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Nachrichten Medien & TV Weiter die Rente mit 49 planen
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19:14 01.10.2009
Von Lars Ruzic
Gerade in der Produktion – hier Arbeiten an einer Porsche-Karosse in Hannover – ist das Interesse an vorzeitigem Ausscheiden groß.
Gerade in der Produktion – hier Arbeiten an einer Porsche-Karosse in Hannover – ist das Interesse an vorzeitigem Ausscheiden groß. Quelle: Thomas
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So mancher Mitarbeiter bei Volkswagen mochte in dieser Woche seinen Augen nicht recht trauen, als sein Blick auf die Ergebnisse der Haustarifverhandlungen fiel. Neben einer in der Autokrise bemerkenswerten Lohnerhöhung von 4,2 Prozent hatte sich sein Arbeitgeber auch noch darauf eingelassen, die luxuriösen Altersteilzeitregelungen für gleich sechs Jahrgänge von 1955 bis 1960 fortzuschreiben – und das, obwohl es den Konzern aufgrund weggefallener staatlicher Förderung künftig deutlich mehr kosten wird. „Viele werden es kaum fassen können“, jubelte der neue hannoversche Betriebsratschef Thomas Zwiebler in einem Flugblatt, „die Altersteilzeit wird fortgeführt wie bisher.“

Mehr als 12 000 der insgesamt 95 000 Mitarbeiter in den sechs westdeutschen VW-Werken können sich nun Gedanken darüber machen, ob sie Schrauber oder Stift vorzeitig aus der Hand legen wollen. Die Konditionen sind auskömmlich: VW zahlt während der bis zu siebenjährigen Altersteilzeit nach einer sozialen Staffel 80 bis 95 Prozent des letzten Nettolohns und die vollen Beiträge zur Rentenversicherung. Den durch den vorgezogenen Renteneintritt fälligen Abschlag gleicht der Wolfsburger Autobauer später zudem zur Hälfte aus.

So kann beispielsweise ein VW-Beschäftigter, der heute 49 Jahre alt ist, mit 56 in Altersteilzeit gehen. Im Alter von 59 und sechs Monaten hätte er dann seinen letzten Arbeitstag, bekäme aber noch weitere dreieinhalb Jahre seinen leicht verringerten Altersteilzeitlohn. Mit 63 folgt dann der vorgezogene Eintritt in die Rente – der möglich ist, wenn man 35 Jahre lang in die Rentenkassen eingezahlt hat.

Eigentlich würde ein Beschäftigter des Jahrgangs 1960 regulär erst mit 66 Jahren und vier Monaten in den Ruhestand gehen. Für jeden Monat früher wird ein Abschlag von 0,3 Prozent fällig – in diesem Beispiel also insgesamt 12 Prozent. Da VW die Hälfte übernimmt, muss der heute 49-Jährige später nur auf 6 Prozent seiner Rente verzichten.

Was diese Regelung bundesweit einmalig macht, ist die Tatsache, dass Volkswagen auch den Lohnanteil komplett übernimmt, den bislang der Staat beigesteuert hat. Bislang stockt die Agentur für Arbeit den Lohn eines Altersteilzeitlers um 20 Prozentpunkte auf, falls der Arbeitgeber im Gegenzug einen Auszubildenden übernimmt. Diese Förderung läuft zum Jahresende aus – und niemand rechnet damit, dass ausgerechnet die künftige schwarz-gelbe Regierung dieses Subventionspaket wieder aufschnürt.

Für die Metall- und Elektroindustrie insgesamt hatten sich die Verhandlungspartner bereits im vergangenen Jahr darauf geeinigt, dass auch die Beschäftigten einen Beitrag leisten, um die Einbußen für die Kollegen in Altersteilzeit möglichst gering zu halten. So überrascht es nicht, dass der VW-Abschluss in der Branche als einer angesehen wird, „der auf der Insel der Seligen entstanden sein muss“. Auch im Wolfsburger Hochhaus räumen sie ein, dass die Altersteilzeit für den Konzern „unglaublich teuer“ ist. Sie steht deshalb auch unter einer Art Finanzierungsvorbehalt.

Jedes Jahr soll neu festgelegt werden, wie viele Beschäftigte man in die Altersteilzeit entlassen will. Allerdings galt diese Einschränkung auf dem Papier auch schon in den vergangenen Jahren – ohne dass der Belegschaft die Möglichkeit in großem Maßstab genommen wurde. Schon damals zahlte der Konzern drauf. Jährlich gingen nach VW-Angaben im Schnitt gut 1000 Beschäftigte mehr in den vorzeitigen Ruhestand als Lehrlinge in eine Festanstellung übernommen wurden. In solchen Fällen entfiel dann auch die staatliche Zulage. Der Konzern nutze das Instrument zum sanften Personalabbau sowie zur Verjüngung der Mannschaft und habe daher ein hohes Eigeninteresse an einem lukrativen Angebot, heißt es aus Verhandlungskreisen. VW-Verhandlungsführer Jochen Schumm, Personalchef bei VW Nutzfahrzeuge in Hannover, hat dabei die Hoffnung auf eine Rückkehr der staatlichen Förderung, die am Ende die VW-Kasse zumindest zum Teil entlasten könnte, noch nicht aufgegeben. Er forderte bereits neue „gesetzgeberische Maßnahmen“. Ob er dabei auf Schwarz-Gelb setzt, ließ Schumm offen.

Im Zweifel können sie in Wolfsburg auf den nächsten Wahlkampf warten: Der neue Tarifvertrag gilt bis 2016. Die IG Metall dagegen hat längst alle Illusionen begraben, ihre Forderung nach einer Abschaffung der Rente mit 67 oder einer staatlich gestützten Altersteilzeit bei der neuen Regierung durchzusetzen. Unter den Gewerkschaftern ist die Freude über den ein Tag nach der Bundestagswahl gefundenen VW-Abschluss umso größer: „Der kam“, sagt einer von ihnen, „buchstäblich in der letzten Minute.“