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Niedersachsen VW stockt in den USA kräftig auf
Nachrichten Niedersachsen VW stockt in den USA kräftig auf
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06:17 25.03.2012
Passat-Produktion im VW-Werk in Chattanooga
Passat-Produktion im VW-Werk in Chattanooga Quelle: dpa
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Chattanooga

Mit einer so stürmischen Entwicklung hatte Frank Fischer wohl nicht gerechnet, als er von Braunschweig nach Tennessee wechselte. Der Leiter des neuen Volkswagenwerkes in Chattanooga hat gerade die Startphase dieser ersten Produktionsstätte in den USA hinter sich gebracht, da geht es gleich weiter in die nächste Stufe: Am Donnerstag kündigte Fischer an, weitere 800 Mitarbeiter einzustellen. Sie sollen dabei helfen, die unerwartet starke Nachfrage nach dem neuen Passat zu decken.
Fischer, der einen Teil seines Studiums an der Westküste absolvierte, ist mit den Arbeitsverhältnissen in den Vereinigten Staaten vertraut. Seit 2008 ist der 50-Jährige bereits in Tennessee im Einsatz, um den erneuten Produktionsstart in Nordamerika federführend zu begleiten. Doch dieses Tempo überrascht offenbar selbst den Profi: Spätestens seit der Passat in den USA zum Auto des Jahres erklärt wurde, haben die Autobauer alle Mühe, den Bestellungen hinterherzukommen. Der Passat, der nicht mit dem deutschen Namensvetter zu verwechseln ist, soll auf die speziellen Wünsche der amerikanischen Kunden eingehen - unter anderem mit einer längeren und kompakteren Form, die auch den Fahrgästen im Fond ungewöhnlich viel Beinfreiheit lässt. Locken dürfte sicherlich auch der relativ günstige Preis um die 20 000 US-Dollar.
Künftig stellen in Chattanooga 3500 Beschäftigte in drei Produktionsteams das Modell her - und wie im Hintergrund zu hören ist, könnten möglicherweise noch weitere hinzukommen. Die Pläne des Konzerns sind ehrgeizig. Weltweit wurde die Mitarbeiterzahl von einer halben Million kürzlich überschritten, und bis zum Jahr 2018 wollen die Wolfsburger zum größten Autobauer werden - mit etwa zehn Millionen verkauften Fahrzeugen. Um dieses Ziel zu erreichen, müsste allerdings der Marktanteil in Nordamerika deutlich erhöht werden. "Dabei besitzt Chattanooga eine Schlüsselstellung", sagt Fischer. Insgesamt will die VW-Gruppe - einschließlich ihrer Konzerntöchter - in diesem Jahr mehr als 500 000 Fahrzeuge in die USA ausliefern, wobei 150 000 aus Tennessee stammen sollen. Zahlen, die vor 40 Jahren das letzte Mal in den USA erreicht worden sind.
William Haslam, Gouverneur von Tennessee, knüpft an diese Ziele eigene Erwartungen: "Volkswagen ist ein Schlüsselinvestor. Obwohl die Produktion erst vor einem Jahr anlief, ziehen andere Firmen bereits nach." Tatsächlich ist in den vergangenen Monaten auf Sichtweite des VW-Werks ein Vertriebswerk des Internethändlers Amazon entstanden.  
Fachkreise gehen davon aus, dass das neue VW-Werk in Chattanooga nur der Beginn einer breiten US-Offensive ist. Die Konzern-Tochter Audi könnte demnächst mit einer eigenen Produktion hinzukommen. Bisher rangiert die Oberklassentochter weit hinter den Mitbewerbern BMW und Daimler.
Fischer sieht diesem Wettstreit selbstbewusst entgegen: "Wir setzen auf eine Produktion vor Ort mit gut geschulten Leuten." Nicht ohne Grund betreibe VW direkt auf dem Fabrikgelände vor den Toren der Stadt eine eigene Akademie, die mit der Universität von Tennessee und anderen lokalen Bildungsträgern kooperiere. Ähnlich wie der Siemens-Konzern, der in den USA mehr als 50 000 Mitarbeiter beschäftigt, werben die Wolfsburger in ihrem Gastland für ein duales Ausbildungssytem nach deutschem Vorbild, um die Qualifikation der Facharbeiter zu erhöhen.

Stefan Koch