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Niedersachsen „Arbeiter werden ausgepresst“
Nachrichten Niedersachsen „Arbeiter werden ausgepresst“
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15:45 02.05.2013
Von Anja Schmiedeke
IN DEN SCHLAGZEILEN: Die Kritik an den Arbeitsbedingungen in der Schlachtbranche nimmt zu. Foto: dpa

Die rot-grüne Landesregierung setzt sich für einen Mindestlohn in Schlachtereien ein. Löst das alle Probleme der Branche?

Ein flächendeckender Mindestlohn wäre der erste Schritt, damit wir vernünftige Bedingungen in den Schlachtbetrieben bekommen. Der zweite Schritt ist, dass wir einen Tarifvertrag erhalten. Ich fordere die Fleischindustrie auf, sich mit uns an einen Tisch zu setzen und vernünftige Bedingungen aushandeln. Und als Drittes: Das Unwesen Werkvertrag muss beendet werden.

Was ist das Problem mit den Werkverträgen?

Schon 70 Prozent der Beschäftigten in der Schlacht- und Zerlegeindustrie arbeitet nur noch mit Werkverträgen. Das heißt, ein Betrieb beschäftigt einen Subunternehmer für die Schlachtung. Dieser wiederum stellt Mitarbeiter mit Werkverträgen zu niedrigsten Bedingungen an. Allein in Niedersachsen sind mehr als zehntausend Menschen betroffen. Und alle arbeiten zu schlechteren Konditionen - sei es Arbeitszeit oder Löhne - als die Stammbelegschaft. Und wir als Gewerkschaften haben überhaupt keine Mitsprache mehr.

Was verdienen Werkarbeiter in der Schlachtindustrie?

Bei einem Betrieb in Emstek schlachtet ein rumänisches Unternehmen das Schwein für 1,03 Euro. Wenn es gut läuft, schaffen die 600 Schweine in der Stunde. Bei den Beschäftigten bleiben unter diesen Bedingungen nur noch Löhne unter fünf Euro in der Stunde übrig. Das geht gar nicht anders. Und 12-16 Stunden Arbeitszeit sind in der Branche keine Seltenheit.

Seit wann läuft das so in der Schlachtindustrie?

Das gibt es schon seit 20 Jahren. Unter der Regierung Kohl wurden osteuropäische Arbeiter angeworben mit dem Versprechen, hier befristet zu guten Konditionen arbeiten zu können. Die deutschen Schlachthofbetreiber haben das ausgenutzt und sich eine Billiglohnindustrie aufgebaut. Das deutsche Fleisch wird inzwischen so billig produziert, dass wir die Märkte in Rumänien, Ungarn und Tschechien beliefern. Das ist unglaublich.

Wie kann man von fünf Euro in der Stunde in Deutschland leben?

Die Leute werden zum Teil untergebracht wie in einem U-Boot: Acht Menschen auf vier Betten in einem Zimmer. Da wird im Schichtbetrieb geschlafen. Das sind menschenunwürdige Zustände. Und dafür müssen die Arbeiter auch noch viel Geld zahlen.

Suchen die Beschäftigten Hilfe bei der Gewerkschaft?

Wir haben im Moment Kontakt zu 30 Ungarn, die betrogen worden sind. Da sammeln wir gerade die Unterlagen zusammen. In der Branche hat sich eine richtige Wegwerfmentalität entwickelt: Die Arbeiter werden geholt, ausgepresst, am besten ohne Löhne, dann werden sie rausgeschmissen und neue gesucht. Eine neue Qualität ist das Auftreten von Rockerbanden: Die haben offenbar entdeckt, dass sie mit den Werkverträgen gut Geld verdienen können.

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