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Niedersachsen Die CDU feiert 60. Geburtstag
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08:30 25.10.2010
David McAllister, Ministerpraesident von Niedersachsen (CDU, l.), Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU, 2.v.l.), Bundesarbeitsministerin Ursula von der Leyen (CDU) und CDU-Generalsekretaer Hermann Groehe
David McAllister, Ministerpraesident von Niedersachsen (CDU, l.), Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU, 2.v.l.), Bundesarbeitsministerin Ursula von der Leyen (CDU) und CDU-Generalsekretaer Hermann Groehe.
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Wenn bei Jubiläen ältere Herrschaften als Zeitzeugen zu Wort kommen, ist das Risiko groß, dass nur amüsante Anekdoten erzählt werden und der Blick nach vorn zu kurz ausfällt. Günter-Helge Strickstrack hat derartige Befürchtungen am Sonnabend eindrucksvoll zerstreut. Der mittlerweile 89-jährige Rentner aus Isernhagen und frühere Unternehmer schmeichelte der Bundes-CDU, die in Goslar an ihre Gründung vor genau 60 Jahren erinnerte, und gab zugleich der Vorsitzenden Angela Merkel ein paar deutliche Empfehlungen mit auf den Weg.

Strickstrack war 1950 persönlicher Referent des damaligen niedersächsischen Wirtschaftsministers Otto Fricke (CDU) und maßgeblich an der Organisation des ersten Bundesparteitages der Union beteiligt. So konnte er anschaulich berichten, wie er Konrad Adenauer während des Parteitages im Goslarer Odeon-Theater zu Fuß durch die Innenstadt zum Mittagsschlaf in Frickes Villa begleitete. Ja, die Wahl Adenauers zum Bundesvorsitzenden mit 302 von 335 Stimmen sei damals das Wichtigste des gesamten Parteitags gewesen, betonte Strickstrack, der auch mit Ludwig Erhard, dem damaligen Bundeswirtschaftsminister, ins Gespräch kam, weil Fricke ihm eine Kiste guter Zigarren geschenkt hatte. Der Parteitag sei gut vorbereitet gewesen und ausgesprochen gut verlaufen, habe Erhard zum Abschluss erklärt, „das Allerschönste, was ich aus Goslar mitnehme, ist aber die Kiste Zigarren“.

Charmant und doch präzise

Strickstrack, vor 60 Jahren erster Landesvorsitzender der Jungen Union in Niedersachsen, plauderte am Sonnabend charmant und doch präzise. So konnte er seine „Liebeserklärung“ an Merkel („Wir verehren Sie wirklich von Herzen und schätzen besonders Ihren Einsatz, Ihre Kompetenz und Ihren Mut.“) mit einer klaren Botschaft verknüpfen. Wenn sie kämpferisch wie in der jüngsten Haushaltsdebatte auftrete, hätte das sogar dem alten Adenauer gefallen. An diesem Tag habe Merkel sogar Herrn Gabriel durcheinandergebracht, sodass er sie gelobt habe. „In normalem Gemütszustand wäre ihm das nicht passiert.“

Gastgeber David McAllister gab klar zu verstehen, was er sich von der Vorsitzenden wünscht – Entschlossenheit, Mut und Selbstbewusstsein habe die Gründungsväter und Gründungsmütter der CDU ausgezeichnet. „Das wünsche ich mir auch bei den Entscheidungen, die heute anstehen.“ Insbesondere bei der Energie-, Finanz- und Sicherheitspolitik müsse die CDU „weiterhin klare Kante zeigen“.

Mutig hätten die Gründer richtig entschieden, als sie vor der Frage standen, Freiheit oder Sozialismus, Einbindung in die westliche Wertegemeinschaft oder orientierungslose Neutralität, soziale Marktwirtschaft oder sozialistische Planwirtschaft. Offenbar spürte der Ministerpräsident und Landesvorsitzende, dass der Parteichefin nicht alles gefiel, was sie zu hören bekam. So fügte er in sein Schlusswort eine mit viel Beifall bedachte Solidaritätsbekundung ein: „Allen muss klar sein: Wer sich mit Angela Merkel anlegt, der legt sich auch mit der CDU in Niedersachsen an.“

Merkel nutzte den Festakt im überfüllten Theatersaal vor allem, um die Seele der Partei zu streicheln, um die Erfolge und die Garanten für den Erfolg der Union zu würdigen. Mit 510 000 Mitgliedern sei die CDU die größte Volkspartei in Deutschland und „fest in der Mitte der Gesellschaft verankert“. Merkel erteilte in Goslar allen Forderungen, das konservative Profil zu stärken, eine Abfuhr. „Die Union ist die politische Heimat für Christlich-Soziale, für Liberale und für Wertkonservative. Lassen Sie uns zu diesen drei Wurzeln bekennen. Diese Vielfalt hat die Union geprägt.“

Den so oft erwähnten Mut der Gründer blendete auch Merkel nicht aus. Sie wünscht ihn sich und der Union, wenn unpopuläre Entscheidungen anstehen, die dem Wohl des Volkes dienen“. Ja, Merkel gab sich zeitweilig so kämpferisch, wie es der Zeitzeuge Strickstrack liebt: „Wir wurden gewählt, um zu handeln“, rief sie aus und freute sich, dass sie zum Schluss minutenlang gefeiert wurde – mit Bravorufen und Applaus im Stehen.

Michael B. Berger