Menü
Neue Presse | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Medien „Totengebet“ im ZDF: Jan Josef Liefers und die Suche nach dem Vater
Nachrichten Medien „Totengebet“ im ZDF: Jan Josef Liefers und die Suche nach dem Vater
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
20:52 14.01.2019
Ohne Erinnerungen: Anwalt Joachim Vernau (Jan Josef Liefers) muss in New York einen Fall aufklären, doch nach einem schweren Autounfall kehrt sein Gedächtnis nur langsam zurück. Quelle: Foto: Gordon Muehle/ZDF
Mainz

Der Zweite Weltkrieg, die Abwicklung der DDR, die Hausbesetzungen zu Beginn der Achtzigerjahre: In den Kriminalromanen von Elisabeth Herrmann führt die Spur häufig in die Vergangenheit. 2011 hat das ZDF begonnen, die Bücher über die Fälle des Berliner Anwalts Joachim Vernau in loser Folge zu verfilmen; die Adaption besorgte die Autorin regelmäßig selbst, die Inszenierung übernahm Carlo Rola.

Den Auftakt bildete im Januar 2012 „Das Kindermädchen“. Die Geschichte einer früheren Zwangsarbeiterin, die 70 Jahre später eine Entschädigung forderte, war eine gelungene Mischung aus Sittengemälde, Krimi und Romanze. Anschließend entwickelte die Reihe jedoch eine ungute Tendenz. Die weiteren Filme waren gewöhnliche TV-Krimis und lebten davon, dass es grundsätzlich Spaß macht, Jan Josef Liefers zuzuschauen; selbst wenn er bloß mit einem Straßenkreuzer durch Havanna fährt.

Mit „Totengebet“ kehrt wieder Qualität in die Reihe ein

Mit „Totengebet“ hat die Reihe wieder zur Qualität des ersten Films zurückgefunden. Vernau verbringt diesmal zwar zu Fuß oder per Taxi viel Zeit in den Straßen von New York, aber die mit der typischen Neugier des Europäers gefilmten Szenen sind deutlich besser in die Handlung integriert. Die Geschichte ist ohnehin viel zu verzwickt, um Zeit für eine Stadtrundfahrt zu verschwenden. Die Ermittlungen führen den Anwalt erneut in die Vergangenheit, doch diesmal ist es seine eigene – und darin liegt der große Reiz der Geschichte.

Mehr zum Thema: Jan Josef Liefers im Interview

Chronologisch beginnt die Handlung mit dem Besuch einer jungen Mandantin: Die Amerikanerin Rachel Cohen (Mercedes Müller) hat auf dem Sterbebett ihres Vaters erfahren, dass sie als Baby adop­tiert worden ist. Ihre Mutter Rebecca ist bereits kurz nach der Niederkunft gestorben; nun sucht Rachel ihren Erzeuger. Rebecca war als junge Jurastudentin in Boston Mitglied einer Clique, zu der auch Vernau gehörte. Rachel ist überzeugt, dass einer der Männer, die offenbar alle in die schöne Kommilitonin verknallt waren, ihr Vater ist. Gemeinsam machen sich der Anwalt und seine Mandantin auf die Suche nach den Kandidaten, aber die Recherche steht unter keinem guten Stern. Irgendjemand scheint mit Gewalt verhindern zu wollen, dass das Rätsel gelöst wird, es kommt zu mehreren Todesfällen, und auch Vernau wird mit seinem Auto von der Straße abgedrängt. Mit den Folgen dieses Unfalls beginnt der Film.

Ein raffiniertes ästhetisches Konzept

Während sich die meisten Thriller damit begnügen, einen Höhepunkt an den Anfang zu setzen und dann zu erzählen, wie es zu diesem Ereignis gekommen ist, sind die Rückblenden diesmal Teil einer originellen Dramaturgie: Vernau hat durch den Unfall seine Erinnerungen an die letzten acht Tage verloren. Als er in einem New Yorker Krankenhaus zu sich kommt, hat er keine Ahnung, warum er nach Amerika geflogen ist.

Totengebet“ ist der erste Vernau-Roman, den Schriftstellerin Herrmann nicht selbst adaptiert hat. Das Drehbuch stammt diesmal von André Georgi, dem Autor für Krimireihen wie „Marie Brand“ und „Unter anderen Umständen“. Nachfolger des 2016 verstorbenen Regisseurs Carlo Rola ist Josef Rusnak, der auch als Co-Autor geführt wird. Er hat gemeinsam mit Kameramann Ralf Noack ein interessantes ästhetisches Konzept entwickelt. Natürlich haben sie die Differenzierung bei Lichtsetzung und Farbgebung – die Vergangenheit hell und freundlich, die Gegenwart kühl und nüchtern – nicht erfunden, aber gerade die Innenaufnahmen sind sehr ansprechend.

Als Vernau gemeinsam mit Rachel eine Synagoge aufsucht, um dort seinen alten Freund Rudi (Gustav Peter Wöhler) zu treffen, ist das Gotteshaus in ein geradezu sakrales Licht getaucht. Kurz darauf ist Rudi tot, und Rachel steht unter Mordverdacht. Und nach einem weiteren Todesfall fragt sich auch Vernau, ob sie auf einem Rachefeldzug ist.

Unglücklicher Umgang mit Sprache

Einziger, aber nicht unerheblicher Malus neben der Verschwendung Stefanie Stappenbecks in der Nebenrolle als Vernaus Kanzleipartnerin ist die erneut misslungene Integration von Vernaus familiärem Hintergrund: Die Zwischenspiele mit seiner Mutter waren schon in „Der Mann ohne Schatten“ völlig überflüssig. Die Liebelei von Hildegard Vernau (Elisabeth Schwarz) mit einem amerikanischen Trompeter (Friedrich Liechtenstein) hat immerhin den Vorteil, dass Mario Grigorov viel Jazz in seine Filmmusik integrieren kann.

Unbefriedigend ist wie in fast allen Filmen über Deutsche im Ausland dagegen der Umgang mit der Sprache: Die Amerikaner beginnen Gespräche auf Englisch („Excuse me, Sir“) und fahren dann auf Deutsch fort. Glaubwürdig gelöst sind allein die Dialoge Vernaus mit Rachel, denn die war auf einer deutschen Schule. Davon abgesehen gehört Mercedes Müller ohnehin zu den Pluspunkten des Films, zumal sie die junge Frau angemessen sphinxhaft verkörpert.

Anfang von „Totengebet“ verpasst? Hier gibt es den ganzen Film.

Von Tilmann P. Gangloff/RND

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 00:00 und 07:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Wir freuen uns am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!

Aus für eine langlebige und beliebte Dokusoap von RTL II: „Zuhause im Glück“ wird noch in diesem Jahr eingestellt. Ein Sprecher des Senders verriet den Grund.

14.01.2019

Nach 34 Jahren stellt die ARD die „Lindenstraße“ ein. So zumindest der Plan. Doch viele Fans können sich nicht mit dem Abschied von der Kultserie anfreunden – und starten eine ungewöhnliche Aktion.

14.01.2019

Mit der Ankündigung seiner Lokalzeitung, regionale Buchrezensionen einzustellen, will sich US-Starautor Stephen King nicht abfinden. Er startet einen Aufruf bei Twitter.

14.01.2019