die Bremer dieses Zusammentreffen, das einst als Abschiedsmahl diente, bevor sich die Kapitäne nach langem, scharfen Winter auf die oftmals gefährliche Reise machten. Es wurde geredet, gegessen und gesammelt – für das „Haus Seefahrt“, ein Sozialwerk für Seemannswitwen. Heute ist die Schaffermahlzeit das höchste gesellschaftliche Ereignis in Bremen mit überaus strengem Protokoll – Frack für die nicht seetauglichen Herren (Damen sind nur im Nebenraum zugelassen), Kapitänsuniform für die Seefahrer. Nur der Ehrengast wird mit Namen begrüßt, die diversen Vorstandsvorsitzenden wie Daimler-Chef Dieter Zetsche ebenso wenig wie die vielen Botschafter oder Seine Durchlaucht Hans-Adam II., der Fürst von und zu Liechtenstein.

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Jeder von ihnen ist auf mit Kerzenwachs versiegeltem Papier zu dem „einfachen Mittagessen“ im Bremer Rathaus eingeladen worden, dessen Speisefolge immer dieselbe ist und die sich über fünf Stunden erstreckt: Bremer Hühnersuppe, Stockfisch mit Senfsoße, Braunkohl mit Pinkel, Rauchfleisch und Maronen, Kalbsbraten und Rigaer Butt. Nach dem Käse und einem Fruchtkorb werden weiße Tonpfeifen gereicht. Auch das Bremer Nichtraucherschutzgesetz konnte den Traditionen der Schaffermahlzeit nichts anhaben.

Zwischen den Gängen erheben sich die Schaffer und halten Reden, insgesamt zwölf, wobei es Christian Wulff als Ehrengast zukommt, in Bremen das letzte Wort zu behalten. Das ging auch Bundespräsident Horst Köhler so, der im vergangenen Jahr da war. „Er hat wie alle anderen Bundespräsidenten das Schaffermahl in seiner Amtszeit besucht“, merkte gestern der Zweite Bremer Schaffer Stephan Ilsemann an, einer von drei Bremer Kaufleuten, die das große Essen bezahlen, zu dem man als Gast nur ein einziges Mal in seinem Leben eingeladen werden kann.

Vor drei Jahren war Bundeskanzlerin Angela Merkel die Schlussrednerin – ein Kultursprung in der Männerbastion „Schaffermahlzeit“, allerdings gibt es seit 2004 auch eine Kapitänin in der Seemannsrunde. Merkel trug übrigens zur Freude der Bremer einen Hosenanzug, der sowohl an einen Frack wie auch an eine Art Admiralsuniform erinnerte, ähnlich der Miss Marple in „Mörder Ahoi“.

Wulff lobte gestern die Bremer dafür, mit einem solchen Mahl für eine positive Grundstimmung zwischen Wirtschaft, Bürgern und Politik zu sorgen: „Das ist die bisher überzeugendste Antwort auf die Fast-Food-Gesellschaft.“ Er betonte, wie wichtig eine gute Zusammenarbeit zwischen Bremen und Hannover sei: „Was Bremen nutzt, nutzt auch Niedersachsen: Wenn ich Bremer Betriebe besuche, sind die Hälfte der Mitarbeiter Niedersachsen.“ Er plädierte dafür, den gesamten Norden als einen gemeinsamen Kulturraum zu betrachten. „Nachbarn sind eine Prüfungsaufgabe, die uns das Leben stellt“, merkte er ironisch an. Eine der Nagelproben für die weitere gute Zusammenarbeit zwischen Niedersachsen und Bremen werde der Jade-Weser-Port sein.

Wulff bekam für seine sehr launige Rede stehende Ovationen – und den Rat, doch Bundespräsident zu werden: „Nur in diesem Fall werden Sie auch ein zweites Mal eingeladen.“