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Niedersachsen Langensiepen macht ihren Weg
Nachrichten Niedersachsen Langensiepen macht ihren Weg
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15:07 04.12.2018
EINE STARKE FRAU: Katrin Langensiepen geht ihren Weg – und wechselt bald für die Grünen ins Europaparlament, wo sie sich für Sozialpolitik stark machen will. Quelle: Christian Behrens
Hannover

Frau, klein und sichtbar behindert zu sein, kann auch Vorteile haben. Behauptet Katrin Langensiepen. Kürzlich erst habe sie auf dem Weg von der Kinokasse zum Saal, in dem der Film lief, ihre Karte verloren. Flugs sei sie zur Kasse zurückgegangen. Dort konnte man sie sich natürlich noch an sie erinnern. „Ich bin die ...“ Die Grüne mit der braun-grauen Wuschelmähne und den Armen, an denen die Speiche fehlt. Die Ratsfrau, die wahrscheinlich bald ihren Sitz aufgeben muss, weil sie ins Europaparlament wechselt.

Auf Platz 9 der Liste gewählt

Auf dem Bundesparteitag der Grünen haben die Delegierten Langensiepen auf Platz 9 der Liste gewählt. Bei neun oder zehn Prozent Zustimmung am 26. Mai 2019, dem Tag der Europawahl, ist ihr das Mandat sicher. „Drauf wetten würde ich noch nicht“, meint die Fremdsprachenassistentin. „Aber es müsste schon einiges passieren, dass wir so abstürzen.“

Europapolitik – das war für die gebürtige Großburgwedelerin, die seit 2011 in Linden lebt, schon lange ein Traum. Sie hätte allerdings nie gewagt, gegen Rebecca Harms anzutreten. „Sie ist ein grünes Urgestein. Eine Gegenkandidatur geht einfach nicht.“ Erst als Harms im Sommer ankündigte, sie trete nicht wieder an, war Langensiepens Chance gekommen. Mit der Empfehlung der Bundesarbeitsgemeinschaft Behindertenpolitik stellte sie sich allen niedersächsischen Kreisverbänden vor.

Ihr ganzes Leben lang durchgesetzt

„Du musst dich durchsetzen, sonst nimmt dich niemand ernst.“ Der damalige Umweltdezernent Hans Mönninghoff hätte ihr vor der ersten Sitzung als Vorsitzende des Umweltausschusses gar nicht diesen Tipp geben müssen. Durchgesetzt hat sich die schmale Person ihr Leben lang. „Einzige Behinderte in einer Regelschule – das prägt“, erzählt sie. Nicht immer zum Besten. Weil sie wegen ihrer Krankheit (dem genetisch bedingten TAR-Syndrom mit beidseits fehlender Speiche und Mangel an Blutplättchen) häufig fehlte, schmiss sie das Abi sechs Wochen vor der Prüfung.

Der Ausbildung zur Fremdsprachenassistentin folgte Arbeitslosigkeit. Ein Leben mit Hartz IV, unterbrochen nur durch einen Kurzzeitjob im Callcenter. Armut, Ausgrenzung, Diskriminierung – Langensiepen kennt das alles und will es aus der Welt schaffen. Deshalb 2010 der Eintritt bei den Grünen. Fünf Monate später hob sie schon die Hand bei der Frage, wer auf Platz 2 (hinter Lothar Schlieckau) in Linden für den Rat kandidieren wolle. Den hatte noch nie jemand geholt – bis zur Nuklearkatastrophe im japanischen Fukushima.

Sozialpolitische Sprecherin der Grünen im Rat

„Ich kam wie ein Phönix aus der Asche“, erinnert sich Langensiepen an den Moment um Mitternacht, als ihre Wahl in den Rat feststand. „Ich hatte keine Netzwerke, keine Unterstützer.“ Aber eben auch keine Scheu. Inzwischen ist sie sozialpolitische Sprecherin der Grünen im Rat.

Das Engagement für die Partei hat der Grünen beruflich geholfen. Langensiepen ist heute persönliche Assistentin des Landtagsabgeordneten Belit Onay. Er wird schon in den ersten Wochen des neuen Jahres häufiger auf sie verzichten müssen. Dann, wenn der Wahlkampf beginnt.

Rückkehr nach Fahrradunfall

„Ich traue mir das zu“, versichert Langensiepen. Sie spreche fließend Niederländisch, Englisch, Französisch, könne sich auch auf Spanisch unterhalten. Sie habe mal im Kibbuz in Israel gearbeitet, als Au-pair in Marseille, drei Jahre in den Niederlanden gelebt und dort Logopädie studiert (ohne Abschluss). Ein Fahrradunfall brachte sie zur Mutter nach Großburgwedel zurück.

Seit dieser sehr schmerzlichen Erfahrung in der heutigen Welt-Fahrradstadt Groningen lässt Langensiepen das liebste Fortbewegungsmittel der Grünen stehen. Sie fährt Bus und Bahn, hat nach erfolgreichem Test beim TÜV den Führerschein gemacht. „Kein Umbau nötig, normale Getriebeschaltung“, sagt sie. Mit dem Auto unterwegs zu sein, sei einfacher, als an ein Paket bei der Post-Packstation zu kommen.

Neuerdings ein Mann an ihrer Seite

Neuerdings gibt es einen Mann im Leben der Grünen, der ihr hilft, wenn etwas nicht erreichbar ist. Ein Syrer, Vater eines achtjährigen Sohnes und dreier Mädchen. Die Töchter leben noch in der Türkei. Familienzusammenführung ist der große Wunsch.

Geld genug für Mann und vier Kinder dürfte Katrin Langensiepen die neue Aufgabe bringen. „Das ist mehr als Hartz IV mit einer Null dran“, stellt sie trocken fest. Abheben werde sie dann aber nicht. „Ich weiß, wie schwierig es ist mit wenig Geld klarzukommen. Das macht mich glaubwürdig in der Sozialpolitik.“ Die soll auch in Brüssel ihr Thema bleiben. „Kämpfen will ich da vor allem für die Antidiskriminierungsrichtlinie.“ Wird nicht einfach, denn Deutschland blockiert das Vorhaben seit Jahren.

Von Vera König

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