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Medien & TV „Zu lachen gibt es immer was“
Nachrichten Medien & TV „Zu lachen gibt es immer was“
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19:22 28.10.2009
Meisterin der Grimasse: Anke Engelke.
Meisterin der Grimasse: Anke Engelke. Quelle: ddp
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Frau Engelke, Ihr Kollege Hape Kerkeling hat gerade verkündet, dass er sich mit spätestens 50 Jahren vom Fernsehen verabschieden werde. Hören Sie Ihre Uhr auch schon ticken?
Ich bin schon vor zehn Jahren gefragt worden: Wie lange kann man das denn machen? Mich wundert diese Frage sehr. Wieso sollte ich aufhören, nur weil ich beim Fernsehen arbeite? Ich brenne für meine Arbeit. Sie erfüllt mich derart, dass ich richtige Entzugserscheinungen kriege, wenn ich längere Zeit nicht drehe.

Herr Kerkeling sagt, er wolle sich nicht selber beim Altern zuschauen. Das sollte doch bei Männern in seinem Alter kein Thema sein, oder?
Auch bei Frauen sollte das kein Thema sein, da poche ich auf Gleichberechtigung.

Komiker sollen die Leute zum Lachen bringen. Sind da ein Doppelkinn oder ein Hängebusen nicht sogar förderlich?
Nee, wissen Sie, was förderlich ist? Wenn man sich genau über solche Äußerlichkeiten erst gar keine Gedanken macht. Das zu thematisieren ist ja schon der erste Schritt in Richtung Eitelkeit. Dabei sollte man sich doch selber ganz in den Dienst einer Rolle stellen.

Sie gehören zu den wenigen Frauen in der Comedy, die Mut zur Hässlichkeit beweisen. Kostet es Sie Überwindung, sich für „Ladykracher“ in Typen wie die Proll-Britta oder die dicke Onka zu verwandeln?
Im Gegenteil. Das macht großen Spaß. Auch wenn es in der Herstellung unglaublich technisch ist. Da muss jedes Haar richtig sitzen. Da müssen es die richtigen Schuhe sein. Ich muss die Stimme treffen und die Haltung.

Sie hätten keine Hemmungen, in dieser Verkleidung auch auf die Straße zu gehen?
Ach, was. Die Straßen sind doch voll von solchen Frauen. „Ladykracher“ lebt vom Wiedererkennungseffekt.

Das heißt, Frauen aus Ihrem Umfeld müssen damit rechnen, dass Sie sie irgendwann parodieren?
Ich bau mir diese Figuren schon zusammen. Ich beobachte sehr gerne. Besonders dort, wo Menschen davon ausgehen, dass man sie nicht beobachtet. Also zum Beispiel in der U-Bahn. Ich würde aber lügen, wenn ich bestreiten würde, dass es auch Figuren gibt, die Ähnlichkeiten mit lebenden Personen haben. Bei der 
Dreadlock-Ruth zum Beispiel habe ich an eine ehemalige Lehrerin gedacht.

Wer musste als Vorbild für Ihre Anneliese herhalten, die zusammen mit Wolfgang (Bastian Pastewka) kürzlich den Deutschen Fernsehpreis moderiert hat?
Ich glaube, das war auch so ein Konglomerat. Ich habe witzigerweise schon nach ihrem ersten Auftritt in den „Fröhlichen Weihnachten“ (SAT.1) gehört, die beiden seien wie Marianne und Michael. Die hatte ich bis dahin noch nie bewusst im Fernsehen gesehen.

Geben Sie es zu: Sie benutzen diese Figuren nur, um Dinge auszusprechen, die viele bewegen, die sich aber keiner auszusprechen traut.
Da haben Sie bestimmt recht. Wobei: Die Texte stammten nicht von mir, sondern von Chris Geletneky, der auch für „Ladykracher“ und „Pastewka“ schreibt. Wir durften unser eigenes Team von Brainpool mitbringen. Das hat sich bewährt. Wir arbeiten schon seit über zehn Jahren zusammen. Wir funktionieren nur als Paket.

Gab es da Sätze, die selbst Ihnen nur schwer über die Lippen gingen?
Ja, aber fragen Sie mich nicht, welche. An diesem Abend war sooo viel los. Wir hätten nicht damit gerechnet, dass die Gäste im Publikum unser Spiel so gut mitspielen würden. So was habe ich noch nicht erlebt.

Horst Schlämmer kandidiert. Anneliese und Wolfgang rocken den Fernsehpreis. Wo soll das mit den Kunstfiguren noch hinführen?
Ach, man sollte das nicht überbewerten. Solche Kunstfiguren hat es immer schon gegeben. Denken Sie nur an Helge Schneider.

Brechen für Komiker mit der schwarz-gelben Koalition bessere Zeiten an?
Zu lachen gibt es immer was, egal, ob eine Große Koalition dran ist oder jemand allein regiert. Lustig ist es immerzu, man muss nur genau hingucken. Die Politik ist da keine Ausnahme. Überall, wo Menschen vor ein Mikrofon treten, geht etwas schief. Wird gefaselt. Wird gestottert. Wird Mist geredet. Mir ist es aber immer wichtig, niemanden bloßzustellen. Ich liebe meine Figuren.

Auch die Brutalo-Mutter in „Ladykracher“, die ihren Kindern die selbst gebastelten Geschenke um die Ohren haut?
Auch da muss eine gewisse Grundsympathie vorliegen.

Wie kann man solche Mütter sympathisch finden?
Indem man davon ausgeht, dass niemand ohne Grund fies ist. Wir wissen nur meist nicht, welche Probleme Fieslinge haben.

Interview: Antje Hildebrandt