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Medien & TV Warum wir alle Rassisten sind
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16:53 09.07.2014
Von Michael Lange
Jürgen Schlicher (rechts) mit einem Teilnehmer.
Jürgen Schlicher (rechts) mit einem Teilnehmer des Versuchs.. Quelle: ZDF/Sandra Hoever
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Hamburg

Herr Schlicher, wenn man Sie in „Der Rassist in uns“ sieht, denkt man: Spielt der das oder ist der wirklich so? Haben Sie jemals überlegt, Schauspieler zu werden?

Ich hatte tatsächlich das Glück, an meiner Schule eine schauspielerische Ausbildung machen zu können. Aber das, was ich für den Workshop brauche, habe ich eher auf dem Schulhof gelernt. Eines der beliebtesten Schimpfwörter war damals „Du Schwuchtel“. Überhaupt haben wir alles, was wir an Diskriminierungsmöglichkeiten hatten, auch immer gut genutzt. Ich musste eher verlernen, das unabsichtlich zu tun, und erlernen, Diskriminierung einzusetzen, um den Leuten in den Workshops eine Lernerfahrung zu ermöglichen.

Besteht in den Workshops nicht auch für Sie die Gefahr, dass Sie aus der Rolle des bösen Verfürers hinausfallen, beispielsweise, wenn Ihre Opfer zu große Stressymptome zeigen?

Die Ausbildung, die wir machen und die wir anderen angedeihen lassen, setzt sich sehr stark genau damit auseinander. Für mich war sie in jedem Fall eine große Lernerfahrung: Was für ein unglaublicher Unsinn es ist, Leute so zu behandeln. Das bringt ja keinen Vorteil. Ich versaue mir so auf jeder Ebene Beziehungen zu anderen Menschen, nehme mir die Möglichkeit, andere Menschen kennen zu lernen, wenn ich sie so behandle. Aus der Innensicht eines Blue-Eyed-Trainers wird es noch deutlicher, wie idiotisch es ist, solche Diskriminierungsstrukturen aufrecht zu erhalten. Nicht nur für diejenigen, die es abkriegen, nicht nur für diejenigen, die dabeisitzen und denken: Oh Gott, was bin ich für ein Mitläufer. Es ist aber ebenso unsinnig für diejenigen, die diktatorisch-autoritär Menschen diskriminierend behandeln. Das bringt für keine Seite einen Vorteil.

Durch die Ausstrahlung von „Der Rassist in uns“ wird ja der „Blue-eyes-Workshop“ immer bekannter. Liegt darin nicht auch eine gewisse Gefahr? Leute, die den Film kennen, wissen ja genau, was sie erwartet.

Ach, wäre das schön. Wenn es keine Notwendigkeit mehr gäbe, den Workshop zu machen, wäre ich der Erste, der es bleiben ließe. Wir machen das nicht gerne. Ich würde mir wünschen, dass es Konzepte gäbe, die eine ähnliche Wirkung entfalten und weder mich und andere in diese Rollen zwingen würden. Wenn sich ein Bewusstsein entwickeln würde, dass das, was in dem Film passiert, für viele Menschen Realität ist und dass wir dafür sorgen müssen, unsere Realität zu ändern, dann wäre ich sehr, sehr froh. Aber das ist etwas, was Jane Elliott schon in den 70ern gesagt hat - und sie macht heute immer noch diese Workshops.

In dem Film hat man den Eindruck, dass die meisten Teilnehmer nicht von sich angenommen hätten, dass sie rassistisch denken würden...

... ja, ja, ja. Ich glaube, dass alle Menschen, die bewusst oder unbewusst diskriminieren, von sich behaupten, dass sie keine Rassisten sind.

Aber erreichen Sie denn die Klientel, die Sie erreichen wollen?

