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Niedersachsen Gorleben-Akten öffentlich zugänglich
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21:06 13.04.2010
Von Stefan Koch
„Ergebnisoffene Erkundung“: Bergarbeiter messen in 840 Metern Tiefe im Gorlebener Salzstock einen Riss in der Grubendecke. Quelle: dpa
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Greenpeace stellte am Dienstag eine große Dokumentation von behördlichen Akten ins Internet, um über die Entstehungsgeschichte des umstrittenen Lagers vor bald 30 Jahren in aller Ausführlichkeit zu informieren. Das Fazit der Umweltschützer: Die Standortsuche habe unter einem enormen politischen Druck gestanden. Und: Gefahren durch Laugeneinbrüche seien massiv heruntergespielt worden. „Aus den Unterlagen der Behörden geht klar hervor, dass bei der Standortsuche manipuliert wurde“, sagte Greenpeace-Atomexperte Mathias Edler am Dienstag dieser Zeitung.

Edler ist vor allem über ein Dokument aus dem Jahr 1996 betroffen. Das Bundesamt für Strahlenschutz berichtete damals der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe in Hannover, dass in der Nähe des Erkundungsbereiches ein großes Laugenreservoir entdeckt wurde. In dem Schreiben vom 1. August 1996 ist die Rede von bis zu einer Million Kubikmeter. Eine Größenordnung, die aufhorchen lässt – galt Gorleben im Gegensatz zum Bergwerk Asse doch immer als ein relativ trockener Standort. Edler ist sich sicher: Diese Erkenntnisse seien der Öffentlichkeit gezielt vorenthalten worden.

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Belegt werde in den Unterlagen zudem, dass die Auswahl von Gorleben unter dem damaligen niedersächsischen Ministerpräsidenten Ernst Albrecht politisch motiviert und wissenschaftlich nicht abgesichert war. Albrecht wird in einer Notiz von 1977 mit den Worten zitiert, das Endlager werde „entweder bei Gorleben oder überhaupt nicht in Niedersachsen gebaut“.Erheblichen Druck habe es damals auch aus Bonn von Kanzler Helmut Schmidt gegeben.

Vor diesem Hintergrund fordert Sylvia Kotting-Uhl, atompolitische Sprecherin der Grünenfraktion: „Die Gorleben-Historie ist ein Sumpf, der trockengelegt werden muss.“ Grünenchefin Claudia Roth nannte es einen „atompolitischen Wahnsinnskurs“, dass die jetzige Bundesregierung an Gorleben festhalten wolle. Auch Edler rief zur Aufgabe des Standorts auf. Dagegen will Bundesumweltminister Norbert Röttgen den vor zehn Jahren von Rot-Grün verhängten Erkundungsstopp für den Salzstock aufheben.

Florian Emrich, Sprecher des Bundesamtes für Strahlenschutz, kann die Aufregung nicht verstehen: „Das Reservoir liegt in Gebirgsabschnitten, die einen Abstand von mehreren hundert Metern zu möglichen Einlagerungsbereichen des Erkundungsbereiches 1 aufweisen.“ 1996 seien die Berechnung noch „stark fehlerhaft“ gewesen. Aus Expertensicht gebe es heute keine sicherheitsrelevanten Bedenken. „Unsere Kenntnisse über die Bildung des Salzstocks haben sich aufgrund der ab 1996 gesammelten und zwischenzeitlich ausgewerteten Erkundungsergebnisse deutlich verbessert“, sagt Emrich.

Reinhard Grindel, Obmann der Unionsfraktion im Gorleben-Untersuchungsausschuss, zeigte sich am Dienstag ebenfalls skeptisch: „Es geht um eine ergebnisoffene Erkundung.“ Die Mehrheit der Wissenschaftler betrachte die vorhandenen Laugen nicht als problematisch für eine Endlagerung. Im übrigen verweist der niedersächsische CDU-Politiker auf den Atomausstiegsvertrag, den Rot-Grün 2000 mit den Energieversorgern geschlossen hatte. Darin heißt es: „Die bisherigen Erkenntnisse über ein dichtes Gebirge und damit die Barrierefunktion des Salzes wurden positiv bestätigt. Somit stehen die bisher gewonnenen geologischen Befunde einer Eignungshöffigkeit des Salzstockes Gorleben zwar nicht entgegen … Das Moratorium bedeutet keine Aufgabe von Gorleben als Standort für ein Endlager.“

Da es seit 2000 keine weiteren unterirdischen Erkundungen gegeben habe, gebe es daher auch keine neuen Erkenntnisse.