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Niedersachsen Grenzenlos in Marienborn: Tausende feiern am alten Grenzübergang
Nachrichten Niedersachsen Grenzenlos in Marienborn: Tausende feiern am alten Grenzübergang
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21:24 09.11.2019
30 Jahre Mauerfall: Der Musiker Wolfgang Niedecken tritt im Festzelt auf dem Gelände der Gedenkstätte Deutsche Teilung Marienborn zusammen mit dem Jugendjazzorchester der Bundesrepublik Deutschland auf. Quelle: Klaus-Dietmar Gabbert/dpa
Marienborn

Sachsen-Anhalt und Niedersachsen haben am ehemals größten deutsch-deutschen Grenzübergang die Grenzöffnung vor 30 Jahren gefeiert. Am Samstag besuchten den ganzen Tag über mehrere Tausend Menschen die heutige Gedenkstätte Deutsche Teilung Marienborn. Rund 700 Menschen waren bei einer Festveranstaltung dabei.

Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil (SPD) sprach von Mauerfall und Grenzöffnung als einem „unfassbaren Wunder“. „Das ist vor allem Hunderten aufrechten Bürgern der DDR zu verdanken, die den Mut und die Zivilcourage hatten, etwas Besseres aus ihrem Leben und der Gesellschaft zu machen. Sie gehören in den Mittelpunkt des heutigen Tages.“

„Freiheit und Demokratie sind keine Selbstverständlichkeit“

Am 9. November 1989 gelang der Magdeburgerin Annemarie Reffert am Grenzübergang Marienborn schon um 21.27 Uhr die Ausreise nach Helmstedt. Kurz darauf wurde der Berliner Grenzübergang in der Bornholmer Straße geöffnet. Viele weitere Grenzöffnungen folgten. An vielen Orten wurde am Samstag gefeiert.

Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Reiner Haseloff (CDU) sagte: „Freiheit und Demokratie sind keine Selbstverständlichkeiten.“ Die Demokratie sei eine große zivilisatorische Errungenschaft der Geschichte. „Uns dessen stets bewusst zu sein, sind wir den Opfern von Mauer, Stacheldraht und Diktatur schuldig.“

 

Besucher gehen durch einen «Zeittunnel» in die Gedenkstätte Deutsche Teilung Marienborn. Quelle: dpa

Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU) hob die Bedeutung der Arbeit der Gedenkstätten und die wissenschaftlich fundierte Aufarbeitung der SED-Diktatur hervor. Beides sei wichtig gegen Geschichtsklitterung und Legendenbildung. Umfragen zeigten teils erhebliches Unwissen, beklagte Grütters. Weil appellierte daran, sich nicht kleinreden und miesmachen zu lassen, was in den letzten 30 Jahren geschafft worden sei.

Zerstörung eines Grenzdenkmals war Thema

Grütters hatte zuvor mit den beiden Ministerpräsidenten ein neues Besucher-Informationssystem auf dem Gelände der ehemals größten deutsch-deutschen Grenzübergangsstelle eröffnet. Große, begehbare Informationselemente - sogenannte Zeitschleusen - bieten den Gästen mit Bildern und kurzen Texten Einordnung des historischen Ortes. Der Erklärungsbedarf ist 30 Jahre nach der Grenzöffnung gewachsen. Künftig sind auch die Wechselstelle der DDR-Staatsbank sowie eine Passkontrollbaracke täglich für individuelle Besuche geöffnet. „Marienborn lässt niemanden gleichgültig zurück“, sagte Haseloff.

Thema vieler Gespräche in Marienborn war die Zerstörung eines Grenzdenkmals am Nordrand des Harzes. In Wülperode schraubten die Täter in der Nacht zum Samstag drei Gedenktafeln ab und warfen sie umher, wie die Polizei mitteilte. Ein Metall-Hinweisschild zur früheren deutsch-deutschen Grenze in dem Ortsteil der Stadt Osterwieck wurde abgeflext. Die Polizei schätzt den entstandenen Schaden auf etwa 8000 Euro.

Lothar Engler vom Grenzerkreis Abbenrode, der sich um die Erinnerungsarbeit an der ehemaligen Grenze kümmert, sagte: „Wir sind geschockt.“ Erst vor wenigen Tagen sei das Projekt mit dem Landesdenkmalpreis ausgezeichnet worden. Schüler des Fallstein-Gymnasiums Osterwieck pflegen das Grenzdenkmal seit mehreren Jahren.

Am Abend tritt Wolfgang Niedecken auf

Vielerorts wird an diesem Wochenende an der ehemaligen deutsch-deutschen Grenze an die Grenzöffnungen erinnert. Größter Feierort ist aber Berlin, wo es eine Reihe von Veranstaltungen auch mit ausländischen Politikern gab sowie eine Bühnenshow und Feiern am Brandenburger Tor.

Das Wort «Wagemutig» wird an das Gebäude der ehemaligen Veterinärkontrolle in Marienborn projiziert . In der Gedenkstätte feierten die Bundesländer Sachsen-Anhalt und Niedersachsen den 30. Jahrestag des Mauerfalls. Quelle: dpa

Am Abend sollte in Marienborn BAP-Sänger Wolfgang Niedecken mit dem Bundesjazzorchester auftreten. Auch er hatte mit der DDR schlechte Erfahrungen gemacht: Nach ihrem Durchbruch mit dem Lied „Verdamp lang her“ plante Niedecken mit seiner Band 1984 eine DDR-Tournee, zu der es aber nie kam. Die Kölner reisten am Vorabend des ersten Konzerts in Ostberlin aus Protest ab, nachdem die DDR-Führung von ihnen verlangt hatte, auf pazifistische Texte wie „Macht eine SS 20 zu einem Traktor und eine Pershing zu einer Lok“ zu verzichten. Schon kurz zuvor hatte das DDR-Fernsehen Kommentare von Niedecken über die Friedensbewegung herausgeschnitten. Als eine der ersten westdeutschen Bands trat BAP aber in der Sowjetunion auf. Viele Ostdeutsche fuhren nach Moskau, um sie zu hören.

Die Grenzübergangsstelle Marienborn war die größte und bedeutendste an der innerdeutschen Grenze außerhalb Berlins. 1985 passierten fast 4,5 Millionen Fahrzeuge den Grenzübergang, täglich wurden durchschnittlich 12 320 abgefertigt. Rund 1000 Menschen leisteten auf dem rund 35 Hektar großen Gelände zu DDR-Zeiten ihren Dienst. Warten und Schikane waren Teil des Systems. 1996 wurde das Gelände an der Autobahn 2 (Hannover-Berlin) zur Gedenkstätte. Im vergangenen Jahr kamen gut 136 000 Besucher.

Weil berichtete von einem Gespräch mit seinem Amtskollegen Haseloff, in dem er diesem erzählt hätte, wie viele Stunden er hier selbst zugebracht habe. Haseloff habe ihm entgegnet: „Die Möglichkeit hätte ich auch gern gehabt.“ Für DDR-Bürger war Marienborn quasi unerreichbar.

Von RND/lni

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