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Niedersachsen Landesverband der Jüdischen Gemeinden feiert Doppeljubiläum
Nachrichten Niedersachsen Landesverband der Jüdischen Gemeinden feiert Doppeljubiläum
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20:56 24.08.2010
Von Michael B. Berger
„Ich begrüße hier viele Freunde“: Michael Fürst spricht beim Festakt zum 60-jährigen Bestehen des Landesverbandes Jüdischer Gemeinden.
„Ich begrüße hier viele Freunde“: Michael Fürst spricht beim Festakt zum 60-jährigen Bestehen des Landesverbandes Jüdischer Gemeinden. Quelle: Christian Behrens
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„Ohne die Hilfe des Landes wären wir schlicht verloren gewesen“, sagt Michael Fürst vom Landesverband der Jüdischen Gemeinden in Hannover – und blickt auf Ministerpräsident David McAllister (CDU), der vorne in der hannoverschen Synagoge sitzt. Ohne die Hilfe des Landes hätte man im Sommer 1950 – also vor sechzig Jahren – nicht ausgerechnet in Deutschland wieder jüdische Gemeinden aufbauen können, von denen es in Niedersachsen allein 13 unter dem Dach des Landesverbandes gibt.

Am Dienstag konnte Fürst in der Synagoge in der hannoverschen Haeckelstraße viele Ehrengäste empfangen. Denn der Landesverband feierte ein Doppeljubiläum: Neben seinem 60-jährigen Bestehen noch die Tatsache, dass der hannoversche Anwalt Fürst seit dreißig Jahren an der Spitze der Bewegung steht – „als Politiker schafft man eine so lange Amtszeit fast nie“, merkte McAllister an.

Aber auch Michael Fürst ist auf seine Art ein „Politiker“, der weiß, an welchen Strippen man ziehen muss, um Positives für die jüdische Sache herauszubekommen – nicht nur in den Gremien des NDR, in denen er seit Jahren ehrenamtlich aktiv ist. Mit dem niedersächsischen DGB-Chef Hartmut Tölle „kann“ der joviale wie verbindliche Verbandschef ebenso gut wie mit vielen Vertretern der Landesregierung. „Sie sind ein aufgeklärter Patriot, der auch Tacheles reden kann, auch wenn es der eine oder andere nicht hören mag“, sagte Charlotte Knobloch, die Präsidentin des Zentralrates der Juden in Deutschland, während des Festaktes in Hannover.

Knobloch war nicht die Einzige, die hervorhob, wie schwierig die Gründung jüdischer Gemeinden nach dem Holocaust gewesen sei – für manche fast ein Ding der Unmöglichkeit, zumal die wenigen verbliebenen Juden im Land der Täter „auf gepackten Koffern“ saßen, bereit zur erneuten Flucht oder Auswanderung nach Palästina. „Wer nicht an Wunder glaubt, ist kein Realist“, zitierte Braunschweigs Landesbischof Friedrich Weber als Vertreter der Kirchen den früheren israelischen Botschafter Avi Primor. Und dieses Wunder bestand in Niedersachsen darin, dass aus wenigen jüdischen Gemeinden in Niedersachsen jetzt 13 mit 9000 Mitgliedern geworden seien. „Jüdisches Leben ist heute wieder sichtbar, wird von Tag zu Tag selbstverständlicher“, sagte McAllister.

Wesentlichen Anteil daran hatte die Tatsache, dass mit dem Zerfall der Sowjetunion viele Juden nach Deutschland umsiedelten. „Wir hatten und haben eine doppelte Integration zu leisten: Zum einen die Integration der Russen in Deutschland und ihre Integration ins Judentum“, sagte Fürst. Denn viele der neu hinzugekommenen Mitglieder kennten weder das Hebräische noch die alten Bräuche. An die Adresse der Landesregierung gewandt warnte Fürst davor, etwa bei Fahrtkostenerstattungen für Schüler ins KZ Bergen kleinlich zu werden. „Unsere Schüler brauchen nicht nach Auschwitz zu fahren, sie können nach Bergen-Belsen. Wenn wir hier am falschen Ende sparen, werden wir irgendwann von der Vergangenheit eingeholt.“ Damit traf Fürst einen Ton, den schon andere angestimmt hatten. „Versuch’s doch mit Gemütlichkeit“ sang nur der A-cappella-Chor der Hannover Harmonists in der Synagoge in Hannover.