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Niedersachsen Grotelüschen scheint trotz der Vorwürfe mit sich im Reinen
Nachrichten Niedersachsen Grotelüschen scheint trotz der Vorwürfe mit sich im Reinen
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22:29 12.08.2010
„Konstruierte Zusammenhänge“: Landwirtschaftsministerin Astrid Grotelüschen wehrt sich gegen den Vorwurf der Tierquälerei. Quelle: dpa

Draußen vor dem Landwirtschaftsministerium stehen schon die Aktivisten der radikalen Tierrechtlerorganisation Peta, ausgewiesen durch einen Schriftzug am schwarzen T-Shirt, und reden auf Reporter ein. Drinnen warten schon zahlreiche Fotografen auf Niedersachsens Landwirtschaftsministerin Astrid Grotelüschen (CDU), gerade mal 108 Tage im Amt, und harren ihrer angekündigten persönliche Erklärung. Und zwar nicht zu Schinkenersatz oder Analogkäse, die heute mit der Vorlage des Verbraucherschutzberichtes offiziell auf der Tagesordnung stehen. Nein, das Medieninteresse gilt der „Puten-Affäre“ oder der Affäre Grotelüschen, die wahrscheinlich gar keine Affäre ist, sondern ein Streit um die Frage, ob eine Frau der Agrarindustrie wirksam die Interessen des Tierschutzes vertreten kann oder ob nicht.

Seit Montagabend kämpft Astrid Grotelüschen, die noch Christian Wulff als Ministerpräsident zur Grundsanierung seines in die Jahre gekommenen Landeskabinetts nach Hannover berief, um ihren guten Ruf als Amtsperson. Viel Zeit, sich diesen überhaupt zu erwerben, hat die diplomierte Ökotrophologin und frühere Bundestagsabgeordnete nicht gehabt, zumal die radikalen Tierrechtler von Peta Grotelüschen seit dem Tage ihres Amtsantritts im Visier haben, weil sie bis dahin als Geschäftsführerin im familieneigenen Putenkükenzuchtbetrieb gearbeitet hat. Der zählt mit der Produktion von zehn Millionen Küken jährlich zu den ganz großen in der Republik. Gut ein Drittel der Küken geht davon an die „Putenerzeugergemeinschaft Mecklenburg-Vorpommern“, von der Peta-Mann Stefan Bröckling nach eigenen Angaben zwei Ställe aufgesucht hat, nachts, heimlich und mit der Videokamera. Kranke und verweste Tiere hat er gefilmt, als Mann für „Special Projects“ weist ihn seine Visitenkarte aus.

Na klar habe man sich Betriebe ausgesucht, die mit der Familie Grotelüschen verbunden seien, sagt der Aktivist. „Bei dieser Frau geht es darum zu zeigen, dass sie in Sachen Massentierhaltung nie unparteiische Urteile fällen kann. Diese Ministerin wird sich nie gegen die Fleischindustrie stellen, weil sie aus der Fleischindustrie kommt“, meint der Peta-Aktivist, der die Kampagne entfacht hat, die jetzt einige Wellen schlägt.

Oben im Großen Sitzungssaal des Landwirtschaftsministeriums ist Astrid Grotelüschen ganz anderer Meinung. „Ich sehe keinerlei Anhaltspunkte, dass ich eingeschränkt bin in meinem Handeln“, sagt eine Politikerin, die völlig mit sich im Reinen zu sein scheint. Eine halbe Stunde Zeit nimmt sie sich, um alle Fragen der Reporter zu beantworten, auch wenn sie es „sehr bedauerlich“ findet, jetzt „auf diesen einzigen Punkt reduziert zu werden“. Mit womöglich tierquälerisch gehaltenen Puten in Mecklenburg-Vorpommern habe sie nichts zu tun, auch wenn ihr Mann mit einer Sperrminorität von dreizig Prozent an dieser Erzeugergemeinschaft beteiligt sei. „Ich habe diese angeblichen Zustände nicht zu verantworten“, sie spricht von „konstruierten Zusammenhängen“ und betont immer wieder, dass „es in unserem Unternehmen“ ganz wesentlich sei, dass „wir keine Vollintegration haben, sondern dass die Landwirte ganz selbstständig sind“. Soll heißen: Die Firma Grotelüschen liefert zwar den Betrieben, die die Puten mästen, die Küken und schlachtet dann wieder die Tiere, wenn sie ihr Schlachtgewicht erreicht haben. Für die Mast indes sind die Bauern zuständig. Allerdings sei das gesamte Netz der Putenfleischproduktion ein enges, erläutert die Ministerin: „Ein Küken schlüpft erst, wenn feststeht, wo es aufgezogen wird und wo es zur Schlachtung kommt.“ Also entscheidet der Schlachttermin den Geburtstag? „Auch wenn es pietätlos klingt, geht es so zu in der Fleischproduktion. Ich sehe da keinen Ansatz für eine ethische Diskussion.“

Aber Tiere gesund, ohne Verletzungen aufzuziehen, gehöre „zum Management“ der Landwirte, sagt die Ministerin, die als Managerin der Firma Grotelüschen nie in einem der beiden Mecklenburgischen Ställen gewesen sei: „Entscheidend ist immer, dass der Tierschutz eingehalten wird.“

Diese Frage ist bei den beiden Mecklenburgischen Betrieben, deren angebliche Stallzustände gegen Grotelüschen angeführt werden, noch nicht endgültig entschieden – auch wenn die Behörden in Ostdeutschland keine Missstände gefunden haben.

Michael B. Berger

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