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Niedersachsen Diesmal schweigt der Angeklagte Andreas B.
Nachrichten Niedersachsen Diesmal schweigt der Angeklagte Andreas B.
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20:32 14.09.2009
Der Angeklagte Andreas B. (rechts)
Der Angeklagte Andreas B. (rechts) Quelle: ddp
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Auf den ersten Blick wirkt alles wie beim ersten Prozess vor einem Jahr. Wieder kommt Andreas B. Hand in Hand mit Leonies Mutter, seiner jetzigen Ehefrau ins Gericht. Wieder lässt das Paar das Blitzlichtgewitter der Fotografen und die Blicke aus den gut gefüllten Zuschauerrängen über sich ergehen. Und wieder sitzt der Polizist anschließend allein auf der Anklagebank. Er soll die vierjährige Leonie im November 2007 aus Wut und Ärger so heftig geschlagen und geschüttelt haben, dass sie starb.

Körperverletzung mit Todesfolge und schwere Misshandlung Schutzbefohlener legt ihm Oberstaatsanwalt Karl-Heinz Pochert deswegen zu Last. Auch diesen Vorwurf kennt B. aus jenem ersten Prozess, an dessen Ende ihn das Schwurgericht zu siebeneinhalb Jahren Haft verurteilte. Acht Stunden lang hatte B. damals zu Prozessbeginn ausgesagt, immer wieder beteuert: „Ich habe Leonie niemals geschlagen.“ Davon ist diesmal nichts zu hören – denn B. macht von seinem Aussageverweigerungsrecht Gebrauch. Sein Mandant werde zunächst nichts zur Sache sagen, erklärt B.s neuer Verteidiger Oliver Hille (Göttingen) der sichtlich überraschten Vorsitzenden Richterin Karin Brönstrup.

Nachdem der Bundesgerichtshof das Urteil der 1. Großen Strafkammer wegen eines Widerspruchs in der Begründung aufgehoben hat, sieht B. Chancen auf einen Freispruch. Und er will ihn offenbar mit einer neuen Verteidigungsstrategie erreichen. Hille will erst die Beweisaufnahme abwarten, um dann darauf reagieren zu können.

Richterin Brönstrup gegenüber beantwortet B. deshalb zunächst nur unverfängliche Fragen zu seinem Lebenslauf. Auch das wie gehabt mit freundlicher Stimme und weit geöffneten Augen, die gefalteten Hände vor sich auf dem Tisch. Die Daten seiner beiden gescheiterten Ehen habe er nicht parat, räumt der dreifache Vater ein und bittet höflich um Entschuldigung. Anders sein Dienstantritt bei der Polizei: „1. Oktober 1985, das weiß ich noch auswendig.“ Er habe polizeiintern die Fachhochschulreife erworben und zuletzt als Dienstschichtleiter im Kommissariat Bad Salzdetfurth gearbeitet, berichtet der 41-Jährige und ergänzt: „Ich bin suspendiert, wie Ihnen bekannt sein wird.“ Seine ehemaligen Kollegen könnten nun in die Pflicht geraten, vor Gericht die Lücken zu füllen, die B.s Schweigen vorerst reißt. Was der Angeklagte einst aussagte, kann die Kammer sowohl von den Kriminalpolizisten als auch von der erstinstanzlichen Kammer um Richter Ulrich Pohl erfragen. Morgen will das Gericht zunächst aber Leonies Mutter vernehmen – wenn sie sich denn äußern möchte.

Denn als Ehefrau des Angeklagten hat auch sie das Recht, zur Sache zu schweigen. Es wäre eine Überraschung, wenn sie auf dieses Recht verzichten würde.

von Christian Wolters