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Niedersachsen In der Asse tickt die Uhr
Nachrichten Niedersachsen In der Asse tickt die Uhr
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07:43 17.06.2009
Von Margit Kautenburger
Atomendlager Asse Quelle: Nigel Treblin/ddp
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Tief unter der Erde plätschert es wie an einem Brunnen. Aus einem Rohr rinnt beständig Salzlauge in große, mit einer schwarzen Plane abgedeckte Stahlcontainer. Es ist nicht gerade ein Wasserfall, der hier auf der 658-Meter-Sohle des Atommülllagers Asse aus dem Berg tritt. Die Menge ist zu bewältigen. Dennoch ist Wolfram König besorgt. „Der Zufluss der Salzlauge kann jederzeit schlagartig zunehmen“, sagt der Präsident des Bundesamtes für Strahlenschutz (BfS), das seit Januar für das Endlager bei Remlingen im Landkreis Wolfenbüttel zuständig ist. „Wir wissen einfach nicht, wie viel Zeit wir noch haben.“

Einst ruhte auf der Asse die Hoffnung der Atomwirtschaft, nun hat sie sich zum Sorgenkind entwickelt. Tief unten im Bergwerk sollte demonstriert werden, wie radioaktiver Abfall gefahrlos im Salz deponiert werden kann. Salz, so versicherten die für die Asse verantwortlichen Wissenschaftler, sei absolut trocken und daher bestens für die Endlagerung geeignet. Daher haben sie die Asse weniger als Forschungsbergwerk genutzt, wie offiziell behauptet wurde, sondern als „billige Atommüllkippe“ für den schwach- und mittelradioaktiven Abfall, wie BfS-Präsident König kritisiert.

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Rund 126 000 Fässer sind zwischen 1967 und 1978 in der früheren Kaligrube deponiert worden, der Löwenanteil stammte aus Atomkraftwerken. Doch der Traum von einem sicheren Endlager im Salz platzte schnell. Schon 20 Jahre nach Beginn der Einlagerung begannen die Probleme. Seit 1988 dringt Grundwasser aus dem Deckgebirge in die Stollen – derzeit sind es täglich zwölf Kubikmeter. „Die Zuflüsse von außen machen uns am meisten zu schaffen“, sagt König. Noch ist die Menge konstant. Doch niemand weiß genau, wo das salzhaltige Wasser herkommt und über welche Risse und Klüfte es sich seinen Weg ins Bergwerk bahnt. Daher halten die Fachleute einen plötzlichen starken Wassereinbruch jederzeit für möglich. Das gefährliche dabei: Das Bergwerk würde instabil. Ein Absaufen der Grube wäre der GAU für die Asse. Das in großen Mengen anstehende Carnallititgestein würde durch die Salzlauge aufgelöst, Wände und Decken stürzten ein und es würde sich ein Atommüllbrei in der Grube ausbreiten, der langfristig das Grundwasser in der Umgebung verseuchte. „Aber niemand kann sagen, ob und wann das passiert: morgen, übermorgen oder gar nicht“, erklärt der neue technische Direktor der Asse, Ulrich Kleemann.

Auch wenn dieser schlimmste Fall nicht eintritt – die Baufälligkeit des Asse-Schachts macht Probleme. Mit jedem einsturzgefährdeten Hohlraum steigt die Gefahr, dass noch mehr Wasser eindringt. Das Bergwerk ist durchlöchert wie ein Schweizer Käse. Die riesigen Hohlräume in 490 bis 750 Meter Tiefe – insgesamt sind es 131 Kammern – wurden dicht an dicht angelegt. Geologe Kleemann zeigt Besuchern Stollen an der Südflanke des Bergwerks mit meterlangen Rissen in der Decke. Wände müssen dort mit Felsankern gesichert werden, Stützpfeiler aus Stahl sind unter dem Druck des Gebirges eingeknickt wie Streichhölzer. „Um bis zu sechs Meter ist der Berg an der Südflanke bereits in die Grube hineingewandert“, sagt Kleemann. Ausgerechnet an dieser instabilen Flanke lagert der Atommüll. Die Fässer wurden zunächst ordentlich gestapelt, später aber auch einfach über Abbruchkanten in die riesigen Hohlräume gestürzt.

Schon der frühere Betreiber, das Helmholtz Zentrum München, hat versucht, das Bergwerk zu stabilisieren. Denn jeder baufällige Hohlraum birgt die Gefahr, dass mehr Wasser in die Asse fließt. Zu diesem Zweck sind in den neunziger Jahren Millionen Tonnen Salz von der Kalihalde Ronnenberg zur Asse gekarrt und, vermischt mit Salzlauge, in die Kammern geblasen worden. Doch diese Methode hat sich als Fehlschlag erwiesen. Auf der 532-Meter-Sohle leuchtet Kleemann mit seiner Grubenlampe in einen der verfüllten Räume. Zwischen dem Salzgrus und der Decke klafft eine meterhohe Lücke. „Das Salz ist zusammengesackt, sagt der Experte. „Die Verformung des Gebirges konnte nicht gestoppt werden.“

Der neue Betreiber, das Bundesamt für Strahlenschutz, das im Januar die Regie in der Asse übernommen hat, will diese sogenannten Firstspalte nun mit einem Spezialbeton stabilisieren. „Je schneller uns das gelingt, desto mehr Zeit gewinnen wir“, sagt Präsident König.

