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Medien & TV Wie asozial ist dieser Staat, Herr Wüllenweber?
Nachrichten Medien & TV Wie asozial ist dieser Staat, Herr Wüllenweber?
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19:13 10.12.2012
Von Stefan Gohlisch
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Sie schreiben: „Die deutsche Gesellschaft befindet sich im Zustand der Auflösung“. Warum ist das so?
Wir haben weder in Ost- noch in Westdeutschland Erfahrungen mit einer Klassengesellschaft. Die DDR lebte die Illusion einer klassenlosen Gesellschaft, der Westen hielt sich für eine nivellierte Mittelstandsgesellschaft. In den letzten zwei Jahrzehnten ist jedoch klar geworden, dass sich eine Unterschicht herausgebildet hat - was beunruhigend ist. Und mit der Finanzkrise rückt auch die Oberschicht in den Fokus. Das allgemeine Verständnis ist, dass es sich um größtmögliche Gegensätze handelt. Meine These ist: Wenn man genauer hinschaut, haben diese Gruppen sehr viele Gemeinsamkeiten. Sie leben in Parallelgesellschaften. Sie haben den Kontakt zu der Mitte der Gesellschaft verloren. Und sie haben ganz eigene Wert- und Moralvorstellungen.

Sie haben sich, so beschreiben Sie es, auch von der Vorstellung gelöst, dass Geld ein abstrakter Wert für geleistete Arbeit ist.
Oben und Unten leben von etwas, was ich leistungsloses Einkommen nenne: Sie leben von Transferleistungen. Bei der Unterschicht sind es die Sozialleistungen, bei der Oberschicht die Kapitalerträge - für sie hat sich der Werbeslogan „Lass dein Geld für dich arbeiten“ bewahrheitet. Auf jeden Fall ist ihr Alltag nicht geprägt von einem Leben in der Arbeitsgesellschaft.

Wie definieren Sie Ober- und Unterschicht?
Bei der Oberschicht ist es relativ leicht: Es geht um Euro und Cent. Als reich gilt, wer eine Million Dollar frei verfügbares Vermögen hat. Das ist in Deutschland ein Prozent der Bevölkerung. Warum eine Million Dollar? Weil man damit in jedem Land der Erde so viele Kapitalerträge bekommt, dass man ein überdurchschnittliches Einkommen hat, ohne einen Finger krumm machen zu müssen. Darum sind Manager auch das falsche Feindbild. Die müssen etwas leisten, sind auch kündbar.

Wer taugt als Feindbild?
Mit den Eigentümern sieht es anders aus, meistens sind das Erben. Ihre Herkunft macht sie reich. Der Rest der Gesellschaft nimmt das kaum wahr. Die da oben sieht man nicht. Sie verstecken sich. Die Firma BMW zum Beispiel hat im vergangenen Jahr einen Rekordgewinn erzielt. Der Vorstandsvorsitzende Norbert Reithofer durfte sich über 6,16 Millionen Euro freuen. Die Quandt-Erben allerdings - die ihr Vermögen nicht selbst geschaffen haben - bekamen 650 Millionen Euro. Ich glaube nicht, dass sie 105 Mal mehr geleistet haben als Herr Reithofer. Da ist etwas aus der Balance geraten. Und der Staat bevorzugt das leistungslose Einkommen noch: Herr Reithofer zahlt wie alle Besserverdienenden Steuern bis zu 45 Prozent - die Quandts dieses Landes auf ihre Kapitalerträge 25 Prozent. Für unsere Leistungsgesellschaft ist das fatal.

Wie zeichnet sich die Unterschicht aus?
Da ist die Definition viel schwieriger. Ich meine, es ist vor allem ein kultureller Unterschied. Nicht alle Hartz-IV-Empfänger gehören der Unterschicht an - weil sie nämlich durchaus in der Lage sind, mit ihrem Geld auszukommen, weil sie ehemalige und künftige Leistungsträger sind. Es gibt aber auch eine immer größere Gruppe, die teils seit Generationen - das Schicksal teilen sie übrigens mit der Oberschicht - in der selben sozialen Situation sind. Deren großes Merkmal ist die Überforderung: mit dem Alltag, mit der Familie, mit der Partnerschaft. Das geht einher mit einem Moment der Verwahrlosung, der hygienischen, sexuellen und auch medialen.

