Menü
Neue Presse | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Niedersachsen Ein fast normaler Arbeitsplatz
Nachrichten Niedersachsen Ein fast normaler Arbeitsplatz
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
19:29 31.10.2011
Ein Bergmann im Erkundungsbergwerk Gorleben schlägt die Decke des Stollens glatt. Von den Wänden rinnt Erdöl. Quelle: Burkert
Anzeige
Gorleben

Man kann es nicht nur riechen, man sieht es auch. Öl rinnt aus dem Salzgestein in 840 Metern Tiefe, hellbraunes Erdöl. In feinen Schlieren läuft es die Wände herab. Die Experten sprechen von Kohlenwasserstoff, doch am Befund ändert dies nichts: Die klebrige Flüssigkeit könnte sich zu einer Gefahr entwickeln – einer Gefahr für die Atommüllbehälter, die hier einmal eingelagert werden sollen. Denn das Öl sickert aus dem Salzstock von Gorleben, und die Gefahr radioaktiver Strahlung währt eine Million Jahre.

Um das Risiko kalkulierbar zu machen, lässt das Bundesamt für Strahlenschutz (BfS) den Salzstock mit großem Aufwand erkunden – auch mit Blick auf Risikofaktoren wie Gas- und Wasservorkommen oder mürbes Gipsgestein, das den Salzstock durchzieht. Seit 25 Jahren schon läuft die unterirdische Erkundung, die 2000 durch ein Moratorium unterbrochen wurde und im Oktober vergangenen Jahres wieder aufgenommen worden ist – im Drei-Schichten-Betrieb, rund um die Uhr wird gehämmert und gebohrt. Bis ein endgültiger Eignungsnachweis erbracht worden ist, sind laut BfS mindestens noch weitere 15 Jahre erforderlich. Die Belegschaft soll von derzeit 181 auf 240 Mitarbeiter aufgestockt werden. 1,6 Milliarden Euro sind bereits in das Erkundungsbergwerk geflossen, allein für das Jahr 2012 hat die Bundesregierung weitere 75 Millionen bereitgestellt. Doch zum Reizthema ist das Erkundungsbergwerk von Gorleben bekanntlich nicht nur wegen der Kosten geworden.

Anzeige

Viele Menschen im Wendland vermuten, dass die Entscheidung für das Endlager in ihrer dünn besiedelten Heimat längst gefallen ist – Gefahren hin oder her. Warum sonst, so argwöhnen sie, werde der Atommüll bereits im benachbarten Zwischenlager gesammelt?

Ganz anders sehen dies die Beschäftigten. Für Reviersteiger Roland Bzdziuch ist das Erkundungsbergwerk ein fast normaler Arbeitsplatz. „Man kann diese Horrormeldungen nicht mehr hören “, sagt der Bergmann aus Salzwedel. „Jeder kocht doch hier nur sein politisches Süppchen.“ Sich selbst und seine Kollegen sieht der Steiger schlicht als „Handlungsgehilfen für die Wissenschaft“. Dies sieht auch der Fahrer des Grubenfahrzeugs so, der seinen Namen lieber nicht nennen will: „Da wird viel Wind gemacht“, klagt der 47-Jährige. „Warum kommen die Leute nicht her und gucken sich’s an?“ Tatsächlich werden Tag für Tag Besuchergruppen durchs Erkundungsbergwerk geschleust – vom Landfrauenverein bis zum Kegelklub.

Betriebsratsvorsitzender Peter Ward jedenfalls sieht keinen Grund, sich seiner Arbeit zu schämen. „Wir untersuchen hier, ob dieser Salzstock als Endlager geeignet ist“, sagt der gebürtige Engländer. „Was ist daran verwerflich?“ Äußerst zermürbend sei es, ständig so viel Negatives zu lesen. „Wir werden hier das ganze Jahr von Atomkraftgegnern belagert“, klagt Ward. „Das richtet sich zwar gegen die Politik, hinterlässt aber auch bei uns kein gutes Gefühl.“ Mancherorts komme der Druck der Atomkraftgegner im Wohnort noch dazu. „Auch für die Kinder ist es nicht leicht, wenn wegen der Castor-Transporte die Schule ausfällt und die Mitschüler demonstrieren.“

Angst vor der Strahlenbelastung jedenfalls habe er nicht, beteuert der Betriebsratsvorsitzende aus Gartow. „Ich kenne keinen, der deswegen nicht mehr nach Gorleben fährt. Schließlich liegt das Zwischenlager ja auch mitten im Wald.“ Diese Einschätzung teilt auch der frühere Kollege und Gorlebener Ratsherr Klaus Hofstetter. „Alles nur Wahlkampf, alles nur Theater“, sagt der Sozialdemokrat, der 26 Jahre als Strahlenschützer im Erkundungsbergwerk tätig war. „Ich bin froh, dass es weitergeht. Wir brauchen doch die Arbeitsplätze.“

Sowohl in Gorleben als auch in der Samtgemeinde Gartow sind die Atomenergiebefürworter seit vielen Jahren in der Mehrheit. Die Orte haben auch enorm profitiert. Manche sagen sogar, sie haben sich kaufen lassen. 500 000 Euro bekommt die 640-Seelen-Gemeinde im Jahr als Entschädigung für das Zwischenlager, weitere 830 000 Euro erhält die Samtgemeinde Gartow, die sich so unter anderem die noble „Wendland-Therme“ leistet. „Wir haben bei uns im Dorf eine Gemeindeschwester, die sich kostenlos um die älteren Leute kümmert“, schwärmt der Ratsherr. „Dabei sind wir wie die ganze Samtgemeinde komplett schuldenfrei.“ Dennoch ist der 62-Jährige auf die Politik nicht besonders gut zu sprechen. „Diese ewige Eierei ist doch nicht auszuhalten“, sagt Hofstetter. „Was kostet das für Geld!“

Heinrich Thies