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Niedersachsen Dioxin: Proben deutlich stärker belastet
Nachrichten Niedersachsen Dioxin: Proben deutlich stärker belastet
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17:07 07.01.2011
Labormitarbeiterin Ulrike Behringer vom Landesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (Laves) mit einer Eierprobe
Labormitarbeiterin Ulrike Behringer vom Landesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (Laves) mit einer Eierprobe Quelle: dpa
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Dioxinbelastetes Tierfutter ist schon viel länger im Umlauf als bekannt. Zudem war die Giftdosis bei Proben des Futterfettherstellers Harles und Jentzsch knapp 78 Mal so hoch wie erlaubt. Das niedersächsische Agrarministerium warf den in den Skandal verwickelten Unternehmen am Freitag „kriminelle Machenschaften“ vor. Unter Druck gerät zunehmend eine Firma in Bösel im Kreis Cloppenburg, die illegal Futtermittelfett gemischt haben soll.

Die Landwirte in Niedersachsen bekommen die Folgen der Dioxin-Panscherei besonders drastisch zu spüren. Von den bundesweit rund 4700 Betrieben, die für den Handel gesperrt wurden, sind rund 4500 Prozent allein in dem norddeutschen Bundesland. Auch Schweinefleisch wird jetzt verstärkt untersucht, und neben Eiern könnten auch Rinder und Milch dioxinbelastet sein.

Allerdings können die ersten Bauern auch wieder aufatmen: Einige Legehennen-Betriebe etwa in den Kreisen Cloppenburg, Vechta und Osnabrück haben grünes Licht bekommen, um ihre Eier wieder zu verkaufen. Unterdessen kamen in anderen Bundesländern neue Verdachtsfälle dazu.

Die schleswig-holsteinische Firma Harles und Jentzsch hatte bereits im März 2010 über ein privates Labor erhöhte Dioxinwerte im Industriefett gemessen, wie das Kieler Landwirtschaftsministerium am Freitag mitteilte. Der Fall hätte sofort gemeldet werden müssen, sagte ein Sprecher. Gegen das Unternehmen ermittelt die Staatsanwaltschaft, es hatte Razzien gegeben.

Harles und Jentzsch wollte sich unter Hinweis auf das laufende Ermittlungsverfahren nicht äußern. Das als Futterfett deklarierte Produkt der Firma beinhaltete verbotenerweise Abfallprodukte der Biodieselproduktion.

Der niedersächsische Staatssekretär Ripke sprach von „kriminellen Machenschaften“ einzelner Unternehmen in der Branche. Die in den Dioxin-Skandal verwickelten Firmen hätten möglichst viel Gewinn erzielen wollten, sagte er in Hannover. Technisches Fett ist viel billiger als Fett für Futter.

Auch das Unternehmen Lübbe in Bösel, das zu Harles und Jentzsch gehört, soll richtig geschlampt haben. Die Firma habe keine Genehmigung für die Mischung und Herstellung von Futtermitteln, sondern sei seit 2005 lediglich als Transporteur gemeldet gewesen, sagte Ripke. „Dahinter vermuten wir Vorsatz.“ Weil Lübbe nur als Spediteur registriert war, „fehlte die Grundlage für eine Kontrolle“.

Das niedersächsische Agrarministerium lässt prüfen, ob vielleicht Fritteusenfett aus dem Ausland die Quelle für die Dioxin-Belastung von Tiernahrung war. Harles und Jentzsch bekam Fett von dem Biodiesel-Hersteller Petrotec, der Reststoffe aus Imbissen und Fritteusen verarbeitet. In der kommenden Woche solle anhand von Proben geklärt sein, ob Petrotec Altfette bezog, die mit Dioxin belastet waren, sagte Agrar-Staatssekretär Friedrich-Otto Ripke (CDU) in Hannover. Die Opposition im Landtag in Hannover forderte derweil Verbesserungen beim staatliche Kontrollsystem.

Viele Verbraucher lassen Eier angesichts des unappetitlichen Dioxin-Skandals in den Regalen liegen. Ein Absatzrückgang sei „deutlich spürbar“, sagte Margit Beck von der Bonner Marktberichterstattungsstelle MEG am Freitag auf dpa-Anfrage. Die Preisnotierungen an den Lebensmittelbörsen seien “über den Jahreswechsel etwa doppelt so stark zurückgegangen wie im Vorjahr“. Ein schwacher Rückgang beim Eier-Absatz ist laut MEG zu Jahresbeginn üblich, weil sich viele Verbraucher gewöhnlich vor den Feiertagen mit Eiern eindecken.

Bundesverbraucherministerin Ilse Aigner (CSU) sagte der Nachrichtenagentur dpa zu der möglichen Vertuschung: „Wenn sich der Verdacht erhärtet, dass das verantwortliche Unternehmen bereits seit Monaten von der Dioxin-Belastung wusste und trotzdem nicht die zuständigen Landesbehörden informiert hat, ist das hochgradig kriminell und völlig unverantwortlich.“ Sie strebt eine Sondersitzung der Agrar- und Verbraucherminister an.

Die Lebensmittelkontrolle ist Ländersache. Bereits kommenden Montag will Aigner Vertreter der Futtermittelbranche, der Landwirtschaftsverbände sowie führende Verbraucherschützer in Berlin treffen, sagte Aigners Sprecher Holger Eichele am Freitag in Berlin.

Bauernpräsident Gerd Sonnleitner bezifferte den Schaden für die betroffenen Bauern auf 40 bis 60 Millionen Euro pro Woche. Die Zeche sollen die Futtermittellieferanten zahlen. „Sie müssen die Schadensersatzansprüche der Landwirte abgelten. Da werden wir bis zum Letzten gehen“, sagte Sonnleitner der „Neuen Osnabrücker Zeitung“. „Betriebe, die gesperrt waren, bei denen aber letztlich kein Dioxin nachgewiesen worden ist, schauen in die Röhre.“ Die Bauern pochen auf einen Millionen-Entschädigungsfonds. dpa