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Niedersachsen Medizinstudium nur mit Traumnote?
Nachrichten Niedersachsen Medizinstudium nur mit Traumnote?
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22:04 07.10.2010
Büffeln für das Abitur: 2011 steigt die Zahl der Schulabgänger durch den Doppeljahrgang erheblich. Durch die Aussetzung des Wehrdienstes könnte es an den Unis noch voller werden.
Büffeln für das Abitur: 2011 steigt die Zahl der Schulabgänger durch den Doppeljahrgang erheblich. Durch die Aussetzung des Wehrdienstes könnte es an den Unis noch voller werden. Quelle: dpa
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Der doppelte Abiturjahrgang im kommenden Jahr stellt Niedersachsen vor neue Probleme. Weil der Wegfall von Wehr- und Zivildienst den Andrang auf Studien- und Ausbildungsplätze noch erhöhen dürfte, will das Land vermutlich schon nächste Woche in der Kultusministerkonferenz über mögliche neue Anstrengungen reden. „Bisher ist schwer zu kalkulieren, wie sich die Situation verändern wird“, sagte Wissenschaftsministerin Johanna Wanka (CDU) gestern im Landtag. Probleme könnte es vor allem bei Medizinstudienplätzen geben. Die Hochschulen befürchten, dass die Zulassungsbedingungen sich deutlich verschärfen. Es könnte auch räumliche Engpässe geben.

Im Frühsommer 2011 werden etwa 100.000 Schüler die niedersächsischen Schulen verlassen, das sind wegen des doppelten Abiturjahrgangs 25.000 mehr als sonst. „Wir sind aber bestens darauf vorbereitet“, erklärte Wanka im Parlament. Bislang geht die Regierung von Erfahrungswerten aus. Demnach sind die Hälfte der Abiturienten zum Studium entschlossen, von diesen aber startete bisher nur etwa die Hälfte ihr Studium bereits im Jahr der Hochschulreife. Daher sollen die 5000 zusätzlichen Studienplätze, die für 2011 geschaffen werden, die höhere Nachfrage auffangen. „Jeder, der hier studieren will, soll das auch tun können“, betonte Wanka. Der von Bund und Ländern gemeinsam getragene Hochschulpakt sieht Investitionen für weitere Studienplätze auch in den Folgejahren vor: In den kommenden fünf Jahren sollen es 35.000 neue Plätze sein. Möglich wäre aber, dass der Bedarf an Studienplätzen 2011 noch größer wird, weil für die Abiturienten der Wechsel in den Wehr- und Zivildienst ausfällt.

Wie Wirtschaftsminister Jörg Bode (FDP) und Kultusminister Bernd Alt­husmann (CDU) betonten, ist für zusätzliche Ausbildungsplätze ein Aktionsplan mit der Wirtschaft vereinbart worden. Angepeilt werden 3000 weitere Möglichkeiten für Schulabgänger, sich für einen Beruf zu qualifizieren. Althusmann kündigte gerade für Haupt- und Realschulabgänger eine bessere Vorbereitung auf ihre berufliche Zukunft an.

Die Opposition zeigte sich mit den Schritten der Regierung unzufrieden. Nach Ansicht von Gabriele Andretta (SPD) muss Niedersachsen zusätzliche Studienplätze gerade für das stark nachgefragte Medizinstudium anbieten. Bundesweit liege das Land bei der Humanmedizin mit knapp sechs Prozent unter dem Durchschnitt, umgekehrt ist die Situation in der Tiermedizin: Ein Drittel aller Veterinäre wird an niedersächsischen Hochschulen ausgebildet.

Wanka erläuterte, kein Bundesland habe sich bisher entschieden, neue Medizin-Studienplätze anzubieten. In den neuen Ländern seien sogar noch freie Kapazitäten bei der Arztausbildung vorhanden, betonte die Ministerin. „Wir können doch nicht unsere Ärzte in anderen Ländern ausbilden lassen“, entgegnete Andretta.

Medizinstudium nur mit Traumnote?