Die Armut ist vor allem eines des Geistes, schreiben Sie. Werbe-Slogans wie „Ich bin doch nicht blöd!“ richteten sich vor allem an jene, die befürchten, dass sie es vielleicht doch sind. Wie das?
Ich habe in meiner journalistischen Arbeit viele Unterschichten-Haushalte besucht und dort immer wieder neue Geräte der Unterhaltungselektronik gesehen, die ich vorher nicht kannte. Das ist ein Klischee, aber es stimmt. DVD-Player sind ein gutes Beispiel. Heute hat jeder einen, aber man kann sie auch schon für 30, 40 Euro kaufen. Als sie noch das Zehnfache kosteten, wurden sie von den Menschen gekauft, die das wenigste Geld hatten. Die Hersteller der Unterhaltungselektronik führen ihre neueste Technik gezielt über diese soziale Schicht ein. Das Trash-TV zum Beispiel finanziert sich vollkommen über Werbung. Es wird zu Zeiten ausgestrahlt, in denen Arbeitnehmer gar nicht fernsehen können. Wenn aber die Leute, die das gucken, sich die beworbenen Dinge nicht leisten könnten, würde sich die Werbung nicht rentieren. Sie können es also offenbar. Und: Diese Werbung spricht gezielt diese Leute an.

Warum wehrt sich die Mittelschicht nicht viel stärker gegen diese Entwicklungen?
Weil wir erst dabei sind, das Problem zu erkennen. Die Unterschicht hat in den vergangenen Jahren schon zu viel Verärgerung geführt; da hat ein Erkenntnis- und Veränderungsprozess begonnen. Bei der Oberschicht aber hat sich ein veraltetes Bild festgesetzt, nämlich dass es sich bei den Reichen auch um die Leistungselite handelt. Das aber ist falsch. Der Fahrstuhl ins Penthouse führt in dieser Gesellschaft nicht über Leistung, sondern über ererbten Reichtum oder glückliche Heirat.

Was passiert mit der Mittelschicht, wenn sie das erst einmal einsieht?
Deutschland ist eine Leistungsgesellschaft. Dieses Bild hat die Deutschen geprägt, und das unterscheidet sie auch von anderen, was man gerade wieder in der Eurokrise sieht. Ich glaube tatsächlich immer noch an den Satz „Leistung muss sich wieder lohnen“. Weil sich nämlich das Hamsterrad, in dem die Mittelschicht steckt, nicht mehr so schnell dreht, wenn sie merkt, dass sie machen kann, was sie will, und trotzdem nie den Aufstieg schafft. Das untergräbt langfristig unsere Gesellschaft.

Was kann man tun?
Ich fürchte, was diese Frage angeht, bin ich eine Enttäuschung. Weil ich nämlich der festen Überzeugung bin, dass wir Journalisten vor allem Aufklärer sind. Wir schreiben was ist, nicht was sein soll. Außerdem sind die Probleme so gravierend, es ist über Jahrzehnte an so vielen Stellen falsch abgebogen worden, dass auch die Behebung der Probleme Jahrzehnte dauern wird. Ein Kern der Lösung ist Bildung. Deutschland leistet sich einen der teuersten Sozialstaaten der Welt. Doch wir sind wahnsinnig geizig bei der Bildung: Was die Ausgaben dafür angeht, stehen wir auf Platz 31 der 37 OECD-Staaten. Der Bildungsgeiz hat bei uns Tradition. Genau da muss man ansetzen. Bei den heute 35-Jährigen aus der Unterschicht werden wir das nicht mehr hinkriegen. Das ist, fürchte ich, eine verlorene Generation; es ist zu spät. Aber wir müssen dafür sorgen, dass es nicht so weitergeht.

  • Walter Wüllenweber: „Die Asozialen“. DVA, 256 Seiten, 19,99 Euro.