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Niedersachsen Hubertus Schmoldt: Der verkannte Erfinder
Nachrichten Niedersachsen Hubertus Schmoldt: Der verkannte Erfinder
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21:02 11.10.2009
Von Gabi Stief
Hubertus Schmoldt
Hubertus Schmoldt Quelle: lni
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Einmal noch wird es so sein wie all die Jahre. Heute wird er vorn am Rednerpult stehen und Bilanz ziehen. Diesmal könnte es eine lange Rückschau sein; zwei Jahrzehnte lang gehörte er zum Führungsteam, die letzten 14 Jahre war er der Chef. Am Ende wird er über Chancen sprechen; über die Wirtschaftskrise, die bei all ihren Härten vielleicht zu einem neuen Zusammenhalt in der Gesellschaft führt. Er glaubt daran. Wie jene, die in festlichen Stunden summen „Unsre Stärke, unsre Tugend ist die Solidarität...“

Hubertus Schmoldt aber wird kein Arbeiterlied anstimmen. Er wird nicht die Faust heben oder über die bösen Kapitalisten herziehen. Der 64-Jährige ist kein Arbeiterführer, die Pose des Einpeitschers, der zur Protestkundgebung wie einst IG-Metall-Chef Klaus Zwickel die Schirmmütze aufsetzt, ist ihm fremd. Er ist Manager einer Gewerkschaft; einer, der mit Argumenten überzeugen will. Wenn er über die IG BCE spricht, redet er meist von der „Organisation“. Für Soziologen ist das ein großes Gebilde, das „Handlungen zu vernünftigen Folgen zusammenfügt, sodass vernünftige Ergebnisse erzielt werden“. Schmoldt sagt auch gern Sätze wie „der Konsens ist wichtig, denn er ist Grundlage für Handeln“. Ab Dienstag wird ein anderer die IG BCE führen. Schmoldt tritt ab. Viele werden bei diesem Kongress nur Gutes über ihn sagen: Die Kanzlerin kommt, der Bundespräsident, der noch amtierende SPD-Parteichef war am Sonntag schon da.

Vom Konsens wird die Rede sein; es war ein Lieblingswort des Vorsitzenden. Er hat es so oft genutzt, dass es manchmal wichtig wurde, zu betonen, dass er Streik im Tarifstreit nicht ausschließt. Die Sozialpartnerschaft prägt die drittgrößte Einzelgewerkschaft seit jener großen internen Schlacht um den Kurs in den siebziger Jahren, aus der Hermann Rappe, Schmoldts Vorgänger, als Sieger hervorging. Diese Partnerschaft mit den Arbeitgebern ist so etwas wie ein Etikett, das die einen als Prämiensiegel deuten, die anderen als Billigangebot – je nach Standort.

Lange Zeit war es vor allem die IG Metall, die auf Schmoldts Truppe mitleidig herabschaute. Auf die Leisetreter aus Hannover, die angeblich allzu nachgiebig mit den Herren auf der anderen Seite des Tisches handelseinig wurden. Die IG BCE ist eine Organisation der verkannten Erfinder. Ob Öffnungsklauseln im Flächentarif oder Tarifrentenmodelle – immer wieder wurde tarifpolitisches Neuland betreten. Mit Unternehmen, die ins Ausland abwandern wollten, wurden zu einer Zeit Standortvereinbarungen abgeschlossen, als andere Gewerkschaften noch meinten, den Zug aufhalten zu können.

Doch den Beifall bekamen nicht die Pioniere, sondern die Spätzünder. „Wir waren die Ersten und wurden beschimpft“, sagt Schmoldt. „Die, die folgten, wurden gefeiert.“ Er habe nie den „Nimbus der Härte“ gesucht. Am Ende zählt ohnehin nur eins: Wo stehen der Chemielaborant, der Facharbeiter in der Energiewirtschaft oder der Schichtarbeiter bei Conti auf der Gehaltstabelle? „Unsere materiellen Erfolge für die Beschäftigten sind unbestritten.“

Schmoldt gehört zu der Generation, die bereits mit 16 Jahren an der Werkbank stand und noch erlebte, dass die „Stifte“ zu Weihnachten beim Firmeninhaber zum Singen antreten mussten. Schmoldt, der ohne Vater aufwuchs, lässt sich in einem Chemiebetrieb in Walsrode zum Maschinenschlosser ausbilden. Er engagiert sich in der Gewerkschaftsjugend, studiert nach der Lehre und wird mit 24 Jahren hauptamtlicher Sekretär bei der damaligen IG Chemie in Hamburg. Danach ging’s aufwärts.

