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Medien & TV ZDF zeigt das Leben von Rudi Dutschke als Dokudrama
Nachrichten Medien & TV ZDF zeigt das Leben von Rudi Dutschke als Dokudrama
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20:34 26.04.2010
Von Wiebke Ramm
Kämpft mit Worten für eine gerechtere Welt: Rudi Dutschke (Christoph Bach) spricht vor Heidelberger Studenten. Quelle: ZDF
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Für die einen ist er der charismatische Kämpfer für eine bessere Welt gewesen, für die „Bild“-Zeitung der „Staatsfeind Nr. 1“. Rudi Dutschke füllte Ende der sechziger Jahre Hörsäle und schaffte es, die Menschen zum Protest auf die Straße zu treiben. Dutschke führte von West-Berlin aus die Studentenbewegung an. Mit seinem eigentümlichen Singsang, in dem er seine Schachtelsätze kundtat, predigte er den marxistisch fundierten Sozialismus. Es ist erstaunlich, dass sein Leben erst jetzt zum Film wird, wo die RAF längst in Hollywood angekommen ist.

Die Filmemacher Daniel Nocke und Stefan Krohmer haben die von Dutschkes Frau Gretchen veröffentlichte Biografie „Wir führten ein barbarisches, schönes Leben“ zur Grundlage genommen, mit Weggefährten gesprochen und in Christoph Bach einen Schauspieler gefunden, der beeindruckend nah ans Original heranreicht. Das ZDF zeigt den halbdokumentarischen Fernsehfilm „Dutschke“ am Dienstag um 20.15 Uhr. Es ist das erste derartige Werk über den Protagonisten der 68er-Bewegung. Schon das macht die Teamworx-Produktion sehenswert.

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Wenn „Dutschke“ Spielfilm ist, ist er gelungen. Das liegt neben dem imposanten Schauspiel von Christoph Bach auch an Emily Cox, die Gretchen darstellt, und Matthias Koeberlin in der Rolle seines Mitstreiters Bernd Rabehl. Revolution ist kein Spaß, sondern bedeutet viel Arbeit und wenig Schlaf. Das wird in dem 90-Minüter sehr deutlich. Dass Dutschke offenbar dennoch Zeit gefunden hat, seinen Kindern die Windeln zu wechseln, ist eine schöne Szene, die in ihrem Klein-Klein viel über das Selbstverständnis der 68er aussagt: Das Private ist politisch und der Mann nicht qua Natur ein Fremder am Wickeltisch. Auch das fiktive Partygespräch zwischen einem sehr betrunkenen Studenten und dem sehr ernsthaften Studentenführer gehört zu den gelungenen Momenten. Student: „Rudi, ich fand deine Rede wirklich großartig. Ich habe kein Wort verstanden, aber ... Ich meine es wirklich ernst!“

Bewährt ist auch die Mischung fiktionaler Passagen mit Originalaufnahmen und aktuellen Interviews damaliger Weggefährten. Neben Gretchen Dutschke kommen als Zeitzeugen unter anderem Dutschkes Freund Gaston Salvatore, mit dem er Schriften von Che Guevara übersetzte, zu Wort sowie Helga Reidemeister, die mit der jungen Familie Dutschke einige Zeit zusammenlebte, und Mitstreiter Rabehl, der jüngst eine politische Wandlung vollzog, die an den einstigen RAF-Anwalt und heutigen Neonazi Horst Mahler erinnert.

Ärgerlich ist, dass die Filmemacher Rabehls Nähe zur NPD in keinem Satz erwähnen. Stattdessen haben sie offenkundig Spaß daran, seine Aussagen mit denen des anderen Dutschke-Freundes, Salvatore, gegeneinanderzuschneiden, sodass beim Zuschauer das Bild zweier eifersüchtiger Exrevolutionäre entsteht. Dabei könnte ihre offenkundige Antipathie durchaus politisch begründet sein.

Lässt sich über die Relevanz heutiger politischer Ansichten von früheren linken Wortführern vielleicht noch streiten, widerspricht eine weitere Auslassung schlicht der Sorgfaltspflicht, die der Zuschauer von einem teildokumentarischen Film erwarten darf: Die „Dutschke“-Macher erwähnen mit keinem Wort, dass der Polizist, der Benno Ohnesorg am 2. Juni 1967 am Rande der Anti-Schah-Demonstration in Berlin erschossen hat, Stasi-Spitzel gewesen ist. Ende 2009 ist das bekannt geworden. Die Todesschüsse auf den Studenten aus Hannover gelten als Beginn der Radikalisierung der Studentenproteste.

Ein Dokudrama, das die Studentenbewegung zum Thema hat und 2010 erstmals ausgestrahlt wird, sollte Erkenntnisse von historischem Wert thematisieren, nicht ignorieren. Sei es nur als Hinweis im Abspann, wenn sich tatsächlich keiner der Interviewpartner bereit erklärt, die Stasi-Mitarbeit von Karl-Heinz Kurras zu kommentieren.

Insgesamt bleibt „Dutschke“ dem Studentenführer merkwürdig fern. Der Zuschauer schaut ihm in erster Linie beim Arbeiten zu, sieht, wie er am 11. April 1968 niedergeschossen am Boden liegt und mühsam über Jahre hinweg wieder sprechen, lesen und schreiben lernt. Aber was genau ihn antreibt, wofür er sich eigentlich so abrackert, bleibt diffus.

Auch, dass Dutschke intensiv an den Gründungsdiskussionen der Grünen beteiligt gewesen ist, bleibt ein Randaspekt. Dutschke stirbt Heiligabend 1979 an den Folgen des Attentats, im Januar 1980 gründet sich die neue Partei in Karlsruhe.

„Ich habe keinen Message-Film gemacht, weil ich keine Message habe“, sagt Filmemacher Krohmer über sein Werk. Vielleicht ist genau das die Schwäche des Films.