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Niedersachsen David McAllister beim Schützenfest in Bad Bederkesa
Nachrichten Niedersachsen David McAllister beim Schützenfest in Bad Bederkesa
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18:56 18.07.2010
Von Dirk Schmaler
Der ehemalige Schützenkönig David McAllister begrüßt die Schützen beim Ausmarsch vom Burghof in Bad Bederkesa. Quelle: Dirk Schmaler
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Die Treppe auf die Ballustrade ist steil. Aber der Weg lohnt sich. Oben angekommen, schaut man weit über den Beerster See und den Holzurburger Wald. Die Älteren in Bad Bederkesa sagen, als Hamburg im Zweiten Weltkrieg brannte, habe man von dort aus die Feuerbrunst wüten sehen. David McAllister steht oben auf der Aussichtsplattform der Kornwindmühle und begrüßt einige Schützenbrüder. „Glückwunsch, David“, sagen einige und „Viel Glück, mein Junge“. Einer mit vielen Orden an der Brust beschwert sich auf der Treppe über die Hitze. „So ein Aufstieg ist ja nicht für jeden so einfach, David“.

David, der Ministerpräsident, in grünem T-Shirt und brauner Hose gekleidet, hat die Anspielung verstanden und lächelt milde. „Moin, Gerd“, erwidert er und klopft dem älteren Mann auf die Schulter. Unten auf der Straße ist der Umzug samt Blasmusikkapelle zum Stehen gekommen, und Schützenhauptmann Thomas Nowak gibt unter Gelächter das Kommando: „Pinkeln und Trinken!“

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Es ist Schützenfest in Bad Bederkesa. Sie feiern das nun schon zum 176. Mal, und doch ist es eine Premiere. Erstmals hat der Schützenhauptmann einen Ministerpräsidenten unter seinem Kommando. McAllister war sogar selbst schon mal Schützenkönig vom Ort, er erklärte das Amt einmal zum schönsten der Welt.

Das war 2001, der CDU-Politiker war gerade 30 Jahre alt und kurz zuvor zum ehrenamtlichen Bürgermeister seines Heimatortes gewählt worden. Nach dem Erfolg bei den Schützen ging es schnell. Christian Wulff machte ihn zum CDU-Generalsekretär, wenig später wurde er erst Fraktions-, später auch Landesparteivorsitzender. Und nun, seit zweieinhalb Wochen, ist er Regierungschef in Hannover und Hoffnungsträger der CDU im Bund. Eine Blitzkarriere.
Doch in Beers, so nennen die Bad Bederkesaer ihren Ort zwischen Weser und Elbe, ist Hannover unendlich weit weg. Der Ministerpräsident ist hier in dem 5300-Seelen-Dorf David, der (wenn auch diesmal ohne Uniform, wie hier und da kritisch angemerkt wird) dem Ausmarsch beiwohnt, Viele kennen ihn seit seiner Kindheit, aus dem Schützenverein, vom Sport, aus der Politik oder aus der Schule. Einigen scheint es fast unheimlich, dass sich nichts verändert hat seit dem Amtsantritt. „Du David, stimmt das eigentlich mit dem Hubschrauberlandeplatz?“, fragt ihn ein Nachbar am Straßenrand. McAllister verzerrt sein Gesicht. Er hat schon von dem Gerücht gehört. „Das ist doch Quatsch“, sagt er dann. „Ich hab doch nicht einmal einen Hubschrauber.“

McAllister mag solche Gerüchte nicht. Er hält nicht viel von Glamour, Bodyguards und erst recht nicht von Hubschraubern. Er will nicht abheben. Und Bad Bederkesa mit seinem Schützenfest und der Dorfverschönerung sollen dem Jungstar der CDU dabei helfen. „Drei Tage Schützenfest in Bad Bederkesa, und ich weiß besser über die Stimmung im Land Bescheid als in einem Jahr in der Politik“, sagt er. Hier spreche man mit ihm Klartext, weil er hier nicht der Herr Ministerpräsident sei.

Hans-Jürgen Nausch ist so einer, den McAllisters Amt nicht so arg kümmert. Er ist aktiv im Verschönerungsverein des Ortes und restauriert auch die alte Mühle. McAllister nennt ihn „Nauschi“. Nauschi erzählt dem Regierungschef von seiner Arbeit und von dem Stress als Ehrenamtlicher. Zwischendurch drückt er dem alten Bekannten mit den Worten „David, Becher Wasser?“ ein Bier in die Hand. Wie man das auf einem Schützenfest eben macht. Es gibt in „Beers“ viele wie Nauschi. Da ist McAllisters alter Fahrlehrer Bruno Wojzischke und sein früherer Hausarzt, den sie „Doc Holiday“ genannt haben, wegen der gelben Scheine. Sie und andere schimpfen zwischen zwei Liedern des Blasorchesters Liliental über Westerwelle und Merkel und „das kleine Mädchen im Familienministerium“. McAllister korrigiert gespielt ernst: „Du meinst die Familienministerin!“

Als der Schützenzug am späten Abend fast wieder an der Burg angekommen ist um wie in jedem Jahr den Großen Zapfenstreich aufzuführen, spaziert McAllister noch immer hinterher. Vor ihm fährt ein Traktor mit Anhänger. In dem Wagen sitzen 30 ältere Schützen, die sich den Marsch zu Fuß nicht mehr zugetraut haben. Sie sind sehr heiter. McAllister winkt ihnen zu und sagt leiser, da sehe man den demografischen Wandel. Auch in Bad Bederkesa. Für einen Moment sind Theorie und Praxis, Ministerpräsident und Schützenkönig im Einklang. Dann stimmen die Rentner ein fröhliches Lied an. McAllister schaut ihnen nach. „In 40 Jahren will ich auch da oben sitzen“, sagt er. „Das wär’s doch.“