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Niedersachsen Arzttermine sollen für Eltern verbindlicher werden
Nachrichten Niedersachsen Arzttermine sollen für Eltern verbindlicher werden
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22:31 15.03.2010
Wichtige Vorsorge: Ein sieben Wochen altes Baby bekommt eine Impfung. Mit steigendem Lebensalter kommen aber immer weniger Kinder.
Wichtige Vorsorge: Ein sieben Wochen altes Baby bekommt eine Impfung. Mit steigendem Lebensalter kommen aber immer weniger Kinder. Quelle: dpa
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Die Jugendämter sollen künftig ein strengeres Auge darauf haben, ob Eltern ihre Kinder zu den Früherkennungsuntersuchungen schicken oder nicht. Sozialministerin Mechthild Ross-Luttmann (CDU) sagte in Hannover, zum 1. April führe Niedersachsen das sogenannte verbindliche Einladewesen ein. Im Landesamt für Soziales, Jugend und Familie werden dafür zwölf zusätzliche Mitarbeiter eingestellt, das Ministerium stellt 1,5 Millionen Euro zur Verfügung.

Alle Eltern kleiner Kinder bis zum 6. Lebensjahr werden per Brief zu den U-Untersuchungen beim Kinderarzt eingeladen. Jährlich würden landesweit rund 320 000 Eltern Post erhalten, sagte Ross-Luttmann. Ärzte bestätigen dem Landesamt für Soziales, Jugend und Familie dann, wenn Eltern einen Vorsorgetermin wahrgenommen haben. Wer der Aufforderung nicht nachkommt, soll noch einmal erinnert werden. Wenn Eltern auch darauf nicht reagieren, informiert das Landessozialamt das zuständige Jugendamt. Experten rechnen mit 16 000 Fällen im Jahr, das wären fünf Prozent. Die Kommune entscheide selbstständig, ob sie sich im Sinne des Kindeswohls einschalte, sagte Ross-Luttmann. „Die Kommunen übernehmen das Wächteramt des Staates, und ich gehe davon aus, dass sie damit sehr sorgfältig umgehen.“

Derzeit schicken bereits rund 90 Prozent der Eltern ihre Kinder zu den Vorsorgeterminen. „Aber die Bereitschaft sinkt, je älter die Kinder werden“, berichtete Gisbert Voigt von der Niedersächsischen Ärztekammer. Und ausländische Familien kämen seltener. „Hier liegt die Quote nach dem zweiten Geburtstag des Kindes nur noch bei 60 bis 70 Prozent“, sagte die Ministerin.

„Es heißt nicht, dass Eltern, die ihre Kindern nicht zur Vorsorge schicken, diese vernachlässigen oder gar misshandeln“, fügte sie hinzu. Dennoch sei das Einladewesen eine Chance, Fälle von Misshandlung und Verwahrlosung schneller zu erkennen. Die regelmäßigen Untersuchungen würden auch helfen, Fehlentwicklungen früher zu erkennen.

Bei den Vorsorgeterminen könnten nicht nur motorische oder sprachliche Defizite erkannt werden, sondern mitunter lebensbedrohliche Krankheiten, berichtete Voigt von der Ärztekammer. So sei in einem Fall bei einem sechs Monate alten Säugling eine bis dahin unbekannte schwere Stoffwechselerkrankung festgestellt worden. „Wir haben das Kind sofort ins Krankenhaus überwiesen, sonst hätte es die nächsten fünf Tage nicht überlebt.“

Niedersachsen führt das verbindliche Einladewesen als eines der letzten Bundesländer ein. Der entsprechende Gesetzentwurf wird schon seit zwei Jahren diskutiert. Bedenken hatte es vor allem bei den Ärzten gegeben, die Eltern nicht denunzieren wollten, und bei den Kommunalverbänden, die meinten, dass das Land Arbeit auf die Jugendämter abwälze. Während die Sozialministerin sich für verbindliche Gesundheitschecks einsetzt („Das wäre eine Bundesangelegenheit“), ist die Ärztekammer skeptisch: „Wir wollen Eltern lieber motivieren.“

Gleich sechs Gesundheitschecks bis zum ersten Geburtstag

Die ersten sechs Vorsorgetermine liegen im ersten Lebensjahr des Kindes. Die U1 folgt direkt nach der Entbindung im Kreißsaal. Das Neugeborene wird gewogen, gemessen, Herz und Lunge werden abgehorcht, es bekommt Vitamintropfen. Angeborene Reflexe werden getestet. Blut aus der Nabelschnur wird auf den Sauerstoffgehalt geprüft. Bei der U2 zwischen dem 3. und 10. Lebenstag, die oft auch noch im Krankenhaus stattfindet, werden Organe, Haut und Knochen untersucht, aber auch die Hüftgelenke werden unter die Lupe genommen. Dem Baby wird Blut abgenommen, um es auf bestimmte Stoffwechselerkrankungen oder Hormonstörungen zu untersuchen.

Bei der U3 (4. bis 5. Woche) prüft der Kinderarzt Gewicht und Größe, Hörvermögen und die Reflexe. Bei der U4 (3. bis 4. Monat) guckt der Arzt, ob das Kind schon seinen Kopf halten und brabbeln kann, Mit einem halben Jahr bei der U5 sollte das Kind sich schon auf seinen Armen abstützen und gezielt greifen können. Nach der umfassenden Einjahresuntersuchung (U6) werden die Abstände größer. Kurz vor dem 2. Geburtstag liegt die U7. Das Kind sollte schon Zweiwortsätze sprechen können. Zusätzlich eingeführt worden ist die U7a mit drei Jahren. Mit vier Jahren steht wieder ein umfassender Vorsorgecheck an, die U8 (Seh- und Hörtest, Sprachentwicklung, Sozialverhalten). Ein Jahr später (U9) äußert sich der Arzt über die anstehende Schulreife.

Audiobotschaft von Sozialministerin Mechthild Ross-Luttmann

Saskia Döhner