Menü
Neue Presse | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Medien & TV Vater des Heimcomputers C64 gestorben
Nachrichten Medien & TV Vater des Heimcomputers C64 gestorben
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
14:57 21.06.2012
Von Sascha Aust
Jack Tramiel, Gründer der Computerfirma Commodore. Quelle: Stefan Arend
Anzeige
Hannover

Die Namen des Apple-Gründers Steve Jobs und des Microsoft-Schöpfers Bill Gates sind inzwischen auch Menschen geläufig, die mit Computern nicht viel zu schaffen haben. Bei Jack Tramiel indes muss man sich schon etwas mehr für Computer interessieren, damit es klingelt. Dabei hat er die Computerwelt geprägt wie kaum ein anderer. Tramiel und seine Firma Commodore waren es, die Millionen Menschen die Tür in die digitale Welt aufgestoßen haben. Das gelang vor allem mit dem Heimcomputer C64, der in den achtziger Jahren Einzug in Millionen Kinderzimmer hielt und die Generation der heute 30- bis 40-Jährigen maßgebend geprägt hat.

Noch heute gilt der C64 als der erfolgreichste Heimcomputer aller Zeiten. Optimistische Schätzungen gehen von weltweit 30 Millionen verkauften Exemplaren aus. Durch seinen vergleichsweise geringen Preis ermöglichte der C64 erstmals selbst Jugendlichen den Zugang zu einem für damalige Zeiten leistungsstarken Rechner – und damit zu den unzähligen Computerspielen, die es für den C64 gab. Diese eröffneten zum ersten Mal einer Generation eine unbegrenzte Welt voller immer neuer Möglichkeiten. Unbegrenzt war diese Welt auch dadurch, dass es scheinbar unerschöpflichen Nachschub gab – und das gratis. Denn die Spiele wurden kopiert und auf dem Schulhof getauscht. Das war zwar illegal, nur hatte dafür seinerzeit kaum jemand ein Bewusstsein. Die Spiele waren da und wollten gespielt werden. So einfach war das.

Anzeige

Pessimistisch betrachtet, wurde damit der Grundstein für die Gratiskultur des Internets gelegt. Auf der anderen Seite stand allerdings die Begeisterung für alles Digitale, die der C64 bei seinen Nutzern ausgelöst hat. Diese Begeisterung ebnete den Weg in die Computer- und Internetwelt, wie wir sie heute kennen.

Geboren wurde Tramiel 1928 als Sohn jüdischer Eltern in Lódz. 1944 wurde er von den Nationalsozialisten ins KZ Auschwitz verschleppt, von dort führte sein Weg in das Arbeitslager Hannover-Ahlem. Tramiel musste für die Continental Panzerketten herstellen. Am 10. April 1945 wurde das Lager von der US-Armee befreit. An diesen Moment erinnerte sich Tramiel Jahrzehnte später noch genau: „Ein Panzer kam hereingefahren, die Luke öffnete sich, und ein Soldat mit Davidstern auf der Brust rief in mehreren Sprachen: ‚Ihr seid frei'.“

Nach dem Krieg wanderte Tramiel in die USA aus und baute einige Jahre später das Unternehmen Commodore auf. Anfangs handelte er mit gebrauchten Schreibmaschinen, die er auch reparierte. Der Einstieg in die Computerindustrie erfolgte in den siebziger Jahren mit einfachen Taschenrechnern.

Einen Platz in den Geschichtsbüchern der Computerindustrie eroberte sich Tramiel bereits mit dem Commodore PET (Personal Electronic Transactor), der 1977 auf dem Markt kam und mit dem Apple II konkurrierte. Im Juni 1980 stellte Commodore dann den VC 20 vor, der in Deutschland bei einem Preis von 700 DM dem Ruf eines „Volkscomputers“ gerecht wurde. Noch erfolgreicher wurde jedoch das Nachfolgemodell, das 1982 auf den Markt kam, eben der legendäre C64. Zwei Jahre später musste Tramiel Commodore allerdings den Rücken kehren – unfreiwillig. Der als Chefcholeriker verschrieene Tramiel hatte mit seiner hemdsärmeligen Art in dem inzwischen börsennotierten Unternehmen einen seiner Söhne im Topmanagement platzieren wollen. Das allerdings passte den Aufsichtsgremien nicht, die ihn aus dem eigenen Unternehmen drängten.

Tramiel verkaufte seine Commodore-Aktien und stieg mit dem Geld beim angeschlagenen Konsolen-Hersteller Atari ein. Dort startete er seine nächste Erfolgsgeschichte: Unter dem Management seinen Sohnes Sam Tramiel ließ er den Atari ST konstruieren. Dieser Heimcomputer verfügte wie der Apple Macintosh über eine grafische Bedienungsoberfläche, die mit einer Maus gesteuert wurde. Allerdings kostete der Atari deutlich weniger als die Apple-Modelle. Mit dem Erfolg des Windows-Betriebssystems aus dem Hause Microsoft sank der allerdings Stern von Atari wieder. Daran konnte auch Jack Tramiel nichts mehr ändern, der im Rentenalter bei Atari wieder das Ruder ergriff, nachdem sein Sohn Sam einen Herzinfarkt erlitten hatte. 1996 übernahm der Festplattenhersteller JTS die Aktien von Atari, ohne dem Unternehmen neue Innovationskraft einhauchen zu können.

Außerhalb der Computerbranche machte sich Tramiel als Förderer des Holocaust-Museums in Washington und des Museums für die Geschichte der polnischen Juden in Warschau einen Namen. Damit hielt er sich an ein Versprechen, dass er sich bei seiner Befreiung 1945 gegeben hatte: Nichts von dem Grauen sollte vergessen werden. Nach Ahlem selbst war Tramiel 2006 zurückgekehrt, um das Grab seines Vaters zu besuchen, der in dem KZ gestorben war. Lange Jahre hatte er das wieder und wieder aufgeschoben, obwohl er in Hannover war: Auf der Messe stellte er seine Computer vor. „Doch ich wollte nicht erinnert werden“, sagte Tramiel, als er die Gedenkstätte dann doch besuchte und sich mit dem mit dem Ort konfrontierte, an dem ihm seine familiären Wurzeln entrissen wurden. Jack Tramiel starb am 8. April 2012 im kalifornischen Monte Sereno im Kreise seiner Familie.