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Niedersachsen Langeoog in der Klimafalle: Eine Familie klagt gegen die EU
Nachrichten Niedersachsen Langeoog in der Klimafalle: Eine Familie klagt gegen die EU
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13:53 15.07.2018
SIE KLAGEN: Maike und Michael Recktenwald wollen ihre Insel Langeoog vor dem Klima-Kollaps retten. Quelle: Rückerl
langeoog

„Ich bin 53 Jahre. Wenn es richtig heftig wird, bin ich vielleicht nicht mehr da. Aber mein 16-jähriger Sohn bestimmt. Und die zwei Kinder meines Bruders bekommen die Folgen ebenfalls zu spüren.“ Das Szenario, das Michael Recktenwald im Kopf hat, dürfte ein reales sein. Es geht um die Folgen des Klimawandels – und davon wird die Nordseeinsel Langeoog betroffen sein. Die ersten Zeichen sind unübersehbar.

„Wenn ich daran denke, wie breit die Düne war, als ich ein kleines Kind war, und wie schmal die Düne und der Strand heute ist, wird mir ganz anders“, sagt Ehefrau Maike Recktenwald (44). Und erklärt den Worst Case für ihre ostfriesische Heimatinsel, auf der ihre Familie in der vierten Generation lebt und arbeitet. „Wir haben eine eigene Trinkwasserversorgung auf der Insel“, sagt sie und zeigt gen Osten. „Da ist die schmalste Stelle der Dünenkette. Wenn dort durch vermehrte Sturmfluten die Dünenkette durchbricht, dann haben wir kein Trinkwasser mehr. Denn dann würde das Salzwasser in die Süßwasserinsel hineinlaufen.“

Was das für eine bewohnte Urlauberinsel bedeuten würde, kann sich jeder ausmalen. Eine Insel, auf der die Menschen auf dem Trockenen säßen. Sauberes Trinkwasser, das vom Festland herbeigeschafft werden müsste. Hier leben die Opfer der Einstellung „nach mir die Sintflut“.

In Deutschland sind als erstes die Küsten und die Alpen von der Erderwärmung betroffen. Aus diesem Grund wurden die Recktenwalds von Professor Gerd Winter (siehe Interview) kontaktiert. Sie sollten sich der Klage gegen die Europäische Union wegen ungenügendem Klimaschutzes anschließen – was sie auch gern taten. Schließlich lebt die Familie persönlich und auch in ihrer Arbeit bereits auf klimafreundlichen Öko-Niveau.

Ihr „Strandeck“ ist ein zertifiziertes Bio-Hotel, „da haben wir uns auch selbst Daumenschrauben angelegt“, so Maike Recktenwald. Denn die Auflagen und Kontrollen wären nicht ohne. Auch ihr Restaurant „Seekrug“ ist vom ökologischen Gedanken geprägt. Dazu gehört etwa, dass zum Beispiel ein Langeooger Rind nur in Gänze gekauft wird. Koch Michael Recktenwald verarbeitet alles vom Tier, was essbar ist. „Filetsteak findet man nur selten bei uns auf der Karte, weil es der geringste Teil eines natürlich gewachsenen Tieres ist. Wir bieten es eigentlich nur an, wenn wir nicht viele Gäste haben“, sagt er und ergänzt ganz selbstverständlich: „Was Aus ist, ist Aus.“ Bis das eine Tier nicht gegessen ist, wird kein neues bestellt. Seine Frau Maike die sich um den Hotelbetrieb kümmert, erzählt: „Im Hotel hatten wir fünf Wochen keinen Frühstücksspeck. Das ist dann so.“

Wer so arbeitet und wirtschaftet, für den ist der Hyperkonsum, der ja auch zum Klimawandel beiträgt, ein Graus. „Man kann wahnsinnig viel Geld damit verdienen, indem man Raubbau an der Natur betreibt, indem man die Umweltverschmutzung vergrößert“, meint Maike Recktenwald. Aber habe das noch mit Lebensqualität zu tun? „Allein die Massentierhaltung trägt zum nicht unerheblichen Teil zum Co2-Ausstoß bei. Bewusster essen, und auch weniger Fleisch essen, wäre eine Möglichkeit, den Ausstoß zu reduzieren“, weiß Koch Michael Recktenwald.

Die Gäste der beiden stört es nicht – im Gegenteil. „Wir haben zunehmend Ziel-Publikum, weil wir Bio anbieten“, so die 44-Jährige. Viele der Hotel- und Restaurantgäste riefen an, mailten oder kamen vorbei und lobten das Ehepaar für seinen Einsatz, nachdem die Klage bekannt geworden war. „Es gab tolle Reaktionen. Auch wildfremde Menschen meldeten sich, boten Geld und juristischen Beistand an.“

Nur die heimische Politik hielt sich vornehm zurück. „Vom Rat der Insel gab es offizielles Schweigen“, erzählt Maike Recktenwald. „Nüscht kam von denen. Persönlich ja, aber nicht offiziell als Ratsmitglied.“ Die beiden ahnen auch, warum. Vier Wochen zuvor hatte der ökologisch sehr engagierte, parteilose Bürgermeister Uwe Garrels dem Rat vorgeschlagen, dass CO2-Abdrücke für die öffentlichen Gebäude erstellt werden, um diese dann zu sanieren – um eben den C02-Ausstoß zu verringern. „Das wurde fast einstimmig abgelehnt mit der Begründun, dass man ja schon genug mache“, berichtet die Langeoogerin und verweist darauf, dass die Insel autofrei ist. „Aber das reicht nicht.“ Sie würden ja nicht nur gegen die EU klagen, sondern damit auch gegen ihre Kommune. Es gehe darum, dass die von Brüssel selbst gesteckten Ziele – C02-Ausstoß in der EU um 40 Prozent runter bis 2030 – auch eingehalten werden. „Bereits jetzt ist sicher, dass dieses Ziel nicht erreicht wird“, so Michael Recktenwald. „Dabei würde es selbst im positiven Fall nicht ausreichen, um den Klimawandel wirkungsvoll abzubremsen.“

Und warum engagieren sich die Recktenwalds trotzdem? „Auf dem Sofa sitzen zu bleiben und sich zu beschweren, ist natürlich bequemer. Aber das machen leider viel zu viele.“

Von Petra Rückerl