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Niedersachsen Affäre um Putenmästerei: Das System Grotelüschen
Nachrichten Niedersachsen Affäre um Putenmästerei: Das System Grotelüschen
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09:46 23.08.2010
Von Karl Doeleke
Astrid Grotelüschen, Niedersachsens Agrarministerin. Quelle: dpa

„Wertvolle Tiere, betreten verboten“ – ein weißes Plastikschild an einer roten Kordel sperrt das Gelände im Mecklenburgischen ab, auf dem eine umstrittene Putenmastanlage steht. Die Ställe liegen eingebettet in die hügelige Landschaft nordöstlich von Schwerin.

Die Tierschutzorganisation Peta hat sich nicht an das Betretungsverbot gehalten. Die Gegend ist kaum besiedelt, und so dürfte es dem Reporter der Organisation nicht schwergefallen sein, als er eigenen Angaben zufolge im April und Juli nachts in die Ställe eingedrungen ist. Er hat dort einen Film gedreht, der Wirbel im überdrehten Betrieb der Landespolitik auslöst – und möglicherweise einen oder mehrere Täter am Wochenende zu einem Brandanschlag auf den Putenbrütereibetrieb von Garlich Grotelüschen, dem Mann der Agrarministerin, motiviert haben könnte.

In den Ställen in Mecklenburg-Vorpommern sollen Mastputen gequält worden sein, die Verantwortung dafür trage indirekt Astrid Grotelüschen, so lautet der Tenor eines Berichts von „Report Mainz“ in der ARD, der die Bilder veröffentlichte. Die Firma ihres Mannes soll die Fleischproduktion in Mecklenburg-Vorpommern, bei Schwerin und Stralsund, so sehr dominieren, dass am Ende auch die Ministerin verantwortlich ist, lautet der Vorwurf.

Die Eigentümerin der Ställe am Schweriner See, Gudrun V., wohnt nicht weit von der Mastanlage in einem alten, reetgedeckten Bauernhaus. Das Doppeltor zur Diele steht offen, innen hängen mächtige Hirschgeweihe an der Wand. Man würde gerne ihre Version der Vorwürfe hören, die Peta und mit Verve auch die Oppositionsfraktionen im Landtag in Hannover erheben. Aber die Putenmästerin ist nicht zu Hause, sie geht nicht ans Telefon und ruft nicht zurück. Sie ist gut beraten zu schweigen, denn gegen sie wurde Anzeige wegen Verstoßes gegen das Tierschutzgesetz bei der Staatsanwaltschaft in Schwerin erstattet.

Genauso hält es der Mäster, dessen Ställe etwas mehr als 100 Kilometer weiter östlich stehen. Auch er ist angezeigt worden. Eine Allee aus Apfelbäumen führt in den kleinen Ort nicht weit entfernt von der Autobahn 20 südlich von Stralsund. Auch in seine Anlage ist nachts ein Peta-Mitglied eingedrungen und hat angeblich dort Bilder von verwesten, von kranken, von dahinsiechenden Vögeln gemacht. Das Tor zu einem der Ställe steht weit auf. Im Dunkeln des Gebäudes ist nur nackter Boden auszumachen. Neue Puten hat er nicht eingestallt. Auch er schweigt. Beide Mäster weisen die Anschuldigungen in eidesstattlichen Versicherungen zurück. Aussage steht gegen Aussage.

Neben der tierschutzrechtlichen hat der Fall aber auch eine politische Ebene: Angeblich soll die Agrarministerin Niedersachsens dafür verantwortlich sein, dass in den Anlagen der Putenmäster in Mecklenburg-Vorpommern Tiere gequält worden sind. So sehen es jedenfalls SPD, Grüne und Linke im Landtag in Hannover. Als Beweis dafür soll unter anderem eine Faxnummer dienen, die auf ihrer persönlichen Seite im Internet steht. Von diesem Anschluss sind die eidesstattlichen Versicherungen an die Putenmäster gefaxt worden, die diese unterschrieben haben. Das Gerät steht in einer Firma in Ahlhorn, deren Geschäftsführer Grotelüschens Mann Garlich ist: die Mastputenbrüterei Ahlhorn GmbH & Co. KG.

Das allein reicht nicht, um eine Verbindung zwischen möglichen Tierquälereien in einem anderen Bundesland zur niedersächsischen Agrarministerin herzustellen. Man muss tief in die Handelsregister von Oldenburg und Neubrandenburg einsteigen, um Erhellendes zu finden. Tatsächlich stößt man dann in einem engen Geflecht aus Gesellschaften, Tochtergesellschaften und Firmen in Niedersachsen und Mecklenburg-Vorpommern auch auf den Namen Astrid Grotelüschen. Und tatsächlich führen in diesem Geflecht alle Verbindungen nach Niedersachsen. Im Zentrum steht die Mastputenbrüterei Ahlhorn GmbH & Co. KG, Geschäftsanschrift in Ahlhorn, wo Grotelüschens Familie wohnt. Ehemann Garlich ist mit 260 000 Euro Einlage an dieser Gesellschaft beteiligt. Gegründet hat die Firma 1972 Astrid Grotelüschens Schwiegervater Friedrich.

