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Niedersachsen Wie geht es weiter mit den Wölfen?
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09:09 28.02.2019
Symbolbild
Symbolbild Quelle: Stratenschulte/dpa
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Steimbke

„Früher war hier überall Wildwechseln“, sagt Tobias Göckeritz und zeigt von seiner Veranda auf die große grüne Wiese vor seinem Grundstück. Göckeritz ist Landwirt, lebt mit Kindern und Enkeln auf einem Bauernhof in Sonnenborstel, wenige Kilometer entfernt von Rodewald, nach dem das Wolfsrudel benannt wurde, dessen Leitwolf zum Abschuss freigegeben wurde. Um das Grundstück herum ist bis auf einzelne andere Höfe nur Moor und Wald. Auf einer kleinen Weide grasen die Pferde und ein Huhn läuft gackernd über den Hof. Alles wirkt ruhig, doch Göckeritz beobachtet die Natur genau – und die hat sich in letzter Zeit verändert.

Erstkontakt vor etwa einem Jahr

„Im Frühjahr 2018 hatten wir den ersten Nahkontakt mit dem Wolf“, erklärt Göckeritz. Ein weißes Dammwild wurde gerissen, „da drüben“, sagt er und zeigt auf eine Stelle wenige hundert Meter entfernt. Danach ging es los: Ein Schaf und sogar ein 300 Kilogramm schweres Rind. „Die Wölfe haben massiv angefangen zu reißen“, sagt Göckeritz.

Dabei geht es Göckeritz und den anderen Landwirten nicht vorrangig um die gerissenen Tiere. In der nötig gewordenen Umzäunung sämtlicher Weideflächen – teils mit Elektrozäunen – sieht er einen schweren Eingriff in die Freizügigkeit der Natur: „Es gibt praktisch keinen Wildwechsel mehr, weil überall Zäune gebaut werden müssen. Kleine Wildtiere wie Igel und Hasen haben bei Kontakt mit Elektrozäunen keine Chance. Selbst Zugvögel bleiben beim Starten daran hängen und verenden dann. „Für den Naturschutz ist das eine Katastrophe“, sagt Göckeritz. Als Vorsitzender des Landvolks für den Kreisverband Mittelweser hat er deswegen bei der zuständigen Landesbehörde einen Antrag auf „Entnahme“ des ganzen Rudels gestellt.

Politik muss die Debatte moderieren

Ein paar Kilometer Landstraße weiter, in der Steimbke, sitzt Samtgemeindebürgermeister Knut Hallmann in seinem Büro im Rathaus. Mit dem Thema Wolf hat er in diesen Tag viel zu tun. „Es sind viele Emotionen drin und man muss aufpassen, dass es nicht eskaliert“, sagt der SPD-Mann. Er plädiert für eine sachliche Auseinandersetzung mit dem Thema, mit fachkundiger Unterstützung des niedersächsischen Umweltministeriums. „Für Hysterie ist hier kein Platz“, sagt Hallmann.

Die Menschen in seiner Gemeinde schätzten die Natur – zur der nun auch der Wolf gehört. Viele sprechen sich daher für die Anwesenheit des Wolfes aus. Doch etwa genauso viele sind auch dagegen. „Wir Bürgermeister haben da wenig Einfluss auf Entscheidungen, sondern müssen eher für den sozialen Frieden sorgen“, erklärt Hallmann.

Denn das Thema Wolf regt auf. Landwirt Göckeritz berichtet von vermummten Leuten, die nachts über sein Grundstück laufen – er und seine Familie fühlen sich bedroht: „Das ist ein massiver Eingriff in unsere Lebensbedingungen.

Klarere staatliche Vorgaben benötigt

Wie auch Knut Hallmann fordert Göckeritz einen staatlich klar geregelten Wolfsschutz. Derzeit gibt es etliche bauliche Vorgaben für Zäune. Doch kollidierten die wiederum oft mit anderen Bedingungen. So müsse bei einem Elektrozaun, der „wolfssicher“ ist, die untere Litze 20 Zentimeter über dem Boden sein. Diese Bauweise sei etwa bei Pferdehaltung allerdings verboten.

Selbst wenn der Leitwolf des Rodewalder Rudels nun geschossen wird – die Debatte dort ist noch lange nicht vorbei. Denn Bürgermeister Hallmann weiß: „Es wird hier immer wieder Wölfe geben.“

Von Janik Marx

27.02.2019
27.02.2019