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Niedersachsen Das Bild von Kopf steht kopf
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12:35 13.01.2012
Ein Politiker vom Typ Landesvater: Hinrich Wilhelm Kopf (r.) in den fünfziger Jahren.
Ein Politiker vom Typ Landesvater: Hinrich Wilhelm Kopf (r.) in den fünfziger Jahren.
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Hannover

Kurz vor Weihnachten, als sein 50. Todestag anstand, war noch einmal die Stunde der großen Würdigungen. Hinrich Wilhelm Kopf, der erste Ministerpräsident Niedersachsens, sei ein „Vorkämpfer und Wegbereiter“ gewesen, lobte sein neunter Nachfolger, Regierungschef David McAllister. Landtagspräsident Hermann Dinkla sprach von „beispielloser Hingabe und großer Überzeugungskraft“, der Sozialdemokrat habe „in schwieriger Zeit Beispielhaftes geleistet“. Beide legten zu seinen Ehren einen Kranz auf dem Grab in Hannover nieder.

Doch an der Lebensleistung des Gründervaters Niedersachsens werden jetzt, ein halbes Jahrhundert nach seinem Tod, Zweifel laut. In einer Studie über die NS-Vergangenheit der Landtagsabgeordneten, die am Mittwoch vorgelegt wurde, findet sich ein kritischer Hinweis: Kopf sei während des Zweiten Weltkriegs „an der Enteignung und Aussiedlung der polnischen Bevölkerung beteiligt“ gewesen. Intensiv geforscht in Kopfs Vergangenheit hat die 29-jährige Göttinger Politikstudentin Teresa Nentwig, die eine Doktorarbeit über den Politiker schreiben will. Sie hat in ihren Recherchen einige dunkle Flecken gefunden.

Der preußische Verwaltungsbeamte hatte Anfang der dreißiger Jahre eine Firma für die Finanzverwaltung von Immobilien gegründet, zu seinen Kunden zählten viele Juden, die mit Beginn der NS-Zeit Deutschland verlassen und ihre Häuser verkaufen wollten. Es gibt Berichte, dass Kopf Juden geholfen haben soll, beispielsweise in der Pogromnacht am 9. November 1938. Aber Nentwig hat in den teilweise in England, teilweise in Polen liegenden Akten auch Fragwürdiges gefunden.

Kopf war, das ist bekannt, in Ost-Oberschlesien eingesetzt, nach dem Polen-Feldzug musste er für die „Haupttreuhandstelle Ost“ das Vermögen der bisher dort lebenden Polen verwalten. In den bisherigen Kopf-Biografien ist von einer „Dienstverpflichtung“ Kopfs die Rede, doch Nentwig hat Zweifel: 1941, sagt sie, hätte Kopf ausscheiden können, er habe aber von sich aus auf einer Fortsetzung der Tätigkeit bestanden. Außerdem liegt der Forscherin ein Vermerk Kopfs von September 1940 vor, in dem er nach einem Hinweis des NSDAP-Kreisleiters darum bittet, in der Buchhaltung der Haupttreuhandstelle nur „politisch zuverlässige“ Mitarbeiter einzusetzen. Über diesen Vermerk soll sich damals sogar Kopfs Vorgesetzter gewundert haben. Außerdem soll Kopf später als Vermögensverwalter in dem kleinen Ort Czieschowa bei Kattowitz angewiesen haben, dass Grabsteine von jüdischen Friedhöfen meistbietend versteigert werden.

Mit manchen Vorwürfen musste sich Kopf nach Kriegsende öffentlich auseinandersetzen. Die polnische Regierung verlangte 1947 seine Auslieferung als Kriegsverbrecher – allerdings auf der Basis offensichtlich falscher Anschuldigungen. Ein britisches Gericht im westfälischen Herford lehnte das Gesuch aus Warschau ab. In einer 1963 veröffentlichten Biografie über Kopf heißt es, er habe 1941 die „ihm sehr unangenehm gewordene Tätigkeit“ in der Vermögensverwaltung beenden wollen. Dafür aber findet Nentwig keine Belege, sie stößt vielmehr auf neue Zweifel: Eine Erklärung Kopfs aus der frühen Nachkriegszeit ist fragwürdig, weil er darin seine Tätigkeit als Treuhänder wider besseres Wissen bestritt. Außerdem liegt der Forscherin eine interne Bewertung der britischen Besatzungsmacht vor, die an der Wahrhaftigkeit der eigenen Angaben des späteren Ministerpräsidenten in seinem Lebenslauf zweifelt – ihm aber gleichzeitig Treue verspricht, offenbar aus pragmatischen Gründen: Man brauchte den verwaltungserfahrenen Sozialdemokraten für den Aufbau des neuen Landes Niedersachsen. Der Ministerpräsident preist Kopf als großen Politiker an, die SPD schmückt sich mit ihm. Etliche Schulen und Straßen tragen seinen Namen. Ausgesprochen distanzierte Urteile zu dieser Person gibt es kaum, allerdings erschien vor 50 Jahren ein eigenartiger Nachruf im „Spiegel“. Dort wurde Kopf als „niemals farblos“, aber auch als großer Opportunist bezeichnet, der sich „den Zeiten angepasst“ habe.