Neben der ehelichen ist die einzige Verbindung von Astrid Grotelüschen zum Unternehmen ihres Mannes aber inzwischen erloschen: Sie war seit 1995 bis zum 20. Mai 2010 Prokuristin der Fitkost Geflügelverarbeitungs- und Vertriebsgesellschaft in Neubrandenburg. Fitkost ist der Zerlegebetrieb, an den mehr als 20 Putenmäster aus Mecklenburg-Vorpommern ihre schlachtreifen Tiere geliefert haben. So ist es vertraglich fixiert. Gesellschafter der Fitkost ist unter anderem Garlich Grotelüschen mit einer Stammeinlage von 383 500 Euro.

Wenn man Astrid Grotelüschen etwas vorwerfen will, dann könnte man höchstens auf die Idee kommen, dass sie keine gute Arbeit geleistet hat als Prokuristin in Neubrandenburg. Der Schlachthof, hinter einer Plattenbausiedlung am Ende einer Sackgasse gelegen, ist seit Juni geschlossen. Eine Reklametafel mit Loch erinnert an den Namen Grotelüschen. Die Schlachterei hat im vergangenen Jahr 119 210 Euro Verlust gemacht. Den musste das Stammunternehmen in Ahlhorn ausgleichen. Es gibt einen „Beherrschungs- und Ergebnisabführungsvertrag“, der das so bestimmt.

Ähnlich dominant soll laut Opposition auch das Verhältnis der Firma Grotelüschen in Ahlhorn und damit der Landwirtschaftsministerin (die Faxnummer) zu den mehr als 20 Putenmästern aus Mecklenburg Vorpommern sein. Garlich Grotelüschen und die Mäster verbindet ein Gesellschaftsvertrag über die Putenerzeugergemeinschaft Mecklenburg-Vorpommern. Mehr als 30 Prozent der Einlagen stammen von der Mastputenbrüterei Ahlhorn GmbH & Co. KG, was ihr eine Sperrminorität verschafft. Keine Entscheidung der Gesellschafterversammlung fällt gegen den Willen der Ahlhorner, ihnen ist ein Sitz im dreiköpfigen Aufsichtsrat sicher. Der Vertrag schreibt auch vor, dass die Putenmäster ihre Küken aus Ahlhorn beziehen und zur Schlachtung bei der Fitkost abliefern. Seit die Schlachterei geschlossen ist, gehen die Puten nach Wildeshausen. Diese Schlachterei gehört einem weiteren großen Namen in der niedersächsischen Fleischproduktion: der Firma Wiesenhof von Paul-Heinz Wesjohann. Eine seiner Firmen wiederum ist seit 2009 mit 260 000 Euro an der Mastputenbrüterei in Ahlhorn beteiligt.

So weit ist belegt, was „Report Mainz“ vor zwei Wochen berichtet hat: Es gibt enge Geschäftsbeziehungen zwischen der Mastputenbrüterei Ahlhorn und den Mästern der Putenerzeugergemeinschaft Mecklenburg-Vorpommern. Die Aussagen von zwei ehemaligen Gesellschaftern relativieren aber deutlich den Einfluss der Firma Grotelüschen. „Mit Frau Grotelüschen treffen sie die Falsche“, sagt einer der Ehemaligen, die beide nicht im Streit ausgeschieden sind, aber ihre Namen nicht in der Zeitung lesen wollen.

Die Mäster hätten zwischen Ankauf der Küken und Verkauf der schlachtreifen Tiere „unabhängig und auf eigenes Risiko“ gearbeitet, sagt der eine. „Im täglichen Betrieb hat es gar keine Einflussnahme gegeben.“ Nur ein Tierarzt aus Ahlhorn habe regelmäßig die Mastbetriebe bereist. Der Gesellschaftsvertrag schnüre auch nicht die Mäster in ihrer „Marktmacht“ ein. „Wir haben uns schon wehren können“, sagt er. „Es war ein faires Geschäft.“ Der andere sagt: „Wir haben keine Vorschriften bekommen.“

Es bleibt aber ein politisches Dilemma, das den neuen Ministerpräsidenten David McAllister zu Beginn seiner Amtszeit belastet: Dass nämlich Astrid Grotelüschen für eine Art von Tierhaltung steht, die heftig umstritten ist. Jede Entscheidung, die sie trifft, steht automatisch unter Lobbyismusverdacht. Sie wird es auch schwer haben, die Abteilung Tierschutz in ihrem Haus glaubhaft zu vertreten. Das Ei hat Christian Wulff seinem Nachfolger McAllister ins Nest gelegt.

Auch in Niedersachsen wird es wohl zu Kasernen-Schließungen kommen. Ministerpräsident David McAllister weiß im Zuge der Bundeswehr-Reform zwar noch nicht, inwieweit Niedersachsen betroffen sein wird, rechnet aber mit dem Aus für Bundeswehr-Standorte.

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