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Niedersachsen Ex-Heimkinder fordern Entschädigung
Nachrichten Niedersachsen Ex-Heimkinder fordern Entschädigung
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22:51 08.10.2009
Das zu einer Tagung über das Schicksal früherer Heimkinder gefertigte Kunstwerk von Gudrun Adrion soll die Schicksale symbolisieren.
Das zu einer Tagung über das Schicksal früherer Heimkinder gefertigte Kunstwerk von Gudrun Adrion soll die Schicksale symbolisieren. Quelle: lni
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„Es ist gut, dass die Kirche sich mit den Betroffenen gemeinsam hinsetzt und sie auch zu Wort kommen lässt“, sagte die Vorsitzende des Vereins ehemaliger Heimkinder, Monika Tschapek-Güntner am Donnerstag im westfälischen Soest. „Jetzt müssen Taten folgen.“

Während ihr Verein für die noch lebenden 500.000 Betroffenen eine Entschädigung in Höhe von 25 Milliarden Euro fordert, sagt Jürgen Beverförden von dem Bramsche ansässigen Verein ehemaliger Heimkinder in Niedersachsen: „Wir wollen eine Entschädigung nur für die, die in gefängnisartigen Einrichtungen waren und Zwangsarbeit leisten mussten.“ Außerdem fordere der Verein, dass die Rentenkonten derjenigen überprüft werden, die in Fürsorgeeinrichtungen waren. Beverförden vertritt 250 Heimkinder in Niedersachsen.

„Es ist ein symbolischer Wert. Denn rund 50.000 Euro pro Kopf sind keine Entschädigung für das, was man in dem Heim durchlebt hat“, sagt Tschapek-Güntner, die selbst 17 Jahre in einem Heim gelebt hat. Es müsse umgehend ein Fonds für Soforthilfe eingerichtet werden, der therapeutische Maßnahmen finanziert, betonte die Vereins-Vorsitzende.

Bis in die 70er Jahre wurden Heimkinder in kirchlichen Einrichtungen misshandelt. Nach Angaben der SPD-Landtagsfraktion waren allein in Niedersachsen etwa 50.000 Kinder betroffen. Bundesweit waren es bis zu einer Million.

Auch von der Wirtschaft forderte der Verein eine Beteiligung an dem Fonds. „Nachweislich haben bekannte große Firmen Kinder eingestellt“, sagt Tschapek-Güntner. „Alles wurde unter dem Deckmantel Erziehung abgetan.“ Die Betroffenen sollen weder Lohn erhalten haben noch wurde für sie eine Sozialversicherung abgeschlossen. Stattdessen gab es Tabak und Zigaretten. Viele der Betroffenen müssten deshalb heute von Hartz IV leben.

Die Milliarden-Forderungen von Tschapek-Güntner stoßen beim Diakonischen Werk auf wenig Gegenliebe. „Die Diakonie lehnt eine pauschale Entschädigung ab,“ sagte Diakonie-Direktor Christoph Künkel. Sie werde den höchst unterschiedlichen Schicksalen der Heimkinder nicht gerecht. Außerdem habe der Runde Tisch in Berlin festgestellt, dass die gegenwärtige Gesetzeslage Entschädigungen nicht begründet. „Es ist ein neue Entscheidung des Gesetzgebers nötig, wenn es zu Entschädigungszahlungen kommen soll. Die Entscheidung liegt bei der Politik in Berlin“, sagt Künkel.

Es sei wichtig, dass die ehemaligen Heimkinder psychologisch betreut würden, sagte Tschapek-Güntner. „Das muss sofort geschehen.“ Der Deutsche Bundestag habe zwar einen Runden Tisch in Berlin eingerichtet und werde Anfang 2010 einen ersten Zwischenbericht vorlegen. Aber der Verein könne auf die Ergebnisse nicht warten. „Was in den Heimen geschehen ist, weiß man Zugenüge“, sagte Tschapek-Güntner.

Die Evangelisch-lutherische Landeskirche Hannovers will die Resultate aus Berlin abwarten. „Wir richten uns, was Entschädigungszahlungen anbelangt, nach den Ergebnissen des Runden Tisches“, sagt der Sprecher der Landeskirche, Johannes Neukirch. „Wir können keine Regelungen treffen, die eine Landeskirche allein betrifft.“

lni