Dann müsste man definieren: Wen wollen wir denn erreichen? Es gibt so eine Art Standardvorurteil, das lautet: Es gibt in diesem Land Leute, die sind bewusst rassistisch, und das ist die Gefahr. Ich habe dazu eine völlig andere Meinung. Ich glaube, dass die unbewusste Diskriminierungen, die institutionalisierten Diskriminierungen, die Nicht-Auseinandersetzung damit, dass zwischen Absicht und Wirkung ein Unterschied besteht, dass das die viel größere Gefahr ist. Darunter leiden Menschen, die Diskriminierungserfahrungen haben, weit mehr als darunter, dass es in diesem Land ein paar versprengte Neonazis gibt, die ganz bewusst Leute diskriminieren. Es ist diese Struktur, die dazu verleitet, nicht über eigene Privilegien nachzudenken. Ich habe neulich ein interessantes Wort gehört: Pigmentokratie. Das bedeutet: Diejenigen, die die richtige Anzahl von Pigmenten in ihrer Haut haben, sitzen an den Schalthebeln von Politik, Wirtschaft und Gesellschaft. Das sorgt auf der anderen Seite dafür, dass Leute glauben, dass Menschen, die anders aussehen, für bestimmte Aufgaben weniger geeignet sind. Das kennen wir aus der Frauenbewegung, das kennen wir aus der Schwulen-und Lesbenbewegung, das kennen wir natürlich auch in Bezug auf Rassismus und religiöse Diffamierung.

Wie rassistisch sind wir eigentlich?

Wer? Ich?

Nein, wir. Die Gesellschaft.

Ach, das weiß ich nicht. Ich rede lieber von mir. Ich habe im Kindergarten das Lied „Zehn kleine N punkt punkt“ gelernt, ich habe „Wer hat Angst vorm schwarzen Mann“ gespielt, ich hab „Tim und Struppi im Kongo“ gelesen. Ich bin - nicht absichtlich - so angefüllt worden von Klischees, von Darstellungen von Schwarzen und von Bildern von Menschen, die sich von mir unterscheiden. Ich habe bis vor kurzem noch völlig unbewusst den Ausdruck „getürkt“ gebraucht. Wenn ich heute im Workshop das Wort „Polen“ sage, denken immer noch alle an das Wort „Klauen“. Ich merke das immer beim Argumentationstraining gegen Stammtischparolen, wie voll wir von bigotten Bemerkungen, bigotten Sprüchen sind. Davon kann ich immer acht Flipcharts vollschreiben. Das heißt nicht, dass wir sie dauernd anwenden, aber wir haben sie im Kopf. Und wenn etwas passiert, was uns dazu verleitet, sie anzuwenden - ein aktuelles Beispiel ist die Zuwanderung von Menschen aus Bulgarien und Rumänien - dann sind sie alle wieder da: „Kinder bringt die Wäsche rein“ beispielsweise. Wir haben Verknüpfungen im Kopf, und die lassen sich aktivieren - und das ist nichts anders als das, was wir im Workshop machen. Wir sind eben gesellschaftlich noch nicht so aufgestellt, dass wir da ein wirkliches Bewusstsein haben. So etwas wie „Racial Profiling“, dass also immer bestimmt Leute im Zug nach ihren Ausweisen gefragt werden und dass nur bestimmte Leute nicht in Discos reindürfen und bestimmte Leute nicht zu Vorstellungsgesprächen eingeladen werden - also, das ist nicht immer böse Absicht. Das ist das, was unser Gehirn mit uns macht, Hirnforscher wissen das. Damit müssen wir uns auseinandersetzen, institutionell und auf der Verhaltensebene, wenn wir nicht wollen, dass uns das immer wieder vor die Füße fällt.

Wie funktioniert Diskriminierung?

Man nehme irgendein willkürliches Merkmal, z.B. die Augenfarbe, teile eine Gruppe nach diesem Kriterium auf, nehme eine Handvoll Vorurteile über diese Gruppe, behandele die Gruppe so, als wenn diese Vorurteile auch noch stimmen würden - dazu braucht man Privilegien und Macht - und guckt sich dann an, wie sich die Leute verhalten. Man muss sich ja irgendwie verhalten, wenn man Diskriminierungserfahrungen macht. Die meisten Leute versuchen, das zu verdrängen, versuchen, darauf nicht zu reagieren, versuchen, ruhig zu bleiben. Das ist anstrengend. Manche Leute gehen in den Widerstand und sagen: Ich muss mir das nicht gefallen lassen - auch das kostet furchtbar viel Energie. Manche Leute versuchen zu beweisen, dass die Vorurteile über sie nicht stimmen - sie werden dann aber genauer beobachtet, ob die Vorurteile nicht vielleicht doch stimmen. Das sieht man übrigens in dem Film sehr gut. Manche Leute versuchen, sich dem zu entziehen, was ein legitimes Mittel ist, aber in unserem Schulsystem bis vor kurzem dazu geführt hat, das 50 Prozent der ausländischen Schülerinnen und Schüler keinen Schulabschluss gemacht hat. Das Schlimme ist, dass wir das Verhalten von Menschen, die Diskriminierungserfahrungen machen, dann nur angucken und sagen: Mein Gott, wie reagieren die denn? Wir bewerten dieses Verhalten ja: Die sind zu blöd, eine Ausbildung zu machen, die wollen sich nicht an Regeln halten, wenn sie in den Widerstand gehen. Oder aber diejenigen, die versuchen, mitzuschwimmen, ohne dass sie erzählen, was ihnen alles passiert. Für mich ist es eine unglaubliche Erfahrung, seitdem ich diese Workshops mache. Menschen erzählen mir, was ihnen tagtäglich passiert. Ich hatte überhaupt keine Ahnung, dass ich in einem privilegierten Paralleluniversum existiere. Mir ist nicht klar gewesen, dass ich bestimmte Erfahrungen nicht mache, weil ich heterosexuell bin, weil ich christlich erzogen bin, weil ich Westdeutscher bin, weil ich ein Mann bin und weil ich 1,80 Meter groß und keine Behinderung habe. Im Prinzip habe ich von diesem Thema also überhaupt keine Ahnung, weil: Mich trifft‘s ja nicht. Aber ich will auch nicht, dass es anderen passiert.

