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Medien & TV Votum für Düsseldorf beschäftigt Song-Contest-Gemeinde
Nachrichten Medien & TV Votum für Düsseldorf beschäftigt Song-Contest-Gemeinde
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09:31 20.10.2010
Von Imre Grimm
Vier Wände für ein Halleluja: In der Esprit-Arena in Düsseldorf, Heimatstadion des Zweitligisten Fortuna Düsseldorf, sollen im Mai 2011 rund 24.000 Grand-Prix-Fans Platz finden.
Vier Wände für ein Halleluja: In der Esprit-Arena in Düsseldorf, Heimatstadion des Zweitligisten Fortuna Düsseldorf, sollen im Mai 2011 rund 24.000 Grand-Prix-Fans Platz finden. Quelle: dpa
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Er hat sich Lena schon mal unter den Arm geklemmt, auch wenn sie nur aus Pappe ist. So groß war die Freude von Düsseldorfs Oberbürgermeister Dirk Elbers (CDU) über den gelungenen Grand-Prix-Coup, dass er sich am Mittwoch in triumphaler Pose mit einer lebensgroßen Lena-Klapptafel ablichten ließ („So habe ich mir Lena gekrallt“). Ein Stadtvater außer Rand und Band: „Als ich den Anruf bekam, hab’ ich zum ersten Mal in meinem Büro ein Glas Champagner getrunken. Das mache ich sonst nie! Aber dieser Augenblick war so emotional – da musste ich erst mal ein bisschen lockerer werden.“ Elbers ließ sich gar zu folgendem Satz hinreißen: „Es ist ein bedeutender Tag für die Stadt und mich.“

Jubel in Düsseldorf – Enttäuschung in Hannover, Hamburg und Berlin. Zumeist blieb man norddeutsch-sportlich, die hannoverschen Grünen jedoch nannten das Votum für Düsseldorf „eine ärmliche Entscheidung des NDR gegen die Nordländer“. Da finde „endlich wieder ein solch internationales Ereignis in Deutschland statt, mit einer Sängerin aus Hannover – und Deutschland entscheidet sich für Düsseldorf“, murrte Ingrid Wagemann, jugendpolitische Sprecherin der Grünen im Rat. Düsseldorf? – Die europäische Grand-Prix-Gemeinde stutzte kurz, kann mit dem Votum aber leben. Auf der offiziellen Seite www.eurovision.tv gab es viel Zustimmung („Congratulations Dusseldörf from Spain! Eine gute Wahl!“) – aber auch Kritik („Peinlich! Berlin wäre besser gewesen.“).

Hannovers Eventmanager Klaus Timae­us sagte: „Wir waren bis zur letzten Sekunde im Rennen.“ Zu stark aber waren die Fakten, die für Düsseldorf sprachen: Die Modemetropole war die einzige Bewerberin ohne Erstliga-Fußballmannschaft – alle anderen großen deutschen Arenen werden im Mai 2011 für die Bundesliga benötigt. Die 55.000 Zuschauer fassende Esprit-Arena wird für den Contest quasi in der Mitte geteilt – eine Hälfte für Bühne, Backstage, Aufbauten, eine Hälfte für die Zuschauer. In der größten Messehalle in Hannover hätten allerhöchstens 12.000 Menschen Platz gefunden. Bei Ticketpreisen von geschätzt bis zu 100 Euro für das Finale und deutlich weniger für die beiden Halbfinals sowie die drei öffentlichen Generalproben (sechs Shows) ergibt das sehr grob überschlagen eine Summe von fünf bis sieben Millionen Euro, die sich durch Eintrittsgelder refinanzieren ließen – vorausgesetzt, die Hütte ist auch während der Proben voll. In Oslo kosteten Finaltickets 150 bis 200 Euro. Probenkarten soll es 2011 für etwa 20 Euro geben. Die Preise stehen noch nicht fest. Vorverkaufsstart ist Mitte November.

Hamburg und Hannover reagieren cool – richtig sauer ist man dagegen im unterlegenen Berlin, wo sowieso alles außer Berlin als tiefste Provinz gilt. Das ist die Hauptstadt nicht gewohnt, dass sie nicht automatisch erste Wahl ist. Die vergangenen sechs Song Contests fanden allesamt in der jeweiligen Hauptstadt statt: Oslo (2010), Moskau (2009), Belgrad (2008), Helsinki (2007), Athen (2006) und Kiew (2005). „Düsseldorf ist die drögste Stadt Deutschlands“, schimpfte die kulturpolitische Sprecherin der Berliner Grünen-Faktion, Alice Ströver. „Die werden sich nicht mit Ruhm bekleckern.“ Diverse Berliner machten sich im Netz Luft und lästerten über die „Lackaffen-Metropole“ am Rhein. Das mag der Berliner einfach nicht, wenn die Musik woanders spielt. Die Hauptstadt hatte zuletzt eine aufblasbare Traglufthalle am Flughafen Tempelhof geplant. Darin hätten nur 8800 Zuschauer Platz gefunden (plus 1000 Stehplätze – wer hat bloß solche Ideen?).

Den bisherigen Grand-Prix-Hallen­rekord hält Kopenhagen 2001, wo 35.000 Fans in einem überdachten Stadion das Finale verfolgten. Der Stimmung war diese Gigantomanie nicht unbedingt zuträglich. 24.000 Zuschauer scheinen da ein guter Kompromiss. „Moskau und Oslo haben die Messlatte mit großen Hallen sehr hoch gelegt“, sagte NDR-Intendant Lutz Marmor. Diesem Trend könne sich Deutschland nicht widersetzen.

Letzte Zweifel sind unterdessen verflogen, dass Lena im kommenden Jahr erneut für Deutschland an den Start geht. Damit wird es keine Neuauflage der erfolgreichen ARD/PRO7-Show „Unser Star für ...“ geben. Stattdessen ist für Frühjahr 2011 eine Musikshow geplant (denkbarer Titel: „Ein Lied für Deutschland“), in der das TV-Publikum den geeigneten Song für Lena aussuchen soll. Der NDR bestätigte am Mittwoch, dass die ARD, die ARD-Jugendradios und PRO7/Brainpool zu diesem Zweck wieder zusammenarbeiten wollen. Details werden in Kürze besprochen.

Einer übrigens freut sich ebenfalls auf Düsseldorf: Ralph Siegel, bei dessen Erwähnung der Zusatz „Grand-Prix-Urgestein“ nicht fehlen darf. „Düsseldorf ist eine schöne Stadt“, sagte er am Mittwoch. Und droht schon mal: „Ich hoffe, dass man mich einladen wird – ansonsten könnte es sein, dass ich für ein anderes Land teilnehmen werde.“ Mag sich die Grand-Prix-Welt verändern – Siegels Kampf geht weiter.