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Niedersachsen Endlager-Projekt in Gorleben reißt alte Gräben auf
Nachrichten Niedersachsen Endlager-Projekt in Gorleben reißt alte Gräben auf
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11:01 05.04.2010
Proteste in Gorleben
Proteste in Gorleben Quelle: dpa (Archiv)
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Idyllisch wirkt der Landstrich an der Elbe - gerade im Frühling. Doch das gemütliche Landleben in Gorleben und im Elbe-Ort Gartow gleich nebenan ist getrübt, die Stimmung gereizt. Die von der schwarz-gelben Bundesregierung jetzt beschlossene Weitererkundung des Salzstocks Gorleben als mögliches Atommüll-Endlager reißt alte Gräben wieder auf. Die Befürworter des seit den 70er Jahren umstrittenen Projekts erhoffen sich einen Aufschwung für die strukturschwache Gegend. Die Gegner wollen sich mit ihren Protesten aber nicht aufhalten lassen.

„Die Region ist tief gespalten. Das geht von der Politik bis runter an jeden Geburtstagstisch“, sagt der Landrat des Kreises Lüchow-Dannenberg, Jürgen Schulz (parteilos). Für dieses Jahr erwartet er wegen des Kurses von CDU/CSU und FDP in Berlin weit mehr Protestaktionen als in den Vorjahren.

Bundesumweltminister Norbert Röttgen (CDU) setzt bei der Suche nach einem Endlager auf den Salzstock in Gorleben. Die Gegner halten den Standort für ungeeignet, sehen Sicherheitsdefizite und die Gefahr eines Wassereinbruchs, so dass Radioaktivität in die Umwelt gelangen könnte. Forderungen der Opposition und der Anti-Atom-Bewegung, zugleich auch Alternativen in Deutschland zu untersuchen, lehnt die Bundesregierung ab. Möglicherweise gehen nach zehnjähriger Pause die Arbeiten rund 800 Meter tief im Salz noch in diesem Jahr weiter.

Der Gartower Architekt Günther Herbst ist einer, der für die Protestbewegung im Wendland lebt, auch wenn er innerhalb seiner Familie teils als „Spinner“ abgetan wird. „Da bleib ich auch Chaot. Wir können nicht kompromisslos aufgeben.“ Der 71-Jährige, dessen Leidenschaft das ökologische Bauen ist, kann Streitereien um Gorleben kaum aus dem Weg gehen. „Durch meine Familie geht ein Riss“, sagt er.

In seinem Wohnort, wo Herbst ein altes Sägewerk betreibt, steht er einem breiten Lager von Befürwortern gegenüber. Er nennt sie nur „die schwarze Liga“ und meint die konservativen Wähler. Im Gartower Gemeinderat hat die CDU die Mehrheit. Dort zieht aber auch die SPD mit und unterstützt das Endlager-Projekt - ganz anders als die Sozialdemokraten im Land und im Bund.

Die Atomkraftgegner werfen dem Gemeinderat vor, er lasse sich von der Politik und der Atomwirtschaft schmieren. Rund 840.000 Euro pro Jahr erhält das schmucke Örtchen Gartow seit der Ansiedlung von Anlagen wie dem oberirdischen Zwischenlager für Atommüllbehälter. „Das ist nicht schlecht, damals hat man gut verhandelt“, meint Bürgermeister Friedrich-Wilhelm Schröder (CDU). „Das ist Maul-Stopf- Geld“, schimpft jedoch Gerhard Has, Vorstandsmitglied bei der Bürgerinitiative Umweltschutz Lüchow-Dannenberg. „Die Gier nach Geld“ nennt es sein Freund Herbst.

Lokalpolitiker dagegen hegen jetzt umso größere Erwartungen, dass der Bund Geld als Ausgleich für ein Atomendlager fließen lässt. Damit wollen sie den noch wenig ausgeprägten Tourismus voranbringen und die schlechte Verkehrsanbindung verbessern, wie es in einem Schreiben an Umweltminister Röttgen anklingt. Der Landkreis Lüchow-Dannenberg hat nicht nur die dünnste Besiedlung in Niedersachsen mit weniger als 50.000 Einwohnern, er ist auch von großen Verkehrsachsen abgeschnitten.

Landrat Schulz steckt da im Dilemma: „Natürlich bräuchten wir finanzielle Mittel“, sagt der parteilose Politiker. Der Landkreis hat riesige Schulden. Dennoch lehnt sich die Mehrheit im Kreistag gegen das Gorleben-Projekt auf. „Ich kann für den Landkreis nicht so weit gehen, dass wir uns für des Geldes willen verkaufen und Gorleben zustimmen“, sagt Schulz.

Für die Bevölkerung in der Region Wendland kann das Endlager- Projekt zum Nervenkrieg werden. „Es ist leider so, dass alte Wunden wieder aufbrechen“, meint der widerspenstige Atomkraftgegner Graf Andreas von Bernstorff, dessen Familie rund 6000 Hektar Wald besitzt. Ihm gehört auch ein Teil des Salzstocks. Er hatte sich aber - anders als viele Landwirte - einst geweigert, seine Salzrechte für die Erkundung zu verkaufen. Nun befürchtet er, dass sich die Auseinandersetzungen um das Endlager verschärfen könnten. „So eine Dorfgemeinschaft bricht dann eben irgendwann auch auseinander.“

dpa