Explosion von Kriegsbombe fordert drei Tote in Göttingen im Jahr 2010
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Niedersachsen Bombenexplosion in Göttingen: „Es war das schwerste Unglück in Niedersachsen“
Nachrichten Niedersachsen Bombenexplosion in Göttingen: „Es war das schwerste Unglück in Niedersachsen“
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11:09 30.05.2020
Thomas Bleicher, Leiter Kampfmittelbeseitigungsdienst Niedersachsen.
Thomas Bleicher, Leiter Kampfmittelbeseitigungsdienst Niedersachsen. Quelle: r
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Göttingen / Hannover

„Das Restrisiko ist nicht gen Null zu bekommen“, sagt Thomas Bleicher. Der Leiter des Kampfmittelbeseitigungsdienstes (KBD) Niedersachsen war 2010 Einsatzleiter. Auf dem Göttinger Schützenplatz hatten die Fachleute die Lage beurteilt. Die Bombe mit dem chemischen Langzeitzünder stellte sie vor eine schwierige Aufgabe.

Göttingen wurde im zweiten Weltkrieg bombardiert, nicht alle Bomben zündeten. Am 1. Juni 2010 musste eine Bombe auf dem Schützenplatz entschärft werden, es ereignete sich ein Unglück mit drei Toten.

Es sollte versucht werden, so erinnert sich Bleicher (60), die Bombe aus dem zweiten Weltkrieg nicht sprengen zu müssen. Mit einem ferngesteuerten Wasserstrahl-Schneidgerät sollte die Kriegswaffe zerstört werden.

Deren Zünder wird durch einen chemischen Prozess aktiviert: Statt einer Feder wie bei mechanischen Aufschlagzündern wird der die Explosion auslösende Schlagbolzen durch eine Scheibe aus Zelluloid gehalten. Das wird früher oder später durch Aceton aufgelöst, das in einer Glasampulle auf den Aufschlag wartet und dabei freigesetzt wird. Solche Bomben sind, so Bleicher, „aufgrund ihres fortgeschrittenen Alters unberechenbar“.

Am 1. Juni 2010 kam es zur Explosion der Bombe noch während der Vorbereitungsarbeiten. „Das hat auch die hohe Zahl von drei getöteten und zwei verletzten Kollegen verursacht“, sagt Bleicher. In dem Moment der Explosion wusste Bleicher um die schlimmen Folgen und ebenso, wie er als Einsatzleiter zu handeln hatte. „Dieser Einsatz hat gezeigt, dass es ein Restrisiko gibt – und dass jeder Einsatz gefährlich bleibt.“

Anspruchsvolle Ausbildung

Aber Bleicher will die Gefahr und das Risiko auch nicht überbewertet sehen. Er sei jeden Tag in Niedersachsen auf der Autobahn unterwegs, „da ist es gefährlicher als in unserem Job“, meint der 60-Jährige.

Die Arbeit und Ausbildung von Kampfmittelexperten und Sprengmeistern hat sich verändert. Das Handwerk habe inzwischen eine umfangreiche, anspruchsvolle Ausbildung. Und auch Wissenschaft und Forschung sorgten auf dem Gebiet der Kampfmittelbeseitigung für Innovation. So werde aktuell am Laserzentrum Hannover der Einsatz mit Lasertechnik erprobt.

Der Bombe nahe kommen

Als 2010 die beiden Einsätze auf dem Schützenplatz waren, wurde mit der damals noch jungen Wasserstrahl-Technik gearbeitet. „Damit kommt es nicht zur manuellen Entschärfung, sondern zur Fernentschärfung“, erklärt Bleicher. Doch dafür müsse Gerät angebracht und installiert werden – und der Bombe nahe gekommen werden.

Niedersachsenweit ist der Kampfmittelbeseitigungsdienst im Einsatz. Es gebe keine Dokumentation über Kampfmittel, die während des Krieges oder nach Kriegsende von den Alliierten beseitigt wurden. Auch die Ende der 1940’er-Jahre erfolgten Arbeiten wurden nicht festgehalten, erklärt Bleicher. Um sicher zu gehen, dass nichts mehr im Boden liege, „müssen wir jeden Schnipsel von Niedersachsen sechs Meter tief aufgraben“, verdeutlicht der KBD-Leiter die Unmöglichkeit, die Kriegswaffen sicher festzustellen. „Während unserer Arbeit finden wir ja auch noch Kanonenkugeln“, berichtet Bleicher.

Gottesdienste und Gedenkfeiern

Die Arbeit der Kampfmittelbeseitiger solle die Bevölkerung schützen. Sich selbst schützen können die Fachleute nicht immer. Das zeigte die Explosion von 2010 auf dem Schützenplatz in Göttingen. Bleicher: „Das war das schwerste Unglück in der Geschichte des KBD Niedersachsen.“

Damals wurde in der Göttinger Johanniskirche und in der Marktkirche Hannover in Gottesdiensten um die beiden Sprengmeister und den Vorarbeiter des Kampfmittelbeseitigungsdienstes Niedersachsen, getrauert. In jedem Jahr seit dem Unglück kamen seit 2010 Kollegen zu Gedenkfeiern nach Göttingen. Am 1. Juni 2020 soll eine Gedenkfeier in der Form nach Angaben von Bleicher zum letzten Mal stattfinden, „weil man auch von so einem Ereignis loslassen muss“.

Gedenkfeier in der Sparkassen-Arena

Aus Anlass des 10. Jahrestages beabsichtigen Vertreter des Landesamts für Geoinformation und Landvermessung Niedersachsen, des Kampfmittelbeseitigungsdienstes (KBD), der Polizeidirektion Göttingen sowie der Zentralen Polizeidirektion Niedersachsen vor Ort ihrer getöteten Kollegen zu gedenken und einen Kranz niederzulegen.

Nach Angaben der Polizei Göttingen soll die kurze Gedenkveranstaltung am Pfingstmontag, 1. Juni, stattfinden in den Räumen der Sparkassen-Arena. Für den Neubau an der Godehardstraße wurde im Jahr 2010 das Gelände vorbereitet. Dazu gehörte auch die Beseitigung gefundener Kampfmittel aus dem zweiten Weltkrieg im Mai und Juni 2010.

Oberbürgermeister Rolf-Georg Köhler erklärte am Freitag zu dem Unglück auf dem Schützenplatz: „Heute vor zehn Jahren hat keiner geglaubt, dass an den Folgen des Zweiten Weltkriegs in Göttingen Menschen versterben werden. Kurz danach sind drei Männer des Kampfmittelbeseitigungsdienstes Niedersachsen von einer Bombe getötet worden und weitere Menschen verletzt worden. Das mahnt zur Vorsicht und zur Erkenntnis, dass die Kriegsereignisse auch heute noch nachwirken. Mein tiefes Mitgefühl gilt allen Betroffenen dieses schrecklichen Unfalls.“

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Die Autorin erreichen Sie per E-Mail an a.bruenjes@goettinger-tageblatt.de

Von Angela Brünjes