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Niedersachsen Ein Schutzraum für das starke Geschlecht
Nachrichten Niedersachsen Ein Schutzraum für das starke Geschlecht
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22:15 24.07.2009
Von Gabriele Schulte
Ein Reihenhaus im Oldenburger Norden - hier finden Hilfesuchende Zuflucht. Quelle: Hibbeler
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Am Klingelschild steht „Männersache“ – es weist auf ein bundesweit fast einzigartiges Angebot hin. In einem Reihenhaus im Oldenburger Norden finden Männer in Beziehungskrisen Zuflucht in einer „Notfallwohnung“. Manche haben unter Aggressionen ihrer Partnerin gelitten, andere brauchen vor allem Zeit zur Besinnung.

Auf dem Fußweg vor der Haustür steht rauchend einer der derzeit zwei Bewohner, die Augen hinter einer Sonnenbrille, den rasierten Kopf unter einer schwarzen Kappe verborgen. „Heiko Schmidt“ (die Bewohner möchten ihre tatsächlichen Namen nicht nennen) lebt zusammen mit einem ihm zuvor unbekannten Mann in der 70-Quadratmeter-Wohngemeinschaft-auf Zeit, seine Frist von drei Monaten Höchstwohndauer ist bald um. „Als meine Freundin mich rausgeschmissen hat, stand ich plötzlich auf der Straße“, erzählt der 31-Jährige. „Zum Glück war hier gerade ein Platz frei.“

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Die Notfallnummer der Männerwohnhilfe Oldenburg, die ihm nach einem Aufnahmegespräch Unterschlupf gewährte, hat Heiko Schmidt von der Wohnungsbaugesellschaft bekommen. Diese stellt die drei Zimmer dem Verein kostenlos zur Verfügung. Seit März 2002 haben die Ehrenamtlichen, darunter Erzieher und Sozialarbeiter, mehr als 30 Schutzsuchenden aus der Stadt Zuflucht gewährt. „Im Gegensatz zu Frauenhäusern müssen wir ohne öffentliche Unterstützung auskommen“, sagt Gründungsmitglied Rolf Weinert. Der Musiker betont, dass Schläge von Partnerinnen keine Voraussetzung für eine Aufnahme sind. Gewalt der Frauen sei aber bei manchen Auslöser für den Einzug gewesen.

Zu den Betroffenen zählt Jens Burg. Er ist 40 Jahre alt und als Diplom-Pädagoge ein Akademiker wie die meisten der WG-Bewohner. Der Vater von zwei Kindern im Grundschulalter hat die Rückzugsmöglichkeit zweimal genutzt, nachdem er sich mit seiner Frau überworfen hatte. „Zu Hause war es unerträglich“, erzählt Burg.

Die Betreuung der schwer behinderten Tochter habe die langjährige Ehe so belastet, dass seine Frau immer häufiger „ausgerastet“ sei. „Als sie vor den Kindern eine halb volle Tasse Kaffee auf mich geworfen hat, habe ich gesagt: Jetzt ist Schluss.“ Mit nur einem kleinen Koffer sei er in die Krisenwohnung gezogen, auf die er durch Hinweiszettel im Kindergarten aufmerksam wurde. Nach erfolgloser Paartherapie habe seine Frau ihn noch mit dem Auto anzufahren versucht, jetzt sei die Trennung endgültig.

Ein weiterer Betroffener berichtet von Gewalttätigkeiten seiner Frau: „Sie hat immer wieder mit Fäusten auf mich eingehämmert“, sagt der Mann. Einmal habe die Mutter der gemeinsamen Tochter ein Fenster der Wohnung eingetreten, die er mit seiner neuen Partnerin bewohnte. Seine Anzeigen bei der Polizei hätten allesamt zu Verfahrenseinstellungen geführt. „Für Gewalt von Frauen“, meint der 50-Jährige bitter, „gibt es ganz viel Verständnis.“

Bei der Polizei Oldenburg heißt es, die Fälle häuslicher Frauengewalt bewegten sich im statistisch nicht auswertbaren Rahmen. „Wir hören von vielleicht drei Fällen im Jahr“, sagte ein Sprecher auf Anfrage. Denkbar sei allerdings, dass betroffene Männer aus Scham lieber schweigen.

Rolf Weinert vom Männerwohnhilfe-Verein betont, dass die Hilfesuchenden keine Opferrolle einnehmen. „Sie werden selbst aktiv, orientieren sich neu.“ So wie Heiko Schmidt. Der junge Maurer hat von seiner Freundin nie Gewalt zu spüren bekommen. Aus der Wohnung geworfen habe sie ihn, weil er sich nicht ausreichend um eine Arbeitsstelle bemühte. Jetzt rufe sie ihn täglich mehrmals an, und er freue sich auf eine Versöhnung: „Ich liebe die Frau doch.“

Für Suchtkranke und für gewalttätige Männer ist die Krisenwohnung nicht vorgesehen. Kein Glück haben auch Frauen, die ihre Partner anmelden wollen, um sie zur Besinnung zu bringen.