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Medien & TV Von „Kokowääh“ zum Kommissar
Nachrichten Medien & TV Von „Kokowääh“ zum Kommissar
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07:28 17.11.2011
Von Imre Grimm
Til Schweiger: Wird er „Tatort“-Kommissaroder nicht?
Til Schweiger: Wird er „Tatort“-Kommissaroder nicht? Quelle: dpa (Archivbild)
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Hamburg

Ist das jetzt ein Karriereknick oder ein Aufstieg? Und ist das nun eine gute oder eine schlechte Nachricht für die erfolgreichste deutsche TV-Krimireihe? Til Schweiger kehrt zurück ins deutsche Fernsehen. Der 47-Jährige soll im kommenden Jahr neuer NDR-„Tatort“-Kommissar in Hamburg werden. Schweiger löst den – wie das in der Bundesliga hieße – „glücklosen“ Mehmet Kurtulus ab, der seit 2008 als verdeckter Ermittler Cenk Batu für den NDR im Einsatz war.

Das Gerücht ist seit Wochen auf dem Markt – nun seien sich der NDR und Schweiger einig. Die Verträge lägen zur Unterschrift bereit, die Dreharbeiten für die erste Folge begönnen im Frühsommer 2012, meldete „Bild“. Als mögliche Partner von Schweiger sollen Jürgen Vogel (43) oder Wotan Wilke Möhring (44) im Gespräch sein. Was sagt der NDR? Man hielt sich am Mittwoch auffällig bedeckt. Und dementierte nicht.

Schweiger im „Tatort“? Der sich ewig missverstanden fühlende König der deutschen Liebeskomödie? Der antiintellektuelle Feuilletonistenbeschimpfer, der im Kino zuletzt als Macho mit Welpenblick Hasen ohne Ohren bastelte, mit Nora Tschirner herumzickte und sich mit seiner Tochter Emma Tiger in „Kokowääh“ Kissenschlachten lieferte? Der soll jetzt am Hamburger Hafen die bösen Jungs jagen? Kann der das? Oder lachen die sich tot, die chinesischen Mafiosi, wenn Til Schweiger hinterm Container „Hände hoch!“ näselt? Und was wird er sein als Ermittler: Schimanski reloaded? Womanizer? Harter Bulle in Lederjacke? Kuschelkommissar?

Bislang hatte es immer etwas leicht Parodistisches, wenn Til Schweiger mit einer Knarre herumfuchtelte: in seinem charmanten, an Quentin Tarantinos blutig-lustige Trash-Optik angelehnten Regiedebüt „Der Eisbär“ (1998) etwa, wo er als Profikiller Leo mit Fluppe im Mundwinkel mit zwei silbernen Ballermännern um sich schoss. Oder 2003, in der Hochphase seines Unterfangens, in Hollywood Fuß zu fassen, als er in „Lara Croft: Tomb Raider“ neben Angelina Jolie ebenfalls einen Auftragsmörder spielte. Und auch in seinem aktuellen Kinoprojekt „The Guardian“, das er derzeit mit seiner Firma Barefoot Films entwickelt, geht es um einen – na? – Profikiller. Hauptrolle, Regie, Drehbuch, Produzent: Til Schweiger.

Für den NDR will er jetzt also quasi die Seiten wechseln – und kehrt damit zurück zu seinen Wurzeln: Von 1994 bis 1996 stand er als Kriminalkommissar Nick Siegel bereits Hannelore Elsner in der ARD-Serie „Die Kommissarin“ zur Seite. Zwei Folgen liefen damals auch als „Tatort“. Es folgte: eine beispiellose Karriere. Til Schweigers Kinofilme mit Til Schweiger in der Rolle des Til Schweiger an der Seite von Til Schweigers kleiner Tochter sind Superhits. Wenngleich Schweiger seit Jahren übel aufstößt, dass ihm die hiesige Filmkritik trotz (oder wegen) seines Erfolgs beim Mainstreampublikum hartnäckig die cineastischen Weihen verweigert.

Im Fernsehen dagegen lief’s nicht richtig rund zuletzt. In der unterirdischen RTL-Castingsoap „Mission Hollywood“ ließ er 2010 als Jurypräsident junge Nachwuchsactricen um die Wette zungenknutschen und Orgasmen simulieren, um in einer Folge, in der Kandidatin Yesim ihren BH lieber doch nicht ausziehen wollte, dann doch einzusehen: „Mach, wie du meinst. Ich will ja auch nicht als Nippel-König in die deutsche TV-Geschichte eingehen.“ Ein Flop. Auch beim Publikum. Als knallharter Law-and-Order-Mann gab sich Schweiger zuletzt bei „Markus Lanz“ im ZDF, wo er mit ordentlich Schaum vor dem Mund eine „Meldepflicht für Sexualstraftäter“ forderte („Das ist dieses deutsche Gutmenschentum, das mich so ankotzt! Das ist so beschissen in diesem Land!“) und sich dafür Applaus abholte.

Für den NDR wäre die Verpflichtung ein Coup. Mit Schweiger setzt man in Hamburg offensiv auf Quote. Nach dem Ausstieg von Robert Atzorn als Hamburger Kommissar (2008) sollte Kurtulus als zerrissener, irrlichternder Protagonist in düsteren Fällen einen härteren, schärferen Stil etablieren. Das Experiment brachte starke Filme – aber mäßige Quoten. Nach einer Auswertung des Branchendienstes Meedia rangierte Cenk Batu unter allen 16 „Tatort“-Kommissaren mit im Schnitt unter sieben Millionen Zuschauern auf dem letzten Platz. Kurtulus’ fünfter Fall – „Der Weg ins Paradies“ – läuft am 18. Dezember, sein sechster und letzter dann im Frühjahr.

Für Schweiger gibt es sicher Schlimmeres, als neben seinen Kinojobs noch ein paar ruhige, warme Jahre als „Tatort“-Kommissar zu verbringen. Zwei Fälle im Jahr soll er drehen. In Hamburg lebt noch immer seine Exfrau Dana Schweiger mit den vier Kindern, seit die Familie 2004 aus den USA zurückkehrte. Schweiger sagte am Mittwoch nur einen Satz: „Ich äußere mich nicht zu Spekulationen.“

Dieser Artikel wurde aktualisiert.

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