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Niedersachsen Neues Buch analysiert Wulff-Affäre aus Mediensicht
Nachrichten Niedersachsen Neues Buch analysiert Wulff-Affäre aus Mediensicht
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09:41 07.02.2013
Foto: ARD-Hörfunkkorrespondent Michael Götschenberg hat ein Buch geschrieben.
ARD-Hörfunkkorrespondent Michael Götschenberg hat ein Buch geschrieben. Quelle: dpa
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Hannover

„Der falsche Präsident“ titelte der „Spiegel“ zu Christian Wulff, andere Blätter verhöhnten den amtierenden Bundespräsidenten als „Kleber“ und „Schaf im Wulffspelz“. Der Ton war nicht eben zimperlich in der schwelenden Affäre um Privatkredite, Urlaubsreisen und einen Drohanruf auf der Mailbox des „Bild“-Chefredakteurs. Dass Bundespräsident Christian Wulff am 17. Februar 2012 schließlich seinen Hut nahm, dazu hätte es nicht kommen müssen. Das zumindest meint der ARD-Hörfunkkorrespondent Michael Götschenberg. Er ist Autor eines Buchs mit dem vollmundigen Titel „Der böse Wulff? Die Geschichte hinter der Geschichte und die Rolle der Medien“ (Plassen-Verlag; 271 Seiten, 19,90 Euro).

Der Leiter des Hörfunkstudios von MDR, RBB, Radio Bremen und SR kritisiert darin seine eigene Zunft. „Der Bundespräsident ist als böser Wulff regelrecht in Szene gesetzt und zur Unperson erklärt worden.“ Den Parteien wirft der Autor vor, aus taktischen Gründen die Zuschauerperspektive eingenommen und den Machtkampf mit Wulff den Medien überlassen zu haben. Habe am Anfang ein berechtigtes journalistisches Interesse daran bestanden, dem Verdacht der Vorteilsnahme durch Wulff nachzugehen, habe die Skandalisierung im Verlauf der Medienaffäre jedes Maß verloren. Extrembeispiele seien die absurde Miniaffäre um ein vermeintlich gesponsertes Bobbycar gewesen und die ernst gemeinte Anfrage einer seriösen Tageszeitung, ob Wulff einst seine Mitschüler mit After Eight dazu bestochen habe, ihn als Schülersprecher zu wählen.

Wulffs größter Fehler habe darin bestanden, die von ihm einst hofierte „Bild“-Zeitung nicht mit Exklusivgeschichten bei der Stange zu halten, meint Götschenberg. „Wulff hat nicht geliefert.“ Den endgültigen Bruch markiere die Afghanistan-Reise, zu der Wulff-Sprecher Olaf Glaeseker die Boulevardzeitung zunächst ein- und dann wieder ausgeladen habe.

Zu Wulffs medienstrategischen Fehlern zählt Götschenberg die vorschnelle Veröffentlichung von Journalistenfragen und Antworten im Internet, das zu lange Verschweigen von Fehltritten – und natürlich den Anruf auf der Mailbox von Kai Diekmann, mit dem Wulff die „Bild“-Zeitung mundtot machen wollte.

Die Unterstützung der Bevölkerung hingegen habe sich Wulff lange bewahren können, Götschenberg spricht von einer „Schere zwischen Medien- und Publikums­empörung“. Das alles ist pointiert formuliert, passend zum Jahrestag des Rücktritts. Allein: Es ist nicht sonderlich neu.

Nina May