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Niedersachsen Gerangel um die Gräben an der Weser
Nachrichten Niedersachsen Gerangel um die Gräben an der Weser
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20:01 21.06.2012
Von Klaus Wallbaum
Schon jetzt wird die Weser – wie hier an der Mündung bei Bremerhaven  –  ausgebaggert. Die Landwirte fürchten, dass ihre Wiesen versalzen.
Schon jetzt wird die Weser – wie hier an der Mündung bei Bremerhaven – ausgebaggert. Die Landwirte fürchten, dass ihre Wiesen versalzen. Quelle: dpa
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Hannover

Die Kühe im Kreis Wesermarsch mögen nur süßes Wasser, aber die geplante Weservertiefung droht ihre tägliche Nahrung tüchtig zu versalzen. Damit das nicht geschieht, plant das Land ein kompliziertes neues Bewässerungssystem. Dieses umfasst mehrere Gemeinden auf zwei Dritteln des Landkreises - ein Gebiet, in dem 60.000 Menschen leben. Nun wird klar: Die ganze Sache wird erheblich teurer als geplant. 37,5 Millionen Euro wollte das Land in den nächsten Jahren dafür ausgeben. Eine erste Studie schätzt die Kosten jetzt auf mindestens 67,5 Millionen Euro.

Auslöser für die Überlegungen ist die geplante, inzwischen von Umweltverbänden vor Gericht angefochtene Vertiefung der Unterweser. Da die Salzgitter AG ihren Stahl über den Hafen Brake verfrachtet und die modernen Schiffe mehr Tiefgang haben, soll der Fluss ausgebaggert werden. Ähnlich wie bei der Elbvertiefung besteht in diesem Fall aber die Sorge, in einen tieferen Fluss könne mehr Salzwasser von der Nordsee vordringen. Die Obstbauern im Alten Land an der Elbe hatten deshalb Schutzvorkehrungen für ihre Plantagen durchgesetzt. Die Bauern in der Wesermarsch benötigen das auch. Ihr Problem ist, dass sie bisher das Wasser für ihre Wiesen und die Tränken der Kühe direkt aus der Weser beziehen. Das Grundwasser in der Wesermarsch ist unbrauchbar, über Jahrhunderte verlassen sich die Landwirte deshalb auf die Weser. Über viele kleine verzweigte Gräben wird der Fluss angezapft, man zieht das Wasser hier ab und leitet es auch wieder ein.

Dies soll nun anders werden. Ein „Generalplan“ sieht vor, dass das Wasser südlich von Brake aufgenommen, in einen großen See geleitet und dann über Kanäle - insgesamt 60 Kilometer - an die Wiesen verteilt wird. Am Jadebusen, nahe des Nationalparks, soll das Gebiet dann wieder entwässert werden. Neue Pump- und Schöpfwerke werden dazu nötig, eine Bahnlinie muss gekreuzt werden. Die Grünen-Abgeordnete Ina Korter befürchtet, am Ende müssten die Landwirte über Beiträge zu den Wasser- und Bodenverbänden die Zeche zahlen. Denn Umweltminister Stefan Birkner (FDP) betonte auf eine Grünen-Anfrage am Donnerstag im Landtag, die Regierung wolle an der 50-Millionen-Obergrenze festhalten. Dabei plant das Land einen Anteil von 37,5 Millionen Euro, der Bund soll 2,5 Millionen tragen, Bremen und die Wasserverbände je fünf Millionen. Aber Birkner geht auch von Kostenminderungen aus: Aus der Luft soll die Wesermarsch fotografiert und kartiert werden, dann will man feststellen, wieviele Höhen und Senken es gibt. Wenn die Kanäle leicht verändert werden, könnten natürliche Gefälle genutzt werden - das könnte einige Pumpen und Schöpfwerke entbehrlich werden lassen.

CDU und FDP treiben den „Generalplan Wesermarsch“ voran, die in der Region dominante SPD steht auch dazu. Vor Monaten indes war sich die Koalition nicht ganz so einig gewesen. CDU-Fraktionschef Björn Thümler legt sein ganzes Gewicht in dieses Vorhaben, sein Wahlkreis ist die Wesermarsch. Die FDP reagierte anfangs skeptisch bis zurückhaltend. Als der jüngste Landesetat beschlossen wurde, einigten sich beide Fraktionen aber - die CDU setzte den Generalplan durch, die FDP warb im Gegenzug mit Erfolg dafür, dass die Entschlammung des Dümmer vorankommt. Umweltminister Birkner, Landeschef der FDP, ließ am Donnerstag im Landtag keinen Zweifel: „Wir wollen dieses Projekt“. Details müssten aber noch geklärt werden.

28.06.2012
Michael B. Berger 20.06.2012