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Niedersachsen Rund 3000 Betriebe wieder freigegeben
Nachrichten Niedersachsen Rund 3000 Betriebe wieder freigegeben
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20:03 09.01.2011
Quelle: dpa
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In Niedersachsen sind am Sonntag rund 3000 wegen des Dioxin-Skandals gesperrten Betriebe wieder freigegeben worden. Zumeist handele es sich dabei um Schweinemastbetriebe, sagte ein Sprecher des niedersächsischen Agrarministeriums am Sonntag der Nachrichtenagentur dpa in Hannover. Am Samstag waren bereits sämtliche 462, vorsichtshalber gesperrten Milchbetriebe wieder freigegeben worden. Derzeit bleiben noch 1470 Unternehmen, vor allem mit Legehennen sowie gemischte Hühner- und Schweinemastbetriebe, gesperrt.

In Zusammenarbeit mit der betroffenen Wirtschaft, dem Landvolk sei es gelungen, die Betriebe zu identifizieren, von deren Produkten zum jetzigen Kenntnisstand mit Sicherheit kein Risiko für die Verbraucher ausgehen könne, sagte Staatssekretär Friedrich-Otto Ripke (CDU) laut einer Mitteilung. Auch für die noch nicht freigegebenen Betriebe versprach er rasche Aufklärung, konnte aber noch keinen genauen Zeitpunkt nennen.

Unterdessen heizen immer neue Dioxin-Funde die Debatte um den Verbraucherschutz in Deutschland an. Dabei gerät nun auch die Verantwortung der Bundesregierung in den Blick. Die Verbraucherorganisation Foodwatch hielt der Regierung schwere Versäumnisse und die einseitige Bedienung der Interessen der Futtermittelindustrie vor. Um den Export deutscher Fleischprodukte nicht zu gefährden, habe die Regierung kein Interesse, die Futtermittelindustrie stärker zu belasten, sagte Foodwach-Chef Thilo Bode im Gespräch mit der Nachrichtenagentur dpa.

Der Fall weitet sich derweil an verschiedenen Fronten aus: Behörden stellten in Legehennen überhöhte Konzentrationen des Gifts fest. Eine Futterfett-Probe des Herstellers Harles und Jentzsch in Uetersen (Schleswig-Holstein) überschritt den zulässigen Grenzwert bei jüngsten Analysen fast um das 73-fache. International wollen mehrere Länder keine Eier und kein Fleisch mehr aus Deutschland. Und ein deutscher Professor rät, belastete Eier mit unbelasteten zu mischen - dann wäre das Gift so verdünnt wie im Essen üblich.

Für Bundeslandwirtschaftsministerin Ilse Aigner (CSU) haben Verbraucherschutz und die Aufklärung Priorität, sagte sie der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“ (F.A.S.). Wenige „schwarze Schafe“ hätten enormen wirtschaftlichen Schaden angerichtet. „Danach werden wir über die Konsequenzen zu sprechen haben. Die Verursacher müssen zur Rechenschaft gezogen und in Haftung genommen werden. Sie haben für die entstandenen Schäden geradezustehen.“

Foodwatch-Geschäftsführer Bode hingegen beklagt, dass es viel zu wenig staatliche Kontrollen der 1700 Futtermittelbetriebe in Deutschland gebe. Bode verlangt, dass jeder Hersteller jede Charge einer Futtermittelzutat verpflichtend auf Dioxin testet, dokumentiert und bei Überschreitungen verpflichtend die Behörden informiert. „Nur das würde weiterhelfen, damit die schleichende Dioxinvergiftung durch Futtermittel aufhört.“

Belastete Eier könnten mit unbelasteten gemischt werden, sagte der Leiter der Außenstelle für Epidemiologie der Tierärztlichen Hochschule Hannover, Prof. Thomas Blaha, dem Nachrichtenmagazin „Focus“. So käme es zu Verdünnungsstufen, wie sie im Essen üblich seien. Auch müssten Tiere, die dioxinvergiftetes Futter gefressen haben, nicht zwangläufig getötet werden.

Zuvor waren neue Vorwürfe gegen die Futterfett-Firma Harles und Jentzsch aufgekommen: Der Verdacht des Betrugs und der Steuerhinterziehung liege nahe, sagte der Sprecher des niedersächsischen Landwirtschaftsministeriums, Gert Hahne. Vieles spreche dafür, dass Harles und Jentzsch seine Kunden betrogen und technische Mischfettsäure als teures Futterfett verkauft habe. Für eine Tonne Industriefett habe die Firma bloß 500 Euro erlösen können, für eine Tonne Futterfett hätten die Kunden aber 1000 Euro bezahlt. Hier liege der Verdacht der falschen Rechnungsstellung und somit der Steuerhinterziehung nahe. Ohnehin ermittelt die Justiz gegen das Unternehmen wegen des Verstoßes gegen das Lebensmittel- und Futtermittelgesetz.

dpa