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19:53 03.12.2009
Von Imre Grimm
Der von Johannes B. Kerner moderierte Jahresrückblick wird am Freitag (04.12.09) auf Sat1 ausgestrahlt. Quelle: ddp

Es gibt nicht viel, was den Menschen vom Tier unterscheidet; exklusiv haben wir zum Beispiel die Fähigkeit zur Reflexion und das Lernen aus Einsicht. Insofern erfüllen Jahresrückblicke im Fernsehen eine wichtige Funktion: Sie kanalisieren unsere Erinnerungen und lehren uns, Wichtiges von Unwichtigem zu scheiden. Auf dass wir aus Vergangenem lernen mögen.

So weit die Theorie.

In der Praxis sieht das dann leider oft so aus, dass Günther Jauch neben einem 96-jährigen Turner an einer Kletterwand baumelt. Und man fragt sich, was das jetzt eigentlich noch mal genau mit dem vergangenen Jahr zu tun haben soll.

Das Dezemberfernsehprogramm ist inzwischen eine einzige Bilder-des-Jahres-Dauerschleife. Knapp 20 Sendungen versuchen sich an einer Bilanz des Jahres 2009 – mal satirisch wie „Switch reloaded“ (PRO7), mal bildlastig wie RTL, mal streng wie die ARD. „Was war das wieder für ein Jahr!“ wird es heißen. Die arme SPD! Und der arme Michael Jackson! Die Schweinegrippe! Zu Guttenberg! Und seine Frau! Und der „Held vom Hudson“! SAT.1-Sorgenkind Johannes B. Kerner darf sich dabei freuen, dass er wenigstens mal bei irgendetwas Erster ist: Schon am heutigen Freitag eröffnet er auf SAT.1 den Rückblicksreigen (20.15 Uhr). Zu Gast sind Oliver Pocher, Margarethe Schreinemakers (warum auch immer), Sylvie van der Vaart und Tokio Hotel sowie – „weltexklusiv!“ – die einzige Überlebende des Flugzeugabsturzes vor den Komoren im Juni, die 14-jährige Bahia Bakari. Auf Kerner folgt am Sonntag Thomas Gottschalk im ZDF, der beweisen muss, dass auch ein Kalauerkönig mit einem Thema wie dem Amoklauf in Winnenden zurechtkommt. Am Sonntag, 13. Dezember, greift dann Günther Jauch ins Geschehen ein.

Vor allem Jauchs RTL-Klassiker „Menschen, Bilder, Emotionen“ hat sich zum Quotengaranten entwickelt. Seit 1996 sucht die Redaktion von Jauchs Kölner Produktionsfirma U+I das ganze Jahr über nach herzerwärmenden Geschichten, die das Globalgeschehen mit ein bisschen Alltagszauber auflockern sollen. Das sieht dann so aus: erst das Opel-Drama, dann irgendeine süße Kleine von „Das Supertalent“, dann Michael Jacksons Tod, dann das Auto, das mit Karacho im Kirchendach gelandet ist. Politik kommt nur selten vor – und wenn, dann hat sich jemand lustig verhaspelt (Merkel und „Jung, der Verteidig ... äh, Arbeitsminister“) oder erfreut das Publikum mit gepflegtem Auftreten (zu Guttenberg).

Es ist eben so: Der Jahresrückblick verrät mehr über den Rückblickenden als über das Jahr selbst. TV-Macher nutzen die Show gern als Jahresleistungsschau des eigenen Kanals, die ungerührt das eigene Erregungspotenzial bilanziert. So wird RTL vor allem eigene „Events“ wie die Formel 1 feiern. RTL zeigt eben, was RTL wichtig war, während ARD und ZDF eher referieren, was sie als Öffentlich-Rechtliche glauben, wichtig finden zu müssen. Auch sie klammern freilich aus, selektieren und verschweigen. Es ist kaum zu erwarten, dass das Gezerre um ZDF-Chefredakteur Nikolaus Brender Thema im ZDF-Jahresrückblick wird.

Nüchternster Rückblicker ist stets die ARD, wo sich Tom Buhrow ganz auf die bläulich-stählerne „Tagesschau“-Ästhetik verlässt. Die ARD blickt sicherheitshalber erst am 28. Dezember zurück. Nie wieder soll sich 2004 wiederholen, als am 2. Weihnachtstag der Tsunami über Asien hereinbrach und alle Jahresrückblicke längst gesendet waren.

Jahresrückblicke sind Fernsehformate, wie es Controller mögen: Die Bilder sind billig, die Gäste sind willig, die Sache ist hübsch bunt und glitzernd. Allein das Gezerre um prominente Gäste sorgt für Reibereien. Beim wem sitzt zu Guttenberg (RTL)? Bei wem Usain Bolt (im ZDF)? Und wie teilt sich die Jackson-Familie auf, deren Mitglieder in alle Welt ausschwärmen, um in Rückblicken Ruhm und Ehre des Verstorbenen sowie das Vermögen der Familie zu mehren? Vater Joe Jackson wird bei Kerner auftreten, Schwester La Toya im ZDF.

In der Flut der Bilder sind Jahresrückblicke eine Art mediale Verschnaufpause. Sie fixieren das Glück des Flüchtigen und definieren entscheidend mit, an was wir uns erinnern werden. Sie sind eine Zäsur vor der nächsten Promischeidung, dem nächsten Krieg, dem nächsten Fleischskandal oder Erdrutschsieg. Aber man darf sie nicht mit der Wirklichkeit verwechseln. Auch sie sind ein Stück Fernsehfiktion. „Die Vergangenheit“, hat die US-Schriftstellerin Jessamyn West mal geschrieben, „ist ebenso ein Produkt der Phantasie wie die Zukunft“.

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