Zur Person: Jürgen Schlicher arbeitet seit 15 Jahren im Trainingsbereich zu Diversity Management, Nicht-Diskriminierung und Interkulturalisierung. Der Diplom-Politikwissenschaftler und Soziologe ist Mitbegründer des “Dokumentations- und Informationszentrums für Rassismusforschung“ und brachte das Projekt „Schule ohne Rassismus“ nach Deutschland. 1994 machte er die Ausbildung bei Jane Elliot und hat seither rund 450 „Blue Eyed“ -Workshops für Schulklassen, Einrichtungen, Vereine und Non-Profit-Organisationen im deutschsprachigen Raum gegeben. Zusammen mit Melissa Lamson hat Jürgen Schlicher das Diversity-Zertifizierungsprogramm entwickelt, in dessen erstem Durchlauf 2007/08 neun Trainerinnen und Trainer ausgebildet wurden. Schlicher hat unter anderem auch einen Lehrauftrag der Leibniz-Universität Hannover zum Thema Führen vielfältiger Teams. Dort bieter er auch das „Argumentationstraining gegen Stammtischparolen“ an.

Der Film „Der Rassist in uns“: Absolut ahnungslos nehmen 39 Personen an einem vierstündigen Workshop in Hamburg teil, der sich als beklemmendes Anti-Rassismus-Training entpuppt. Wie schnell Menschen Opfer von Diskriminierung, aber auch zu Tätern werden können, zeigt das Social Factual-Format „Der Rassist in uns“ in ZDFneo am Donnerstag, 10. Juli 2014, 22.15 Uhr.

Braune Augen, blaue Augen - nach diesen Kriterien werden in „Der Rassist in uns“ zwei Gruppen eingeteilt und auffällig unterschiedlich behandelt. Die Blauäugigen werden von Workshop-Leiter Jürgen Schlicher und seinem Team diskriminiert, erniedrigt und verunsichert, Widerspruch und Aufbegehren zwecklos. Die Braunäugigen werden bevorzugt behandelt und in ihrer Rolle der machtvollen Privilegierten bestärkt. Ihnen wird bewusst gemacht, wie stark das Gefühl der Überlegenheit und der Macht verunsichern kann.

Die Sozialpsychologen Prof. Dr. Juliane Degner und Prof. Dr. Mark Schrödter verfolgen zusammen mit Moderator Amiaz Habtu den Workshop über Monitore und kommentieren das Verhalten der Teilnehmer, zeigen die Mechanismen der Diskriminierung auf und machen deutlich, in welchen Situationen diese Tag für Tag in Deutschland spürbar ist.

Am Ende des Selbstversuchs diskutieren die Teilnehmer gemeinsam mit den Psychologen, dem Workshop-Leiter Jürgen Schlicher und dem Moderator Amiaz Habtu über ihre Erfahrungen und die Möglichkeiten, gegen Diskriminierung im Alltag vorzugehen.

Für die Sendung startet ZDFneo eine Anti-Rassismus-Fotoaktion auf dem Blog derrassistinuns.zdfneo.de. Unter dem Hashtag #DerRassistInUns werden die Bilder in den sozialen Netzwerken verbreitet.