Er ist ein Pragmatiker, der es trotz Kuschelkurses manchmal schon krachen ließ. Als IG Metall und ver.di im Streit um die Agenda 2010 auf Konfrontationskurs zur rot-grünen Regierung gingen und für die neue linke Konkurrenz warben, schrieb er zornige Briefe mit dem Tenor „Wir sind kein Wahlverein!“ Dass sich dennoch viele Gewerkschafter bei den Linken engagieren, hat der Sozialdemokrat Schmoldt nicht verhindern können. Er selbst hat einen Wechsel in die Politik, sei es als Minister oder Abgeordneter, immer abgelehnt. Er brauchte kein Mandat, um in der Politik die richtigen Gesprächspartner zu finden. „Die Tür zum Kanzleramt stand für die IG BCE immer offen“, sagt er. „Egal, ob Kohl, Schröder oder Merkel regierte.“ Die Illusion der Kollegen, Schröder werde die Wunschliste der Gewerkschaften abarbeiten, hat er dennoch nie geteilt.

Und seine Bilanz? Ein Ziel ist erreicht: Die Gewerkschafter gelten nicht mehr als Betonköpfe oder Neinsager. Der ewige Streit über die Frage, ob Gewerkschaften eine Gesamtverantwortung tragen und nicht nur für mehr Geld im Portemonnaie streiten, ist im Sinne Schmoldts entschieden. Ein anderes Ziel liegt noch in der Ferne: Der IG BCE ist es nicht gelungen, die Besserqualifizierten in Scharen als Mitglieder zu gewinnen. Gegen den Zeitgeist, der besagt, dass allein der persönliche Erfolg zählt, sei man nicht angekommen, bedauert Schmoldt. Aber er hat die Hoffnung noch nicht aufgegeben. „Als Folge der Krise werden sich die Werte ändern.“ Er setzt auf die Renaissance von Anstand und Fairness; und die Neuentdeckung der Solidarität.

Leise Zweifel bleiben, ob sich jene bekehren lassen, die zig Millionen kassieren, auch wenn das eigene Unternehmen den Bach runtergeht. Schmoldt und Co. saßen dabei, wenn im Aufsichtsrat Vorstandsgehälter und Boni abgenickt wurden, die das 20- oder 30-fache eines Facharbeitereinkommens ausmachen. Es sei ein subtiles System, sagt er. Man werde gefragt, ob man tatsächlich den guten Mann an die Konkurrenz verlieren wolle. Schließlich zahlten die anderen weitaus mehr; vor allem in Amerika. Man werde manchmal erpresst. Nur in den Unternehmen, in denen die Gewerkschaften mitbestimmen können, werde sich etwas verändern.

Er wird damit nicht mehr viel zu tun haben. Er verlässt die Bühne, auf der man manchmal vergisst, wie das normale Leben spielt. Doch wer immer sachorientiert mit seiner Macht umging, der tut dies auch in der Stunde des Abschieds. „Etwa 90 Prozent des Interesses, das einem entgegengebracht wird, gilt der Funktion, dem Vorsitzenden, nicht dem Menschen“, sagt er. Daraus erwachsen keine Freundschaften. Dies müsse man sich klarmachen – „dann ist das kein Verlust, der schmerzt“. Ein weiteres Gegenmittel ist der schrittweise Ausstieg aus anderen Ämtern. In der europäischen Chemiegewerkschaft bleibt er vorerst Chef, im internationalen Verband Vize; außerdem sitzt er noch in einigen Aufsichtsräten und im Lenkungsrat des Deutschlandfonds. Eins wird er dennoch vermissen: die monatlichen Sitzungen beim DGB. Oft habe er sich hingequält, aber dann war’s doch ganz „lebendig“.