Menü
Neue Presse | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Niedersachsen Ist ein 28-Jähriger aus Hildesheim ein IS-Schlächter?
Nachrichten Niedersachsen Ist ein 28-Jähriger aus Hildesheim ein IS-Schlächter?
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
20:03 03.02.2019
Verhaftet: Martin Lemke (hier vermutlich im syrischen Rakka) in schwarzer IS-Kampfkleidung. Quelle: Screenshot
Hildesheim

Es war 2010, als Martin Lemke (heute 28) erstmals mit dem Islam in Kontakt kam. Innerhalb von nicht einmal zwei Jahren wurde aus dem unscheinbaren Schweißer-Gesellen aus einer sächsischen Kleinstadt und Kicker einer Kreisoberliga-Mannschaft ein Islamist. Er zog nach Hildesheim, ging in die damalige Moschee des Deutschsprachigen Islamkreises (DIK) von Hassprediger Abu Walaa. Von dort aus brach Lemke mit Frau und Kind Ende 2014 in den Islamischen Staat (IS) auf. Im Terror-Kalifat legte er angeblich eine Karriere hin wie kaum ein anderer Dschihadist aus Deutschland. Er soll zur Führungsriege des IS gehört haben. Nach Medienberichten hat er Menschen gefoltert, sei an Hinrichtungen beteiligt gewesen und soll auch Gefangene enthauptet haben. Nun wurde der mutmaßliche IS-Schlächter offenbar von den Syrischen Demokratischen Kräften (SDF) festgenommen.

Vor dem Aufbruch zum IS lebte Lemke in einer Wohnung an der Steuerwalder Straße in Hildesheim – nur einen Steinwurf von der inzwischen verbotenen DIK-Moschee entfernt. Der 28-Jährige soll damals von der dschihadistischen Ideologie besessen gewesen sein. Er nannte sich „Nihad“.

Ministerium: 2000 Euro von Abu Walaa für IS-Reise

Hassprediger Abu Walaa, dem seit September 2017 vor dem Oberlandesgericht Celle der Prozess gemacht wird, soll Lemke Geld gegeben haben, damit dieser ins IS-Kampfgebiet reisen kann. In der Verbotsverfügung des niedersächsischen Innenministeriums für den DIK Hildesheim heißt es: „Die Reise des Martin L. wurde (…) mit 2000 Euro von Abu Walaa finanziell unterstützt.“

Am 2. November 2014 stieg Lemke gemeinsam mit seiner Ehefrau nach islamischem Ritus, Julie M., und Sohn Yasir in Hannover in ein Flugzeug. Das erste Ziel der Etappe war Istanbul. Von dort aus reiste die Familie weiter nach Syrien zum IS.

IS-Kämpfer: Aufmarsch in Syrien.

Nach einer obligatorischen Kampfausbildung begann offenbar der rasante Aufstieg des Martin Lemke bei der Terror-Miliz. Sein Kampfname lautete fortan „Abu Yasir al-Almani“.

Auch im Prozess gegen Abu Walaa in Celle spielte Lemke mehrfach schon eine Rolle. So nahm der Staatsschutzsenat auch ein IS-Propaganda-Video in Augenschein, das den 28-Jährigen in schwarzer Kampfkleidung am Steuer eines Autos im IS-Herrschaftsgebiet zeigte. In dem Clip singen er und sein Beifahrer Kampflieder. Und sie fordern Muslime in aller Welt auf, in den Islamischen Staat zu kommen.

Dort scheint Lemke schnell in höhere Kader aufgestiegen zu sein: In Rakka soll er bei der „Hisbah“, der Sittenpolizei, gearbeitet haben. Der 28-Jährige wird auch verdächtigt, zum berüchtigten „Amnijat“, dem IS-Geheimdienst, gehört zu haben. Nach einem Bericht der „Zeit“ liegen Europäischen Sicherheitsbehörden Aussagen vor, wonach Lemke ein Folterer und Mörder ist. So habe er im Stadion von Rakka mehrere Personen zu Tode gequält. In Facebook-Nachrichten schrieb er an Bekannte: „Ich habe Menschen die Köpfe abgeschlagen.“

Martin Lemke nur ein Techniker?

Nachdem das Terror-Kalifat auf inzwischen wenige Dörfer im syrischen Euphrat-Tal geschrumpft ist, ist es dort auch für Dschihadisten wie Lemke ungemütlich geworden. Ende vergangener Woche wurde er nach übereinstimmenden Medienberichten in einem kleinen Ort nahe der irakischem Grenze von den Syrischen Demokratischen Kräften festgenommen. Das sollen Lemkes Ehefrauen (nach islamischem Ritus) Nummer zwei und Nummer drei französischen Reportern bestätigt haben. Eine der beiden, Leonora M. (19), behauptet allerdings, der 28-Jährige habe beim IS lediglich als Techniker gearbeitet.

Ob Lemke in Deutschland für mutmaßliche Kriegsverbrechen einmal der Prozess gemacht wird, ist nicht absehbar. Wie viele andere Länder hat auch die Bundesrepublik in der Vergangenheit wenig Initiative gezeigt, deutsche Dschihadisten zurück zu holen.

Hildesheimer offenbart Anschlagspläne

Martin Lemke ist nicht der erste Dschihadist aus dem verbotenen Deutschsprachigen Islamkreis Hildesheim, der im zerbröselnden Islamischen Staat gefangen genommen wurde. Ende 2017 fiel bereits der ehemalige Schriftführer des Vereins, Oguz G., der Kurden-Miliz YPG in Syrien in die Hände. Er und seine ebenfalls verhaftete Frau Marcia M. warten seit über einem Jahr auf ihre Auslieferung nach Deutschland. Beide sollen mit Sicherheitsbehörden kooperieren und Anschlagspläne des IS in der Bundesrepublik offenbart haben.

Von Britta Mahrholz