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Niedersachsen Plötzlich hat Meister Proper ein Problem
Nachrichten Niedersachsen Plötzlich hat Meister Proper ein Problem
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19:55 22.01.2010
Von Michael B. Berger
Ministerpräsident Christian Wulff (CDU) Quelle: dpa

Es ist eine Premiere im niedersächsischen Landtag, und deshalb sind sie so still, die Damen und Herren Abgeordneten. Fast könnte man die berühmte Stecknadel zu Boden fallen hören. Wenn denn Stecknadeln im Raume wären. Der frühere Innenminister Heiner Bartling (SPD) tritt vors Mikrofon und bittet mit ernster Miene den Ministerpräsidenten des Landes, drei kleine, peinliche Fragen zu seiner jüngsten Urlaubsreise nach Florida zu beantworten: Es geht um eine kostenlose Aufwertung seines Fluges, die Christian Wulff Anfang des Jahres zu einer Nachzahlung von 3056 Euro zwang – nachdem das Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ von der Vergünstigung erfahren hatte. So tritt Wulff kurz nach neun Uhr morgens vors Parlament, ernst wie sein Vorredner. Fast eine Viertelstunde erörtert er die Umstände einer günstig gebuchten Urlaubsreise, die ihn im Nachhinein teuer zu stehen kommt.

Ausgerechnet Wulff, den sein Biograf Armin Fuhrer als „Meister Proper“ der deutschen Politik charakterisiert, als absolut vertrauenswürdigen Saubermann, muss an diesem Donnerstag das Büßerhemd überziehen und sich Asche aufs Haupt streuen, wie es Mönche zur Erinnerung an die Vertreibung aus dem Paradies taten. Denn der Christdemokrat hat, wie er selbst einräumt, gegen die strengen Regeln des Ministergesetzes verstoßen. Die schreiben mönchische Enthaltsamkeit vor, wo jeder „Normalo“ zugreifen würde: bei kostenlos von Fluggesellschaften angebotenen Upgrades. „Eindeutig“ habe er gegen das Ministergesetz verstoßen, gibt er auf eine entsprechende Frage des Grünen Stefan Wenzel zu. „Sie sind seit sieben Jahren Ministerpräsident: War es das erste Mal?“, fragt SPD-Oppositionsführer Wolfgang Jüttner. „Ja, das war das erste Mal, dass ich mit der Situation von Upgrades in Berührung gekommen bin. Darüber ärgere ich mich“, sagt Wulff.

Die CDU-Fraktion applaudiert, auch die Mitglieder der FDP klatschen Beifall. Wie in einem Weiheakt von Applaus begleitet wird die Parlamentsbeichte, mit der Wulff einen Strich unter eine Angelegenheit ziehen will, die viele seiner Parteifreunde als Lappalie betrachten, während die SPD mit leiser Freude registriert, dass auch ein Meister Proper in Probleme geraten kann, wenn er Angebote von Freunden locker annimmt.

Am 21. Dezember 2009 seien er, seine Frau Bettina und die Kinder Leander und Linus von Düsseldorf nach Miami aufgebrochen. Einfach mal ausspannen, privat sein, „selbst kochen und mit den Kindern Bauklötze spielen“ wollte der Politiker. Die Wulffs saßen vorne im etwas abgeschirmten Businessbereich, hatten am 29. Mai vergangenen Jahres aber nur Economy gebucht, weil auch der Ministerpräsident ein sparsamer Mensch ist. „Aufgrund meines Sicherheitsstatus als Ministerpräsident werden in der Regel Dienst- und Privatflüge mit Air Berlin über das Büro der Geschäftsleitung gebucht“, berichtete Wulff.

Am 24. August seien ihm Flugkosten von 3626 Euro abgebucht worden. Weil die älteste, in Osnabrück lebende Tochter Annalena dann doch nicht mitreisen wollte, bekamen die Wulffs in Hannover 808 Euro zurück, dann noch einmal 59 Euro, so dass er schließlich für 2759 Euro starten wollte. Wegen seines Sicherheitsstatus sei die Geschäftsleitung von Air Berlin, also offenbar auch Firmenchef Joachim Hunold, von Anfang an über den Weihnachtstrip der Wulffs informiert worden. Doch dann sei der Florida-Trip noch während der Geburtstagsfeier des Air-Berlin-Chefs – Hunolds Geburtstag ist der 5. September – ein Thema gewesen, erklärte der Ministerpräsident weiter. Seine Frau Bettina, die alleine anreiste, habe sich mit dem Manager über die jeweiligen Weihnachtsurlaube ausgetauscht. Dabei habe Hunold „angeregt“, aus Sicherheitsgründen für die gesamte Familie ein Upgrade vorzunehmen – „sofern freie Plätze in der Businessclass zur Verfügung stehen“. Dies sei so üblich und liege im Interesse der Airline, weil sich freie Plätze in der günstigeren Economyklasse besser verkaufen ließen.

Während eines weiteren Treffens mit Hunold am 11. Dezember – auf dem hannoverschen Flughafen wurde gerade der Nord-Süd-Gipfel gefeiert – habe er, Wulff, „Herrn Hunold verdeutlicht, dass ein Upgrade für mich nur in Frage käme, wenn tatsächlich unbesetzte Plätze vorhanden seien und so der Fluggesellschaft kein Nachteil entstünde“, betonte der Politiker gestern. Noch vor Tagen hatte es geheißen, der Ministerpräsident sei erst kurz vor dem Abflug von der kostenlosen Hochstufung informiert worden.

„Diese Aussagen zeigen doch, dass das Upgrade oft ein Thema war“, sagt Grünen-Fraktionschef Stefan Wenzel und wirft „dem Juristen“ Wulff vor, jetzt „den Rechtsbruch in Niedersachsen zu einem Kavaliersdelikt“ zu machen. „Wulff ist schließlich Herr über 120 000 Beamte, von denen äußerste Korrektheit verlangt wird“, sagt sein SPD-Gegenüber Wolfgang Jüttner. „Er ist ertappt worden und hat dann schnell nachgezahlt.“ CDU-Chef David McAllister hingegen zeigte sich gestern angetan von dem „ausgezeichneten Auftritt“ Wulffs: „Er hat das Problem erkannt, Problem besprochen und dann gelöst.“ Auch Hans-Werner Schwarz von der FDP lobte die „Offenheit“, mit der Wulff aufgetreten sei. Die ist auch nötig, denn seit der Meldung über den günstigen Flug haben immer neue Gerüchte die Runde gemacht, etwa dass Wulff den Florida-Urlaub im Hause eine Industriemagnaten verbracht habe. Dabei waren es die Töchter eines alten Freundes aus Osnabrück, die den Wulffs in den USA ihr Haus anboten. Den Freund kennt Wulff schon seit vierzig Jahren. „Er ist mein Trauzeuge.“ Überhaupt ist der Politiker an diesem Donnerstag überaus gesprächig und versucht in Hintergrundrunden, eine Charmeoffensive zu starten. Wulff wisse, „jeder noch so kleine Skandal würde bei ihm mit größeren Interesse wahrgenommen“, schreibt Biograf Fuhrer.

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