Wer Medizin studieren möchte, braucht schon jetzt ein sehr gutes Abitur. Im kommenden Jahr aber wird wohl selbst die Abschlussnote 1,5 nicht mehr für eine Zulassung reichen. Der doppelte Abiturjahrgang und die mögliche Aussetzung des Wehrdienstes könnten die Eingangsvoraussetzungen für Medizinstudenten deutlich verschärfen, befürchten die Universitäten in Niedersachsen: „Wenn wir nichts unternehmen, wird der Numerus clausus durch die Decke schießen, und es werden nur noch Bewerber mit einem Durchschnitt von 1,0 einen Platz erhalten“, warnt der Dekan der Medizinischen Fakultät an der Universität Göttingen, Prof. Cornelius Frömmel.

Am Klinikum will man die Zahl der Medizinstudienplätze im Wintersemester 2011/2012 daher aufstocken. Da die Fakultät aber bereits jetzt mit 140 Studienanfängern pro Semester „chronisch überlastet“ sei, wirbt Dekan Frömmel für eine ungewöhnliche Maßnahme. Demnach sollen Studierende den praktischen Teil ihrer Ausbildung erstmals teilweise auch an anderen Krankenhäusern absolvieren können. So könnte die Zahl der Studienplätze auf 210 steigen. In Hannover bleibt es bei 275 Plätzen. Die Universität Oldenburg plant die Einführung eines Bachelor-Studiengangs Medizin. Noch fehlt aber das Okay vom Wissenschaftsrat. Das soll im November vorliegen. Für den Doppeljahrgang 2011 kommt dies zu spät.

An der Leibniz Universität Hannover rechnet man durch den Wegfall der Wehrpflicht mit einem zusätzlichen Bewerberanstieg von zehn bis 20 Prozent zusätzlich zur ohnehin schon gestiegenen Zahl durch den Doppeljahrgang. „Allerdings warnen wir auch vor Panikmache“, sagt ein Sprecher. „In vielen Studiengängen, vor allem in den Ingenieur- und Naturwissenschaften, wird es 2011 weiterhin freie Plätze geben.“ Ähnlich äußert sich die Vizepräsidentin der Technischen Universität Braunschweig, Prof. Heike Faßbender. Es könne dennoch zu Engpässen bei den Hörsälen oder Laboren kommen. Die Professoren würden ihre Vorlesung schon mal in einem provisorisch auf dem Campus aufgestellten Container oder im Filmsaal des Cinemaxx abhalten müssen, wohin die Uni schon jetzt aus Platznot ausweiche.

In welchem Umfang die Zahl der Studienanfänger durch den Wegfall des Wehrdienstes steigen könnte, ist noch unklar. Jährlich werden rund 2100 Abiturienten zum Wehrdienst eingezogen, die Zahl der Wehrpflichtigen ist aber deutlich höher. Über die Zahl der Zivildienstleistenden gibt es keine Angaben.

Auf dem Ausbildungsmarkt wird es durch den Doppeljahrgang rund 5000 zusätzliche Bewerber geben. Die Aussetzung des Wehrdienstes werde „Auswirkungen im überschaubaren Rahmen haben“, sagte eine Sprecherin der Arbeitsagentur. Im Handwerk freut man sich nach Angaben der Handwerkskammer Hannover „über jeden Abiturienten, der eine Lehre macht“, wie es Carl-Michael Vogt, bei der Kammer für berufliche Bildung zuständig, ausdrückt. Groß sei die Hoffnung allerdings nicht. Im Saarland sei durch den Doppeljahrgang genau ein Ausbildungsvertrag mehr mit einem Abiturienten im Handwerk abgeschlossen worden.

Gymnasiasten strebten ohnehin eher in industrielle Berufe, heißt es bei NiedersachsenMetall. Die Unternehmen würden verstärkt Ausbildungsplätze zur Verfügung stellen, um den Ingenieurmangel zu beheben, sagte Sprecher Werner Fricke. Zudem werbe der Verband gleichzeitig in den Schulen, damit mehr Abiturienten naturwissenschaftliche Fächer studierten.

Nach einer Umfrage der Industrie- und Handelskammer Hannover will jedes dritte Unternehmen im kommenden Jahr zusätzliche Ausbildungsplätze zur Verfügung stellen. Schon jetzt blieben viele Lehrstellen unbesetzt.

Klaus Wallbaum, Patrick Hoffmann und Saskia Döhner