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Medien & TV ZDF twittert sich ins Abseits
Nachrichten Medien & TV ZDF twittert sich ins Abseits
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21:52 14.06.2012
Von Christiane Eickmann
Foto: „Oliver, sag, wie siehst du es?“: ZDF-Moderatorin Katrin Müller-Hohenstein und Fußballexperte Oliver Kahn am Mittwoch auf der Bühne des ZDF-Studios an der Seebrücke von Heringsdorf.
„Oliver, sag, wie siehst du es?“: ZDF-Moderatorin Katrin Müller-Hohenstein und Fußballexperte Oliver Kahn am Mittwoch auf der Bühne des ZDF-Studios an der Seebrücke von Heringsdorf. Quelle: dpa
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Berlin

ZDF-Zuschauer kennen diese Anrede nur zu gut aus der „heute show“: „Oliver!“, sagt dort ironisch-energisch Martina Hill in ihrer Rolle als Tina Hausten, wenn sie sich an Oliver Welke wendet. Auch ZDF-EM-Moderatorin Katrin Müller-Hohenstein sagt zurzeit gar zu gerne „Oliver!“ zu ihrem Komoderator, dem Extitanen Oliver Kahn. Gefühlt beginnt sie jeden zweiten Satz mit „Oliver!“. Und zwar vor den Spielen, in den Halbzeitpausen und nach den Spielen. Im Gegensatz zu Hill selbstverständlich komplett ironiefrei. Und der Oliver? Der gibt dann gerne Weisheiten von sich, die man im Jahr 2012 nicht mehr für möglich gehalten hätte. Dass Stürmer seiner Meinung nach nicht nach hinten arbeiten müssen, zum Beispiel. „Ich habe denen früher immer gesagt, geh wieder nach vorne, du bringst hier doch nur alles durcheinander.“

Müller-Hohenstein und Kahn führen ihre wenig erhellenden Dialoge während dieser EM an einem absurden Ort. Die beiden stehen am „ZDF-Fußballstrand“ auf einer künstlichen Insel, die den Charme einer Öhlbohrplattform verströmt. Und zwar in Heringsdorf auf der Ostseeinsel Usedom. Vor ihnen stehen Strandstühle, die abends für sechs Euro Eintritt eingenommen werden können. Einige vor allem ältere Touristen kommen auch tatsächlich vorbei. Doch noch bei keinem vom ZDF gezeigten Spiel war das Rund voll besetzt. Die Stimmung ist dementsprechend lau bis mau, und manch ein Fernsehzuschauer erwischt sich zu Hause auf dem Sofa bei dem verzweifelten Wunsch, Johannes B. Kerner und Jürgen Klopp mögen zurückkehren – und zwar bitte schnell. Die hätten auch niemals so seltsame Raumfahrerjacken wie Frau Müller-Hohenstein angezogen ...

Wenn der Ausflug nach Usedom ein Versuch war, den Erfolg der ZDF-EM-Bühne vom Bodensee aus dem Jahr 2008 zu wiederholen, so ist er schon jetzt gründlich vergrützt. Die Quoten sind toll (wie stets bei internationalen Fußballturnieren), doch selten war die Kritik am ZDF in den Medien so einhellig: Von der „Süddeutschen Zeitung“ („eine Art AOK-Kongress“) bis „11freunde.de“ (über Müller-Hohenstein: „Eine Leere in Skisprungjacke“) gibt es Schelte. In der ebenfalls krittelnden „Bild“ versuchte gestern ZDF-Intendant Peter Frey die Ortswahl zu erklären: „Wir wollten unsere Moderatoren nicht kreuz und quer durch die Weltgeschichte schicken. Usedom als deutsch-polnische Insel ist eine Öffnung zum Osten und den Fans.“ Wie wäre es denn mit einem Studio in Danzig oder Posen gewesen? So weit sollte die Öffnung nach Osten offenbar nicht gehen.

Als wäre das alles nicht schon schlimm genug, belästigt das ZDF-Team seine Zuschauer auch noch damit, dass die ehemalige „Ehrensenf“-Moderatorin Jeannine Michaelsen aus dem Internet vorliest. Vor allem der Kurznachrichtendienst Twitter hat es Michaelsen angetan – oder ein Redakteur hat sie darum gebeten, bitte so zu tun in der irrigen Annahme, auf diese Weise junge Zuschauer für das ZDF gewinnen zu können. Nach dem Spiel Deutschland gegen Niederlande dann der Gipfel der Peinlichkeit: Michaelsen tippte für Oliver Kahn dessen erste Twitter-Nachricht: „wir werden #europameister!!!“ In all ihrer Aufgeregtheit erklärte die 31-Jährige prompt einiges zum Thema Twitter komplett falsch und ließ Kahn dann auch noch stolz den Nachrichten von „Harald Schmidt“ folgen. Die Häme im Netz wollte kein Ende nehmen. Denn der twitternde „Harald Schmidt“ ist keineswegs der ehemalige SAT.1-Moderator, sondern Internetshowmaster Rob Vegas. Vielen Internetnutzern ist das bekannt.

Michaelsen, die erst im April 2012 ihr Twitter-Konto eröffnet hatte, schrieb dort später „Ich bin einfach manchmal zu gutgläubig“. Das machte es nicht besser. Zahlreiche Twitterer verbreiteten später den treffenden Kommentar des Sprachwissenschaftlers Anatol Stefanowitsch: „Liebes Fernsehen, das mit den pseudo-twitternden Promis macht euch nicht cool, sondern doof. Eure Netzgemeinde.“