Die Schließung des Lagers gerät inzwischen zum Wettlauf gegen die Zeit. Bis 2020 soll die Asse nach Berechnungen von Gutachtern mindestens stabil bleiben – vorausgesetzt der Wasserzufluss wird nicht stärker. Bis dahin will das Bundesamt eine vernünftige Lösung finden. Noch sei unklar, welches der beste Weg sei, die Grube dichtzumachen, sagt König, der bei dem Ortstermin in der Asse erstaunlich oft von Unwägbarkeiten und Wissenslücken spricht. In der Asse soll nach seinem Willen eine neue Kultur einziehen: „Wir brauchen keine Glaubensbekenntnisse, wir brauchen Sicherheitsnachweise“, erklärt er sachlich.

Der vorherige Betreiber habe die Glaubwürdigkeit „auf null gebracht“, kritisiert König. So informierte das Helmholtz Zentrum erst zehn Jahre später über den längst bekannten Wasserzutritt. Bis weit in die neunziger Jahre erklärte die Bergwerksleitung, die Asse sei sicher. Dann wechselte plötzlich der Kurs, man drückte aufs Tempo. Die Asse sei so gefährdet, dass sie so schnell wie möglich geschlossen werden müsse, hieß es.

Bei den ohnehin skeptischen Anwohnern wuchs das Misstrauen. „Helmholtz wollte die Probleme schnell loswerden und Fehler vertuschen“, vermutet ein Sprecher der örtlichen Bürgerinitiative. Als im vergangenen Jahr bekannt wurde, dass radioaktiv belastete Laugen ohne Genehmigung einfach in tiefere Stollen des Bergwerks gepumpt worden waren, war das Helmholtz Zentrum als Betreiber nicht mehr zu halten. Das angebliche Forschungsbergwerk fiel in die Zuständigkeit des Bundesumweltministeriums und seiner Fachbehörde BfS.

Seither gilt statt Bergrecht das strengere Atomrecht. Bergleute und Besucher bekommen das zu spüren. Wer einfährt, wird mit einem Dosimeter ausgestattet. „Die Strahlung im Bergwerk ist gering, Ihr Dosimeter wird nichts anzeigen“, versichert Führerin Annette Parlitz – und behält recht. Dennoch: Wurden früher bedenkenlos Schulklassen und Kegelklubs bis an Kammern mit den Atommüllfässern geführt, ist dieser Bereich inzwischen für Besucher abgesperrt.

Nichts ist mehr sicher in der Asse. Fast wöchentlich gibt es neue Schreckensmeldungen. Das radioaktive Inventar ist offenbar höher, als in den Akten angegeben. Neben Atommüll sind auch Tierkadaver und Pflanzenschutzmittel eingelagert worden. „Wir wissen nicht genau, was drin liegt“, räumt König ein.

Ein Untersuchungsausschuss im niedersächsischen Landtag soll Licht in Pannen, Fehler und Vertuschungsaktionen der Vergangenheit bringen und die Verantwortlichen für die Schlampereien beim Namen nennen. Eine vernünftige Lösung für die Sicherung der Atommüllkippe ist damit aber noch nicht gefunden.

Eine Arbeitsgruppe untersucht im Auftrag des Bundes derzeit verschiedene Schließungsoptionen. Man könnte das Bergwerk wie das Endlager Morsleben bei Helmstedt komplett mit Beton verfüllen. Die Schwierigkeit dabei: Das Material könnte schrumpfen, sodass neue Spalten entstehen. Denkbar ist auch ein „Endlager im Endlager“, die Umlagerung des gesamten Mülls in tiefer gelegene, neue Kammern. Der Vorteil: Der strahlende Abfall verbliebe im Bergwerk, die Umgebung würde nicht belastet. Die Bürgerinitiativen rund um die Asse fordern die Rückholung des gesamten Mülls. Das sei für die Anwohner die sicherste Lösung, räumt König ein. Aber das sei sehr zeitaufwendig. Der Abfall müsste über Tage umkonditioniert und in das Endlager Schacht Konrad bei Salzgitter gebracht werden. „Und will man die Bergleute so großen Belastungen aussetzen?“, fragt König. Im Notfall, wenn die Asse zusammenstürzt, bleibt nach Königs Worten nur ein Ausweg, die Flutung der Grube, wie sie das Helmholtz Zentrum vorhatte.

Noch sei alles offen, betont König. Es würden Kriterien entwickelt, um die bestmögliche Entscheidung fällen zu können. „Eins ist aber jetzt schon sicher: Die Lösung wird nicht allen gefallen.“