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Niedersachsen Eltern fühlen sich unter Druck
Nachrichten Niedersachsen Eltern fühlen sich unter Druck
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20:05 08.09.2009
Von Saskia Döhner
Ein Kindergarten, 20 Nationalitäten: Für die Mutter Agartha Owusu Aggeman und die Kinder (v. l.) Amina, Manuela und Benedikt ist das Familienzentrum in Hannover-Stöcken wie ein zweites Zuhause.
Ein Kindergarten, 20 Nationalitäten: Für die Mutter Agartha Owusu Aggeman und die Kinder (v. l.) Amina, Manuela und Benedikt ist das Familienzentrum in Hannover-Stöcken wie ein zweites Zuhause. Quelle: Nico Herzog
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„Waren Kinder bis vor 30 Jahren noch ein selbstverständlicher Bestandteil einer Biografie von Männern und Frauen, so hat sich das heute grundlegend gewandelt“, sagt Tanja Merkle, die die Untersuchung des Heidelberger Instituts verfasst und am Dienstag bei einer Tagung der Diakonie in Hannover vorgestellt hat. „Elternschaft ist heute eine Option unter anderen Lebensformen.“

Wer sich bewusst für Nachwuchs entscheide, stehe damit aber auch unter ungleich höherem Druck. Die Kindheit auf der Straße sei einer häuslichen Freizeit gewichen. Weil immer mehr Kinder ohne Geschwister aufwüchsen, entwickelten sich Eltern zu Familienmanagern, die viel Zeit und Geld aufwendeten, um ihre Kinder mit anderen zusammenzubringen und speziell zu fördern: „Kinder sollen immer früher auf die richtige Schiene gesetzt werden.“

Zugleich steige die soziale Abgrenzung, sagt Merkle. „Spätestens bei den eigenen Kindern hört üblicherweise die Toleranz auf“, heißt es in der Studie. Dabei wird auf den Zulauf zu den Privatschulen oder auf Familien verwiesen, die umziehen, wenn es in Wohnvierteln zu wenig Angehörige des eigenen bürgerlichen Milieus gibt.

Es gebe aber eine Chance, diese Abgrenzung zwischen den Schichten zu durchbrechen, sagt Bernd Heimberg vom Diakonischen Werk der Evangelischen Landeskirche Hannover. „Nie ist die Chance so groß wie im Kindergarten oder in der Grundschule um die Ecke.“ Dieses Potenzial gelte es zu nutzen. Ein Modell mit Vorbildcharakter könnten so genannte Familienzentren sein, wie es sie in Hannover schon gebe, findet Heimberg.

Zum Beispiel an der Corvinuskirche in Hannover-Stöcken. Die Kita wird von 59 Kindern aus 20 verschiedenen Nationen besucht. Wichtig sei es, die Eltern miteinzubeziehen, sagt Leiterin Verena Teschner. Und das meine mehr, als dass Väter das Außengelände gestalten oder Mütter beim Laternenbasteln helfen, betont Heimberg. „Wir öffnen uns dem Stadtteil“, sagt Teschner. Dazu gehörten Angebote wie Babytreffs und Malkurse auch für Mütter, deren Kinder nicht im Kindergarten seien. Hannover fördert derzeit 15 Familienzentren in sozialen Brennpunkten mit jeweils 40.000 Euro.

Vom Land aber wünscht sich Heimberg mehr Engagement. In Nordrhein-Westfalen sei jede dritte Kita zu einem Familienzentrum ausgebaut worden, auch wenn die finanzielle Unterstützung mit 12.000 Euro jährlich eher bescheiden ausfalle. Das Sozialministerium in Hannover kontert: Landesweit gebe es 280 Familienservicebüros, die mit einem 100-Millionen-Euro-Programm gefördert würden. Ein Ziel sei es, über Tagesmütter auch Betreuungsmöglichkeiten zu schaffen, wenn Kindergärten noch nicht oder nicht mehr geöffnet hätten, sagt ein Ministeriumssprecher.